Sonntag , 20. September 2020
Oberbürgermeister Ulrich Mädge bei der Inbetriebnahme der Strom-Ladestation am Marienplatz im Dezember 2016. Mit im Bild: Avacon-Technikvorstand Dr. Stephan Tenge. Foto: A/t&w

Lüneburg: Elektro-Fahrzeuge haben Vorfahrt

Lüneburg. Stuttgart hat als erste deutsche Großstadt ab 2018 ein Fahrverbot für Diesel unterhalb der Euro-6-Norm beschlossen. An Tagen mit Fe instaub-alarm sollen sie aus Teilen des Stadtgebietes verbannt werden. Auch eine Option für Lüneburg? Oder welche Wege in Sachen Mobilität will die Stadt künftig beschreiten? Darüber sprach die LZ mit Oberbürgermeister Ulrich Mädge.

Interview

Herr Mädge, hat es in Lüneburg schon mal Feinstaub-Alarm gegeben?
Ulrich Mädge: Früher hatten wir zwar schon mal Überschreitungen. Aber diese waren nicht so massiv und überstiegen nie die Grenzwerte wie in Großstädten wie Stuttgart. Durch die Umsetzung des Verkehrsentwicklungsplanes Anfang der 90er-Jahre haben wir zukunftsweisend dafür gesorgt, dass der Autoverkehr aus der Innenstadt verbannt wurde. Feinstaub- und Stickstoffoxid-Belastung sind deshalb in Lüneburg kein Problem.

Die Messanlage liegt allerdings auch am Rande der Stadt. Dadurch liefere sie „geschönte Werte“, hatten die Grünen bereits vor zehn Jahren bemängelt und das niedersächsische Umweltministerium aufgefordert, diese an eine Innenstadtstraße zu verlegen.
Das Umweltministerium schreibt vor, dass es in großen Städten sogenannte Verkehrsstationen zur Messung der Luftqualität gibt, in Städten mit einer Größe wie Lüneburg Hintergrundstationen. Die Auswertung der Messstation an der Stadtkoppel ergab für die vergangenen Jahre, dass der Grenzwert laut EU-Feinstaubrichtlinie von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft, der an einer Station nur an 35 Tagen im Jahr überschritten werden darf, an keinem Tag in Lüneburg überschritten wurde. Lediglich an Ostern und Silvester steigen die Werte.

Stärker ins Stadtrad-System investieren

Also bleibt in Lüneburg alles so, wie es ist?
Nein. Wir wollen die Menschen dazu bewegen, verstärkt auf Bus und Rad umzusteigen. Dazu werden wir zum Beispiel dem Rat vorschlagen, noch stärker in das Stadtrad-System zu investieren. Neue Standorte sollen hinzukommen, statt bisher 65 dann 110 Räder im Angebot sein. Im Rahmen des Nahverkehrsplanes, für dessen Fortschreibung der Landkreis zuständig ist, plädieren wir für eine verbesserte Taktung der Busverbindungen, eine Ausweitung der Angebote in die Abendstunden sowie eine Verzahnung von Stadt- und Regionalverkehr. Das in Kombination mit dem Stadtrad-System sehen wir als Anreiz, umzusteigen und den Autoverkehr zu reduzieren. Gleichzeitig müssen die Logistik-Verkehre umweltfreundlicher werden. Dazu sollen im Werksverkehr Diesel-Fahrzeuge durch Elektro-Autos ersetzt werden.

Kritiker bemängeln allerdings, dass in Lüneburg zu wenig für den Radverkehr getan wird. Das Stadtrad-System ist doch nur ein Baustein.
Allein in diesem Jahr werden wir rund 1,2 Millionen Euro in den Ausbau und die Sanierung von Radwegen investieren. Wir sind auch dabei, die Zubringerstrecken an der Bleckeder und der Dahlenburger Landstraße zu verbessern. Außerdem wollen wir Verknüpfungen mit den Randgemeinden schaffen. So soll zum Beispiel der Wirtschaftsweg von Reppenstedt nach Jüttkenmoor als Radroute ausgebaut werden, die dann weiter führt zum Lambertiplatz. Eine weitere Route soll abseits der Straßen von Vögelsen durch das geplante Neubaugebiet Wienebüttel und das Gelände der Psychiatrischen Klinik in die Innenstadt führen. Mit dem Landkreis sind wir im Gespräch über einen Radschnellweg nach Bleckede, der an den Elbe-Radweg anknüpfen soll. Den Radverkehr zukunftsfähig aufzustellen, sehen wir als wichtige Aufgabe an. Aber es ist auch eine Frage der Finanzen vor dem Hintergrund, dass wir aufgrund des Entschuldungsvertrages zu einem ausgeglichenen Haushalt verpflichtet sind.

Lieferverkehr auf Elektrofahrzeuge umstellen

Die Elektromobilität hat zwar Fahrt aufgenommen, aber ist Deutschland für die Elektro-Wende schon gut aufgestellt?
Wir setzen auf Innovationen bis 2025, auch weil China schon jetzt Elektromotor der Autowelt ist. Wolfsburg will Modellstadt für E-Fahrzeuge werden, Stuttgart den Anteil bis 2025 auf 50 Prozent erhöhen. Das Netz der Ladestationen wollen wir forcieren – ein Baustein des Elektromobilitätskonzeptes, an dem wir mit dem Landkreis arbeiten. Dazu gehört auch die Umstellung der Lieferverkehre auf Elektrofahrzeuge. Vorreiter ist da schon jetzt die Post, die ihre Paketzustell-Flotte schrittweise auf Elektro-Autos umstellt. Eine Zukunfts-Idee für Lüneburg könnte sein, dass es ein Verteilzentrum für Waren am Bilmer Berg gibt, von wo aus diese mit Elektro-Autos in die Stadt gebracht werden. Zurzeit informieren wir uns, welche Modelle große Städte vorlegen. Wer jetzt nicht mitgeht, ist in zehn Jahren nicht mehr zukunftsfähig.

Bedeutet das, dass in einigen Jahren nur emissionsfreie Fahrzeuge in die Innenstadt dürfen?
Wenn die Technik so weit ist und die Rahmenbedingungen stimmen, sollten Unternehmen wie die AGL oder die GfA, Busunternehmen, Handwerker und Lieferanten ihre Flotte umstellen. Voraussichtlich ab 2020 würden wir Sondergenehmigungen für Fahrten durch die Innenstadt nur noch für Diesel-Fahrzeuge der Euro-6-Norm oder eben Elektro-Autos vergeben.

Von Antje Schäfer