Sie gehören dem Ethikkomitee an (v.l.): Doris Paland, Dr. Claus-Heinrich Müller und Pia Hoffmann. (Foto: be)

Klinikum Lüneburg: Ethikkomitee hilft bei medizinischen Grenzfällen

Lüneburg. Ein 70-jähriger Patient ist an Dickdarmkrebs in weit fortgeschrittenem Stadium erkrankt, er wird per Magensonde durch die Bauchdecke ernährt. Nach einem längeren Aufenthalt im Klinikum wird er nach Hause entlassen. Auch bei seiner Frau wurde vor kurzem Krebs festgestellt. Wenig später muss er erneut aufgrund von starken Schmerzen und Ernährungsprob­lemen ins Klinikum, eine ambulante palliative Versorgung zu Hause war gescheitert.

Im Klinikum bittet der Patient den diensthabenden Arzt um eine erlösende Spritze, er wolle vor seiner Frau sterben. Der Arzt erklärt dem Patienten und anwesenden Angehörigen, dass dies so nicht möglich sei und bespricht mit ihnen den Wunsch des Patienten, nicht leiden zu müssen. Neben Linderungsmöglichkeiten im Sterbeprozess schlägt er vor, das Ethikkomitee einzubeziehen. Das gibt nach ausführlicher Beratung den Rat, dass der Patient palliativ im Hospiz versorgt werden solle.

Wunsch und Will des Patienten im Fokus

Das Ethikkomitee wurde vor vier Jahren von Dr. Claus-Heinrich Müller, Oberarzt der Klinik für Kardiologie, und Mitarbeitern der Intensivstation gegründet. Derzeit besteht das Team aus 18 Mitgliedern, vertreten sind Ärzte und Pflegekräfte verschiedener Kliniken im Haus sowie die Psychoonkologin Pia Hoffmann, die Patientenfürsprecherin Johanna Gerhard, die Klinikseelsorgerin Doris Paland, Jutta Aron aus dem Sozialdienst und Dr. Heiko Nolzen, Justiziar der Gesundheitsholding. Dr. Müller erläutert: „In den vergangenen Jahrzehnten sind die Möglichkeiten der Diagnostik und Behandlung stetig besser geworden.

Aber der Fortschritt bedeutet für manche Patienten auch den Einsatz von mehr Geräten und ein Mehr an Behandlung. In Grenzbereichen der Medizin, wie zum Beispiel auf Intensivstationen, bei künstlicher Beatmung, schweren Operationen, stehen schwer erkrankte Patienten oder auch deren Angehörige, wenn der Patient bewusstlos ist, manchmal vor schwierigen Entscheidungen: Soll die Behandlung weiter fortgesetzt oder besser begrenzt werden? Was spricht dafür und dagegen?

Wunsch und Wille des Patienten stehen dabei immer im Mittelpunkt, doch nicht jeder ist zu einer Mitentscheidung über die Therapie in der Lage, weil er sich damit überfordert sieht oder sein Krankheitszustand dies zum Beispiel nach einem Schlaganfall nicht möglich macht. Auch Patientenverfügungen seien oft so unkonkret gefasst, dass sie dem Behandler-Team nicht als Grundlage nützen. Dr. Müller verweist auch darauf, dass nur zirka 20 Prozent aller Patienten dokumentiert haben, welche medizinischen und lebensverlängernden Maßnahmen sie zulassen oder ablehnen.

Unterschiedliche Einschätzungen oder Behandlungsansätze

„In solchen Situationen kann es sehr hilfreich sein, wenn der Patient oder Angehörige das Ethikkomitee bitten, den Fall zu beraten“, ist die Erfahrung von Doris Paland und Pia Hoffmann. Dabei versuche man Einblick zu bekommen, ob es unterschiedliche Einschätzungen oder Behandlungsansätze gebe. Die Einbeziehung der Angehörigen sei dabei sehr wichtig, da sie eine wesentliche Hilfe darstellen, den mutmaßlichen Patientenwillen zu ermitteln. Dies bildet die Grundlage für weitere Empfehlungen.

Aber auch die Einbeziehung der Pflegekräfte hat hohen Stellenwert, da sie durch ihren engen Kontakt im Klinikalltag oft einen anderen Blick auf den Patienten haben. Nach der Beratung geben die Teilnehmer eine Empfehlung, wie in dem konkreten Fall vorgegangen werden sollte. Die Therapieentscheidung liegt aber letztendlich bei den behandelnden Ärzten und dem Behandlungsteam.

Das Komitee entwickelt außerdem Empfehlungen für Patientenverfügungen oder Dokumentationen bei Therapiebegrenzungen, organisiert die Fort- und Weiterbildung der Mitarbeiter in medizinischer Ethik und lädt zum Ethik-Café ein, wo entsprechende Fragen diskutiert werden.

Patienten, Angehörige und Mitarbeiter können sich an das Komitee unter der Rufnummer 04131/773402 wenden oder per Mail an ethik@klinikum-lueneburg.de.

Von Antje Schäfer