Freitag , 30. Oktober 2020
Die beiden Organisatoren Prof. Dr. Thomas Schomerus (l.) und Reinhard Günzel (r.) mit Prof. Dr. Hubert Weiger, Vorsitzender des Bundes für Umwelt- und Naturschutz (BUND) Deutschland. Foto: be

Nachhaltigkeitsräte und deren Einfluss

Lüneburg. Prof. Dr. Hubert Weiger, Vorsitzender des Bundes für Umwelt- und Naturschutz (BUND) Deutschland, berät die Bundesregierung in Sachen Nachhaltigkeit. An der Lüneburger Universität diskutierte er bei einer von Reinhart Günzel und Prof. Dr. Thomas Schomerus organisierten Veranstaltung mit rund 60 Forschern und Praktikern, wie Nachhaltigkeitsräte wirksam Politik beeinflussen können. Die LZ sprach mit dem Experten über das Thema.

Professor Weiger, Sie sind seit 2013 Mitglied im Rat für Nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung. Welche Aufgabe haben Nachhaltigkeitsräte?
Prof. Dr. Hubert Weiger: Wir haben nur eine Erde, tun aber, als ob wir vier davon hätten. Klimaerwärmung, Wetterextreme und Verlust der Artenvielfalt sind die Folgen. Auf die Belastungsgrenzen unserer Erde hinzuweisen, ist eine der zentralen Aufgaben von Nachhaltigkeitsräten. Wir brauchen eine tiefgreifende gesellschaftliche Diskussion um Nachhaltigkeit. All unserem Handeln, unserer Politik und Wirtschaftspolitik muss das Ziel zugrunde liegen, die natürlichen Lebensgrundlagen weltweit zu bewahren und ein Leben in Würde für alle Menschen zu gewährleisten. Hier sehe ich den Auftrag von Nachhaltigkeitsräten: Regierungen zu beraten und auf diesem Weg zu unterstützen und die gesellschaftliche Debatte auch durch eigene Initiativen zu fördern.

Wann war der Rat zuletzt erfolgreich dabei, der Bundesregierung auf den Zahn zu fühlen?
Den ungebremsten Flächenverbrauch zu mindern ist ein Ziel, das der Rat seit vielen Jahren mit Nachdruck in die öffentliche Debatte bringt. Generell setzt sich der Rat mit Erfolg dafür ein, dass die Strategie der Bundesregierung langfristige und messbare Ziele enthält. Die Herausforderung liegt darin, diese anspruchsvoll genug zu formulieren und Schritt für Schritt umzusetzen.

Auch in Lüneburg gibt es, wie in vielen Städten, einen Nachhaltigkeitsrat. Was bewirken die lokalen Räte?
Nachhaltige Veränderungen sind auf lokaler Ebene unmittelbar erlebbar, zum Beispiel im öffentlichen Nahverkehr, bei der Vermarktung regionaler Produkte, auch im Bildungsbereich. Nachhaltigkeitsräte können dies voranbringen. Sie stellen den Kontakt zu wissenschaftlichen Einrichtungen her, zum Beispiel in Lüneburg zur Universität. Die Aufgabe der Räte liegt darin, Bürgerbeteiligung und Stadtverwaltungen zu stärken bei Vorhaben zur öffentlichen Beschaffung, beim Naturschutz oder in der Stadtplanung.

Interview

Wie können sich Bürger in die Arbeit der Räte einbringen?
Die Möglichkeit besteht über Projekte und Diskussionsveranstaltungen wie der in Lüneburg am vergangenen Freitag. Und der Rat für Nachhaltige Entwicklung lädt jährlich zu einer großen Konferenz nach Berlin ein. Vom 30. Mai bis 5. Juni 2017 finden außerdem die „Aktionstage Nachhaltigkeit“ statt, die dem Engagement für mehr Nachhaltigkeit im ganzen Land Sichtbarkeit verleihen. Jede und jeder ist eingeladen, sich vor Ort mit seinem Projekt zu beteiligen.

Was ist für Sie aktuell das wichtigste Nachhaltigkeitsziel, für das Sie sich einsetzen?
Die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen vom Herbst 2015 bieten mir eine wichtige Orientierung. Das zweite dieser 17 Ziele will den Hunger weltweit beenden, indem eine nachhaltige Landwirtschaft begründet wird. Hier stehen wir vor großen Herausforderungen. Wir müssen weg von der Massentierhaltung, die nach wie vor mit dem Import von Futtermitteln wie Soja verbunden ist. Und dies aus Ländern, die die Flächen zur eigenen Nahrungsmittelproduktion benötigen. Deutlich mehr ökologischer Landbau und eine reformierte Landwirtschaftspolitik bei uns ist zugleich der Schlüssel, um die biologische Vielfalt, sauberes Wasser und kostbare Ressourcen wie die Böden zu schützen und zu erhalten.

Von Anja Humburg