Montag , 28. September 2020
So unterschiedlich kann sich die Elbe zeigen: Die beiden Luftbildaufnahmen zeigen den Strom im Bereich Höhbeck bei Gorleben: Einmal beim extremen Niedrigwasser im August 2015 (oben) und beim extremen Hochwasser im Juni 2013. Foto: nlwkn/nh

Hochwasserschutz: mehr Raum für die Elbe

Lüneburg. Ein Abflussquerschnitt von weniger als 600 Metern wird im Bereich zwischen Schnackenburg und Geesthacht zum Problem, wenn ein Hochwasser die Elbe hinabrollt. Das wussten die Experten der „Elbstrombauverwaltung“ schon vor mehr als 100 Jahren – ohne das nachweisen zu können. Ihre Nachfolger können das heute mit modernen wissenschaftlichen Methoden. Und so ist die Forderung nach dem 600-Meter-Profil auch ein wesentlicher Bestandteil des Rahmenplans „Abflussverbessernde Maßnahmen an der Unteren Mittelelbe“, den der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz“ (NLWKN) jetzt vorgelegt hat.

Vor dem Hintergrund der „Jahrhundert“-Hochwasserereignisse von 2002, 2006 und 2011 hatten die Länder Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern das Projekt eines Rahmenplans im Jahr 2012 auf den Weg gebracht. Koordiniert von Experten des NLWKN werden seitdem mögliche abflussverbessernde Maßnahmen zusammengetragen und auf ihre Wirksamkeit hin bewertet. Für wissenschaftliche Daten sorgte vor allem die „Bundesanstalt für Gewässerkunde“, die aufschlussreiche „2-D-Modelle“ lieferte.

„Ganz wichtig ist, dass die Arbeiten am Rahmenplan von einer Projektgruppe begleitet werden, in der völlig unterschiedliche Interessen aufeinander prallen und Konflikte gleich gelöst oder abgemildert werden“, sagt Klaus-Jürgen Steinhoff vom NLWKN. In der Projektgruppe sind Gemeinden und Kreise ebenso vertreten wie Deich- und Naturschutzverbände, Biosphärenreservatsverwaltungen, Landwirtschaftskammer, Wasser- und Schifffahrtsamt und der Verein zum Schutz der Kulturlandschaft und des Eigentums im Elbtal.

Foto: be

 

 

„Wir wollen erreichen, dass die höchsten Wasserstände nicht mehr so extrem ausfallen wie 2013.“
Karsten Petersen, NLWKN

 

 

„Wir wollen erreichen, dass die Hochwasserscheitel – also die höchsten Wasserstände – nicht mehr so extrem ausfallen wie im Juni 2013“, so beschreibt Karsten Petersen vom NLWKN die Intention für den „Rahmenplan“. Ganz besonders werde man sich 24 festgestellte Engstellen mit einem Abflussquerschnitt von weniger als 600 Metern ansehen, sagt Steinhoff. Oftmals seien Deiche im Verlauf der letzten Jahrhunderte zu dicht an den Fluss herangebaut worden.

Im Vergleich zu früheren Jahrhunderten seien nur noch zehn bis 20 Prozent der Aueflächen aktiv, die im Hochwasserfall große Mengen Wasser aufnehmen können, klagt Klaus-Jürgen Steinhoff. „Aber die Menge Wasser, die die Elbe hinab fließt, ist die gleiche oder aufgrund des Klimawandels sogar noch mehr.“

Unter anderem auch ein „Kooperatives Auenmanagement“ soll hier Verbesserungen bringen. Der Rahmenplan „Abflussverbessernde Maßnahmen an der Unteren Mittelelbe“ setzt sich auch mit der Möglichkeit von Deichrückverlegungen auseinander. Als weitere Optionen werden Flutpolder, Gehölzrückschnitte, Anschlüsse von Altarmen, Bau und Reaktivierung von Flutrinnen, Vorlandabgrabungen sowie Umfluter genannt.

Steinhoff ergänzt: „Bei allen im Rahmenplan aufgezeigten Maßnahmen haben wir im Blick, dass die Elbtalaue eine sehr wertvolle naturnahe Landschaft darstellt. Sie ist als Biosphärenreservat, als FFH-Gebiet und als EU-Vogelschutzgebiet rechtlich besonders geschützt.“

Bestandteil des Plans ist auch eine sogenannte Schadenspotenzialanalyse: Hier wird berechnet, welche Schäden im Falle eines Deichbruches im ungünstigsten Fall eintreten könnten. „Die Deiche entlang des 113 Kilometer langen Elbabschnitts schützen Werte in einer Größenordnung von 4,7 Milliarden Euro“, erläutert Karsten Petersen. „Das Land Niedersachsen hat mit dem Rahmenplan ohne rechtliche Verpflichtung planerische Aufgaben für den Hochwasserschutz übernommen, um die besondere Verantwortung des Landes für die Hochwasservorsorge an der Elbe zu dokumentieren“, erklärt Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne). Und weiter: „In diesem Sinne stellt der Rahmenplan eine sehr wichtige Grundlage für das weitere Vorgehen bei den abflussverbessernden Maßnahmen dar.“

Der Rahmenplan wird nun Politik und Verwaltungen vorgelegt. Als Broschüre kann der Plan in Kürze beim NLWKN bestellt werden: www.nlwkn.niedersachsen.de. Dort ist er bereits auch in elektronischer Form abrufbar.