Der 50-Jährige (3.v.r.) und sein 21-jähriger Sohn (2.vl.) zum Prozessauftakt vor der 2. großen Strafkammer. Für den Vater übersetzte ein Dolmetscher (3.v.l.). Verteidigt wird das Duo von (v.l.) Ulrich Albers, Christian Wigger und Dr. Christian Friedel Keil. Foto: A/be

Gerichtsurteil: Vater und Sohn für Marihuana-Handel verurteilt

Lüneburg. Eine „erschreckende kriminelle Energie“ attestierte Richter Thomas Wolter dem 50-Jährigen, der in der Küche seiner Kaltenmoorer Wohnung Marihuana verkauft hatte. Wegen unerlaubten Handeltreibens mit Betäubungsmitteln wurde der Mann gestern zu einer Haftstrafe von drei Jahren verurteilt. Und er muss mit dem Widerruf einer Bewährungsstrafe rechnen. Denn zum Zeitpunkt der Hausdurchsuchung bei ihm stand er noch unter Bewährung, gerade mal vier Monate zuvor war er wegen Drogengeschäften zu einem Jahr und fünf Monaten verurteilt worden.

Den Sohn zum Verbrecher gemacht

„Sie haben Ihren Sohn mit zum Verbrecher gemacht“, hielt der Richter dem Mann vor: „Durch Observationen ist belegt: Waren Sie nicht da, handelte Ihr Sohn mit den Drogen. Sie haben keinerlei Wert auf die Zukunft Ihres Sohnes gelegt, Sie wussten ja nicht mal, was er beruflich macht – nur, dass es was mit Rechnen ist.“ Der bislang in Sachen Drogen zwar auffällig gewordene, aber nicht vorbestrafte Sohn (21) erhielt eine Strafe von einem Jahr und zehn Monaten, sie wurde zur Bewährung ausgesetzt. Zudem muss der junge Mann 200 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten.

Die Polizei durchsuchte die Wohnung an der Theodor-Heuss-Straße am 10. November 2016 und stellte rund 450 Gramm Marihuana sicher, zum großen Teil verkaufsfertig abgepackt in 237 sogenannten Klemmleistenbeuteln. Einige der Beutel fanden die Polizisten eingepackt in zwei Gefrierbeutel im Kleiderschrank im Schlafzimmer. Andere Beutel lagen in Plastiktüten in der Mikrowelle.

In einer Schublade unter der Mikrowelle lag eine Taschenlampe mit Elektroschockfunktion – laut Anklage war sie als Waffe zur Verteidigung gedacht, falls jemand die Drogen rauben wollte. Der Elektroschocker aber war nicht aufgeladen, also nicht funktionstüchtig – sonst wären die Strafen deutlich höher ausgefallen.

Marihuana-Handel im Familienbetrieb

Beide Angeklagte hatten den Handel mit Marihuana gestanden. Laut Oberstaatsanwältin Heike Lalla hatte der Vater „ein lukratives Geschäft aufgebaut“, in das sein Sohn eingestiegen ist – vor allem dann, wenn sein Vater Urlaub machte. Der Vater verbrachte regelmäßig fünf oder sechs Monate im Jahr im Libanon, seiner Heimat, aus der er vor mehr als 25 Jahren flüchtete. Die Sonne dort tue ihm gut, hätten ihm Ärzte gesagt.

Der 50-Jährige gab an, Marihuana verkauft zu haben, um seinen eigenen Konsum finanzieren zu können. Er rauche bis zu zehn Gramm täglich, um die durch eine seltene chronische Erkrankung hervorgerufenen Schmerzen zu bekämpfen. Die Geschichte kaufte ihm die Strafkammer nicht ab, denn laut Richter Wolter nahmen die Polizisten bei der Wohnungsdurchsuchung keinen Marihuana-Geruch wahr, fanden auch keine entsprechenden Utensilien: „In der Untersuchungshaft wurden auch keine Entzugssymptome festgestellt. In etwa sechs Monaten Haft haben Sie nur fünf Mal nach Schmerzmitteln gefragt.“

Vater bezieht Erwerbsunfähigkeitsrente

Dem 50-Jährigen, der in Deutschland niemals arbeitete und wegen seiner rheumatischen Erkrankung eine Erwerbsunfähigkeitsrente bezieht, hielt der Richter vor: „Sie verbringen ein halbes Jahr im Libanon, werden in Deutschland behandelt. Doch statt dankbar zu sein, handeln Sie mit Drogen und machen andere krank.“ Dem Sohn machte er den Sinn der Bewährung klar: „Noch so ein Ding in den nächsten drei Jahren und Sie kommen schnell in den Knast.“ Die Angeklagten können noch in Revision gehen.

Von Rainer Schubert