Vorsichtig legt Archäologe Patrick du Mont die menschlichen Gebeine frei, die im Erdreich in Höhe der Grundmauern des Scharnebecker Klosters gefunden wurden. Foto: dth

Kloster, Knochen und Kloake: Archäologen graben in Scharnebeck

Scharnebeck. Oft graben Archäologen aus, was Historiker aufgrund schriftlicher Quellen längst zu wissen glaubten. Dabei fördern sie abe r auch neue Erkenntnisse zutage. So wie jetzt in Scharnebeck. Dort lässt die Samtgemeinde bei der Domäne derzeit ein rund 900 Quadratmeter großes Baufeld untersuchen, wo einst ein Teil des Scharnebecker Klosters sowie ein späteres herzögliches Amtshaus gestanden haben. Dort soll bald an historischer Stätte ein Anbau für die Scharnebecker Grundschule entstehen. Doch vor dem Neubau kommt der Blick in den Untergrund und damit in die architektonische Vergangenheit: Die Experten des Ausgrabungsunternehmens „ArchaeoFirm“ haben dabei aber nicht nur klösterliche Grundmauern freigelegt, sondern neben dem einst tatsächlich stillen Örtchen der Mönche auch die Gebeine vierer Verstorbener gefunden.

Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft lagen wohl selten so nah beieinander wie in diesen Tagen in Scharnebeck: Während die Kinder der Grundschule in den Pausen, vor der Kulisse der St.-Marien-Kirche, über den Spielplatz toben, hocken, kriechen, graben und schaben fünf Experten nebenan – von einem Bauzaun getrennt und gut zwei Meter tiefer – in der Grube ihrer Ausgrabungsfläche. Lüneburgs Bezirksarchäologe Dr. Mario Pahlow sagt bei einem Besuch der Arbeiten: „Anfangs haben wir die Fläche von Sondengängern absuchen lassen.“ Seitdem wird Schicht um Schicht abgetragen unter der Ägide von Grabungsleiter Attila Kis.

Zu sehen sind im äußeren Bereich der Fläche die Überreste der Klostermauern aus den handgefertigten roten Klosterformatziegelsteinen. Am besten erhalten ist tatsächlich die Kloake, das gemauerte stille Örtchen. In der Nähe verläuft ein Bach, der früher umgeleitet wahrscheinlich als natürliche Spülung gedient haben könnte. Im mittleren Bereich der sandigen Fläche erheben sich etwas höher die Grundmauern des ehemaligen Amtshauses, das später an gleicher Stelle errichtet wurde. Das rechteckige, kniehohe Gebilde misst zirka zehn mal 30 Meter in der Fläche – bisher. Es könnte im Westen noch weitergehen, aber die Archäologen sind auf das Baufenster des geplanten Schulanbaus begrenzt. Pahlow deutet auf die Mauerreste des Amtshauses: „Dort finden wir die gleichen Ziegelsteine wie im Mauerwerk des Klosters. Wahrscheinlich wurde das Material beim Bau des Amtshauses wiederverwendet.“

Zudem deuten Verfärbungen im Boden sowie die Überreste von Holzpfosten auf mittelalterliche Grubenhäuser hin, die vor dem Klosterbau ab 1253 hier standen. Am westlichen Ende der Grabungsstelle haben die Archäologen zudem den alten steinernen Fußboden des Klostergebäudes freigelegt, gesetzt im Fischgrätenmuster.

Sobald die Untersuchungen abgeschlossen sind, wird das Areal wieder verfüllt, so Pahlow. Der geplante Schulanbau wird mit einer Sohlplatte oben drauf gesetzt, so dass die archäologische Fundstätte im Boden für spätere Generationen erhalten bleibt, sollte die Schule irgendwann mal wieder abgerissen werden. Pahlow: „Ich könnte mir vorstellen, dass einige Fundstücke künftig in der Schule ausgestellt werden. Das liegt aber bei der Samtgemeinde.“

Ein Überraschungsfund sind die Gebeine vierer Menschen. Das Geschlecht konnte Patrick du Mont, Archäologe mit Spezialkenntnissen der Anthropologie, aufgrund der Fundlage – nur Schädel sowie Oberschenkel-, Schienbein- und Oberarmknochen – zunächst noch nicht bestimmen. Mittlerweile steht fest: Drei der Toten sind männlich. Zudem stellte er fest, dass einer der Menschen zu Lebzeiten wahrscheinlich an einer Mittelohrentzündung gelitten habe, darauf deutete eine poröse Stelle am Schädelknochen hin. Du Mont: „Vermutlich ist dieser Mensch so um die 40 Jahre alt geworden“, sagt er.

Nach Einschätzung der Archäologen stammen die Gebeine aus der Bauzeit des Klosters oder davor. Denkbar sei auch, so Pahlow, dass nach dem Abriss der Klostermauern und dem Aufbau des herzöglichen Amtshauses Teile eines früheren Friedhofs abgegraben wurden und zusammen mit Schutt zum Verfüllen in die Baugrube gekippt wurde. Möglicherweise könnte es sich auch um Gebeine damaliger Mönche handeln. Die Knochen werden zu einer genaueren Untersuchung ins Labor gehen. Ob später eine Nachbestattung durchgeführt werden soll, müsse mit der Kirchengemeinde geklärt werden, sagte Pahlow.

Von Dennis Thomas und Daniel Behrends