Donnerstag , 29. Oktober 2020

Planenschlitzer bleiben in Freiheit

Von Rainer Schubert
Lüneburg. Rund drei Jahre und acht Monate nach ihrer Festnahme wissen zwei 32 und 36 Jahre alte Marokkaner nun, dass sie nach anfangs einige n Monaten in Untersuchungshaft nicht wieder hinter Gitter müssen: Die 11. große Strafkammer am Landgericht Lüneburg hat die beiden Männer jetzt zu jeweils einem Jahr und zehn Monaten Freiheitsstrafe verurteilt und diese zur Bewährung ausgesetzt. Das Duo hatte mit einem bereits rechtskräftig verurteilten Mittäter und anderen Mittätern zwischen dem 13. März und dem 19. Juni 2013 an Raststätten und auf Parkplätzen die Planen von Lastwagen aufgeschlitzt und Markenwaren im Gesamtwert von rund 280 000 Euro erbeutet.

Ein Teil der Taten spielte sich an der A7 ab, Tatorte waren unter anderem in den Bereichen Bispingen, Walsrode und Henstedt-Ulzburg. Ihre Diebestouren starteten sie von Hamburg aus, wo sie damals wohnten, mit einem dort gestohlenen Transporter. Sie erbeuteten beispielsweise aus einem Lastwagen 4824 Caprihosen, aus einem anderen 42 000 Schals und Geldbörsen. Bei weiteren Coups flohen sie mit 236 Kartons mit Sportbekleidung, 2576 Paar Schuhen und einem großen Posten von Bekleidungsstücken.

Die Taten waren gut organisiert, die Hintermänner allerdings wurden nicht bekannt. Die Beute ging an einen Frankfurter Spediteur und wurde dann weitergeleitet in die marokkanische Heimat der Täter, wo sie verkauft wurde. Einer der beiden jetzt verurteilten Täter hatte es nicht nur bei der Beute auf Luxuswaren abgesehen, er gönnte sich auch den Luxus, für ein Dutzend Prozess­tage jeweils per Flugzeug aus seiner aktuellen Heimatstadt Barcelona anzureisen.

Die beiden Angeklagten wurden bereits nach der letzten Tat im Juni 2013 festgenommen. Zu der immens langen Verfahrensdauer kam es durch gleich mehrere Umstände. Zunächst gab die eigentlich zuständige Strafkammer die Geschichte wegen Überlastung an eine andere Kammer ab. Dann erkrankte der Richter, er musste ersetzt werden. Schließlich hatten die Angeklagten in der Revision Erfolg, der Bundesgerichtshof ging von einer fehlerhaften Kammerbesetzung aus und hob das im April 2015 von der 10. großen Strafkammer gesprochene Urteil – jeweils drei Jahre Haft – auf. Im Januar 2017 startete dann die Neuauflage vor der 11. großen Strafkammer, die nun mit den auch aufgrund der langen Verfahrensdauer ausgesprochenen Bewährungen den Schlussstrich zog.

Profi-Banden am Werk

Tatort Rastplatz
Profi-Banden haben sich in Deutschland darauf spezialisiert, Lastwagen zu plündern. Der jährliche Schaden wird von der Versicherungswirtschaft auf rund 300 Millionen Euro beziffert. Wenn Verdächtige gefasst werden, sind es laut Polizei oft Personen „aus dem osteuropäischen Ausland“. Die häufigste Vorgehensweise ist das Planenschlitzen. Die Diebe zerschneiden die Lkw-Plane, um einen Blick auf die Fracht zu erhaschen und ihren Wert abzuschätzen. Auf den Rastplätzen gibt es immer weniger Lkw-Planen ohne Flicken. Die Profis rollen bevorzugt in Transportern mit seitlicher Schiebetür heran. Sie parken dicht am Lkw, um vor neugierigen Blicken zu verbergen, dass die Beute direkt von einem Wagen in den anderen wandert. Die Tat geschieht in den meisten Fällen, während der Fernfahrer schläft. Der Geräuschpegel auf den Rastplätzen ist relativ hoch, das mindert das Risiko, bemerkt zu werden. Regionale Tatschwerpunkte sind Grenzregionen, Ballungsgebiete, das Umland großer Häfen und die Transit-Autobahnen. Auch das Hamburger Umland zählt dazu. dpa