Sonntag , 27. September 2020
Godeke Klinge mit seinem Notfall-Set: Der Lüneburger gehört zur Leitung des psycho-sozialen Notfallteams des THW. Foto: ca

Seelsorge für THW-Helfer

Lüneburg. Dem Tod sind die Helfer des Technischen Hilfswerks nur knapp entgangen: Sie schauten sich in Göttingen den Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg an. Wenige Minuten später explodierte die Bombe, riss drei erfahrene Sprengmeister in den Tod. Das war im Sommer 2010. Für den Lüneburger Godeke Klinge ein Beispiel, dass seine ehrenamtlichen Kollegen Hilfe brauchen, um fürchterliche Ereignisse zu verarbeiten. Klinge zählt im THW zu den Experten für Notfallseelsorge. Jetzt ist der 58-Jährige in einen Beraterkreis des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz berufen worden, um ein Konzept zu erarbeiten, das Kindern und Jugendlichen psycho-soziale Hilfen anbietet.

Klinge ist Sozialarbeiter, seit elf Jahren Ansprechpartner für die Organisation PädIn in Scharnebeck. Nebenbei engagiert er sich im THW und bei KIT, dem Kriseninterventionsteam für Kinder und Jugendliche, das vom Kinderschutzbund, der Kinder- und Jugendpsychiatrie und PädIn getragen wird. Der Fachmann weiß, dass Ehrenamtliche Schrammen an der Seele abbekommen können, wenn sie anderen helfen. In Göttingen hätten manche daran zu knapsen gehabt, dass sie sich einer großen Gefahr ausgesetzt hätten und vermutlich nur durch Zufall unverletzt geblieben seien. Es gibt andere Fälle: in Dresden kenterte Ende 2013 ein THW-Boot bei einer Ausbildungsfahrt, zwei junge Frauen starben.

„Alle arbeiten in der Therapie oder haben ein entsprechendes Studium“

„Vor zehn Jahren haben wir das Einsatznachsorgeteam gegründet“, sagt Klinge. Seit drei Jahren leitet er die Einheit in Niedersachsen. 15 bis 20 Helfer treffen sich mehrmals im Jahr, um sich fortzubilden: „Alle arbeiten in der Therapie oder haben ein entsprechendes Studium.“ Wer in die Gruppe aufgenommen werden will, absolviert fünf Kurse, insgesamt 100 Stunden, die sich speziell mit der Betreuung von Einsatzkräften beschäftigen.

„Vor Jahren haben Leute einen Schnaps getrunken und gesagt: Das war’s. Das ist heute anders.“ Godeke Klinge, Notfallseelsorger des THW

Die Gruppe betreibt in den THW-Ortsverbänden Prävention: „Wie kann man Stressanzeichen erkennen und darauf reagieren? Es gibt Bordmittel, mit denen sich jeder selbst helfen kann.“ Aber auch die Führungscrew kann eingreifen. Denn nicht jeder steckt es locker weg, nach schweren Unfällen zu helfen oder bei Hochwasserlagen an der Elbe Tierkadaver zu bergen. Doch es können auch sehr private Dinge sein, die Helfern auf der Seele liegen. Etwa wenn sie nach der Trennung von ihrem Partner oder nach einer überraschenden Kündigung in einen ehrenamtlichen Einsatz gehen.

Während es für Erwachsene einige Angebote gibt, sieht es beim Nachwuchs anders aus. Doch auch da kann es zu Konflikten kommen. Klinge nennt ein Beispiel. In einer Jugendgruppe sei es zu einem Unfall gekommen: Bei einer Übung sei einem Jungen ein Betonring über den Fuß gerollt und habe ihn verletzt. Gegen den Jugendlichen, der den Unfall mitverursacht hatte, brach eine regelrechte Kampagne los, in sozialen Netzwerken und im Umgang untereinander. Mit Gesprächen habe man den Streit lösen können.

Menschen gehen heute anders mit belastenden Situationen um

Es gebe andere Ursachen für traumatische Erlebnisse, um Strategien dagegen wolle sich die Arbeitsgruppe des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz kümmern. „Wir fragen uns, welche Methoden wären hilfreich, wenn Kinder und Jugendliche unter große Belastungen geraten wie nach Terroranschlägen in Frankreich oder Belgien“, erklärt Klinge. In der Arbeitsgruppe feilen Wissenschaftler und Praktiker an Konzepten: „Das Projekt ist auf drei Jahre angelegt.“

Dass Menschen heute anders mit belastenden Situationen umgehen, kennt Klinge aus seiner ehrenamtlichen Praxis: „Vor Jahren haben Leute einen Schnaps getrunken und gesagt: ‚Das war‘s‘. Das ist heute anders, sie bitten um Hilfe.“ Die sollen sie dann auch finden.

Von Carlo Eggeling