Samstag , 24. Oktober 2020
Susanne Nuria Gaßmüller ist als Deutsche geboren, im Alter von 21 Jahren aber zum Islan konvertiert. Sie würde sich niemals von einem Arbeitgeber verbieten lassen, ihr Kopftuch zu tragen. Foto: t&w

Europäischer Gerichtshof: Ist Kopftuch-Urteil richtige Botschaft?

Lüneburg. Chefs dürfen ihren Mitarbeiterinnen unter bestimmten Umständen während der Arbeitszeit das Kopftuch verbieten, das hat jetzt der Eur opäische Gerichtshof entschieden. Für Susanne Nuria Gaßmüller ist das ein großer Rückschritt in Zeiten, in denen der Islam durch Selbstmordattentäter immer mehr in Verruf gerät.

Die 51-Jährige ist Muslimin, sie geht nur mit Kopftuch aus dem Haus, trägt es auch bei der Arbeit. „Das würde ich mir von meinem Chef auch nicht verbieten lassen.“ Die Lüneburgerin trägt das Tuch, das locker um ihr Haar gewickelt ist, als Kopfbedeckung – sieht es nicht als Zeichen der Unterdrückung. „Haare ziehen viele Blicke an, mit dem Kopftuch fühle ich mich geschützt und gut.“

Islamische Mystik weckt Interesse

Das Interesse für den Islam flammte vor 30 Jahren auf, im Studium fühlte sie sich zunächst zu christlichen, dann zu islamischen Mystikern hingezogen. Gaßmüller lernte ihren heutigen Ex-Mann kennen, beide konvertierten zum Islam. Heute hat die Frau, die gebürtig aus dem Münsterland kommt und zehn Jahre auf Zypern gelebt hat, fünf Kinder. Seit sechs Jahren lebt die Familie in Lüneburg. „Ein tolerantes Pflaster, ich habe hier wenig schlechte Erfahrungen gemacht.“ Auch ihre Kinder hätten hier keine Probleme. Sie haben – wie ihre Mutter – neben ihrem islamischen einen deutschen Namen. „Den haben sie bislang nie in Anspruch genommen, dabei steht ihnen ihr Glauben heute frei.“

„Haare ziehen viele Blicke an, mit dem Kopftuch fühle ich mich geschützt und irgendwie gut.“
Susanne Nuria Gaßmüller, Muslimin

Susanne Nuria Gaßmüller hat sich aber nicht immer so gesehen gefühlt, sie habe viele Vorurteile ertragen müssen, selbst von ihren eigenen Eltern. „Sie haben die Entscheidung für den Islam als Entscheidung gegen sich gewertet und nicht einmal versucht, es zu verstehen“, erzählt sie. Aber auch von fremden Menschen fühle sie sich oft verurteilt. Das Misstrauen projiziert die Muslimin auf die Gewalttaten des IS. Immer häufiger werde dafür der Islam pauschal verantwortlich gemacht. „Es heißt dann, alle Muslime werfen Bomben oder sind Selbstmordattentäter.“

Welche Botschaft sendet Kopftuch-Urteil?

Genau in solchen Zeiten ein Urteil zu fällen, das es Firmen ermöglicht, muslimischen Frauen das Kopftuch zu verbieten, empfindet sie als falsche Botschaft. „Viele sehen das Kopftuch als Zwang, in Banken müssen weibliche Angestellte häufig Bleistiftrock und hochhackige Schuhe tragen – was ist das dann?“

Natürlich verurteile auch sie die Taten der Radikalen „aufs Schärfste. Ihnen fehlt der Zugang zum Islam, sie verstehen ihn nicht, missbrauchen ihn aber zur Machtdemonstration.“
Arbeitgeber hätten nie von ihr verlangt, das Kopftuch abzulegen. Problematischer sei es mit Kollegen. Denn als Muslimin betet die 51-Jährige fünf Mal am Tag, fastet zu Ramadan, isst nur mit der rechten Hand, trinkt keinen Alkohol, isst kein Schweinefleisch. „Wenn meine Kollegen dann über das nächste bevorstehende Fest reden, kann ich halt nicht mitreden.“

Rechtsradikale Bemerkungen im Dienstzimmer

Das sei für sie aber nicht schlimm, unerträglich werde es aber, wenn im Dienstzimmer rechtsradikale Bemerkungen fallen. „Dann gehe ich.“ Deshalb ist die Pflegerin heute auch in der Eins-zu-Eins-Betreuung tätig. Und mit ihren Kunden habe sie nur selten Probleme. Die Lüneburgerin arbeitet bei einer Intensivpflegegesellschaft in 12-Stunden-Schichten. „Die Eltern interessiert vielmehr, wie ich mit ihrem Kind umgehe.“ Zuvor hat sie unter anderem in einem Hospiz gearbeitet, Schicksalsschläge und auch der Tod gehören zu ihrem Alltag dazu. Kraft schöpft sie aus ihrem Glauben.

Deshalb würde Susanne Nuria Gaßmüller sich niemals verbieten lassen, ihr Kopftuch zu tragen. „Mir geht es nicht einmal darum, auf das Kopftuch zu bestehen, sondern ums Prinzip“, sagt sie. Eine solche interne Regelung müsse dann rigoros und in allen Bereichen durchgesetzt werden. Der Miniatur-Buddha müsse ebenso vom Schreibtisch verschwinden wie Tattoos oder Frisuren wie Sidecuts abgedeckt werden müssen, „schließlich sind das häufig auch Statements.“

Von Anna Paarmann

Zum Hintergrund

In Luxemburg hatten sich in der vergangenen Woche zwei muslimische Frauen gegen ihre Arbeitgeber vor Gericht gewehrt. Die Firmen hatten die Frauen entlassen, weil sie am Arbeitsplatz ein Kopftuch trugen. Das Gericht entschied, dass Firmen Kopftücher am Arbeitsplatz verbieten können, wenn ein Unternehmen generell eine religiöse und politische Neutralität festschreibt.

Privatunternehmen können dann das Tragen aller sichtbaren religiösen und politischen Zeichen ausschließen. Anwenden darf die Firma diese Regelung aber auch nur auf Mitarbeiter mit Kundenkontakt. Kundenbeschwerden können ein nachvollziehbarer Anlass sein. dpa