Das Lösegrabenwehr, das zwischen dem Neubaugebiet Ilmenaugarten und der Willy-Brandt-Straße liegt, soll in den nächsten Jahren saniert werden. Die Kosten liegen bei 1,04 Millionen Euro. Foto: t&w

Gefährliche Schäden: Wehr am Lösegraben muss saniert werden

Lüneburg. Würde Lüneburg jetzt von einem Jahrhunderthochwasser heimgesucht werden, stünde die Innenstadt möglicherweise unter Wasser. Verhinde rn soll das eigentlich das Lösegrabenwehr, eine Schutzvorrichtung aus dem Jahr 1874, die den Pegelstand der Ilmenau innerhalb der Stadt reguliert.

Doch die Wehranlage ist in die Jahre gekommen, muss dringend saniert werden. 1,04 Millionen Euro soll die Investition kosten, einen Anteil von 156 000 Euro möchte die Stadt über Fördermittel einwerben. Im Haushalt der Hansestadt sind 884 000 Euro vorgesehen. Die Kosten sollen auf drei Jahre verteilt werden.

Jahrhunderthochwasser könnte Wehranlage zusetzen

Die städtische Anlage wird von der Abwasser, Grün & Lüneburger Service GmbH, kurz AGL, unterhalten. In einer vertraglichen Vereinbarung ist festgehalten, dass die städtische Tochtergesellschaft für Aufsicht, Unterhaltung und Betrieb zuständig ist. Sie setzt einmal jährlich die Wehrklappen in stand, führt Korrosionsschutzarbeiten durch. Zudem beseitigen die Mitarbeiter regelmäßig Dreck, Müll und angesammeltes Astwerk, überprüfen die Hydraulik.

AGL-Geschäftsführer Lars Strehse weiß daher, wie ein Jahrhunderthochwasser der Wehranlage zusetzen könnte. „Ein Wasserwirbel kann eine unheimliche Energie erzeugen, dann entsteht eine Belastung von einigen Tonnen. Es besteht also Handlungsbedarf“, sagt er. „Zurzeit laufen wir Gefahr, dass uns eine Seite der Böschung wegbricht.“ Durch den Überstrom bilde sich im Tosbecken eine sogenannte Wasserwalze, schon heute sind deutliche Spuren am Beckenrand zu erkennen.

Zudem ist eine der Wehrklappen defekt, Scharniere müssen saniert werden. „Zurzeit ist das Wehrfeld nicht mehr dicht“, sagt Volker Schulz, Bereichsleiter Umwelt. „Das könnte schlimm werden, wenn wir nicht zeitnah tätig werden.“ Auch ist eine der Heizungen kaputt, die das Festfrieren der Klappe bei starken Wetterumschwüngen verhindern soll. Er deutet auf die Betonstufe zwischen Wehrklappe und Wasser, „dort guckt der Stahl raus, das müssen wir auch sanieren“. Auch das Becken selbst ist in die Jahre gekommen, Risse überziehen den Boden.

Hölzerne Eisabweiser durch Stahl ersetzt

Die letzte große Investition hat die Stadt im Jahr 2012 getätigt. Die alten hölzernen Eisabweiser wurden durch Stahlkonstruktionen ersetzt. Wenn nach einer starken Frostperiode das Tauwetter einsetzt, Eisschollen auf das Wehr zutreiben, sollen die Eisabweiser diese auffangen, sie über ihre Bruchkante zerkleinern. „Würde das Eis einfach so gegen die Wehrklappen knallen, ist die Kraft so groß, dass sie diese umreißen könnte“, erklärt Volker Schulz. „Deshalb versucht man, sie vorher zu brechen.“ 107 000 Euro hat der Umbau gekostet.

Im Jahr 2007 wurde die Hy­draulik der Anlage zusammen mit der elektronischen Steuerung erneuert, 2002 die Brücke gebaut. „Vorher führte nur ein sogenannter Bediensteg über das Wehr, die heutige Brücke ist so stabil, dass dort notfalls auch ein Fahrzeug mit einem kleinen Kran hinauffahren kann.“ Auch dient der Übergang seit der Erschließung des Ilmenaugartens als Geh- und Radweg.

Kosten sollen auf drei Jahre verteilt werden

Für die bislang größte Investition muss die Stadt jetzt zunächst die Fördermittel abklopfen. Die Versuche, Landesfördermittel einzuwerben, seien bislang erfolglos gewesen, sagt Markus Moßmann, Umweltdezernent der Stadt. Jetzt wolle man Mittel aus dem Struktur- und Entwicklungsfonds des Landkreises einwerben – 15 Prozent der Gesamtsumme, also 156 000 Euro. „Die Stadt macht einen erheblichen Anteil der Bewohner im Landkreis aus, die finden es sicher auch nicht witzig, wenn hier ein Hochwasser ausbricht.“ Deshalb könne sich der Landkreis auch ruhig am Hochwasserschutz beteiligen.

Im Haushalt sind die Investitionen für das Wehr auf drei Jahre verteilt, 315 000 Euro in diesem Jahr, 595 000 Euro sind für 2018 vorgesehen, 130 000 Euro in 2019. Insgesamt belaufen sich die Ausgaben für die Sanierung auf 1,04 Millionen Euro. „Wir können die Planung allerdings erst aufmachen, wenn der Haushalt für 2017 genehmigt wurde“, verdeutlicht Moßmann. Wenn möglich, würde man aber gern schon in diesem Jahr die Arbeiten an den Wehranlagen durchführen, sagt Volker Schulz.

Weiter habe man aber noch nicht geplant, „es ist noch offen, wann was repariert wird“. Sicher sei aber, dass alles stetig funktionsfähig bleiben müsse. „Wir erwarten auch keinen Lärm, der die Nachbarn stört. Natürlich muss die Brücke aber immer mal wieder für die Öffentlichkeit gesperrt werden.“ Das sei schon heute vorhersehbar.

Von Anna Paarmann

Geschichte des Lösegrabenwehrs

Der Lösegraben fand seine erste Erwähnung im Jahr 1299 im Zusammenhang mit dem Bau der Ratsmühle, damals hatte er aber einen anderen Lauf als heute. Chronisten berichten zudem von einem Hochwasser im 19. Jahrhundert, das so stark war, dass es Teile der Ratsmühle wegriss.

1873/74 wurden dann der Lösegraben und das Wehr gebaut, mit einer entsprechenden Höhe, damit das Hochwasser in Richtung Bardowick abgeführt werden konnte. Damals war das Wasser in der Innenstadt vor allem deshalb wichtig, um die Mühlen zu betreiben. Der Fluss musste dort stets gleich viel Wasser führen, um Strom erzeugen zu können. Damals waren es noch Holztafeln, die hoch- und runtergefahren werden konnten, um den Wasserstand zu regulieren.

Im Februar 1941 kam das höchste dokumentierte Hochwasser nach Lüneburg, vor allem die Böschung zwischen Lösegraben und heutiger Willy-Brandt-Straße brach zu großen Teilen weg. 1964/65 wurde das Lösegrabenwehr in seine heutige Form gebracht, stählerne Fischbauchklappen wurden eingebaut. Sie werden automatisch gesteuert, die Klappen legen sich um, wenn mehr Wasser einfließt als die Innenstadt aufnehmen kann.