Sonntag , 27. September 2020
Marianne Schippke ist eine couragierte Frau, die ihr Leben immer angepackt hat. Als größtes Geschenk sieht sie ihre Tochter. Foto: t&w

Weltfrauentag: Priorität liegt auf dem Mensch sein

Lüneburg. Sie gehört der Generation an, die die schweren Zeiten des Krieges, der Vertreibung und des Wiederaufbaus erlebt hat. Dabei hat die 8 7-jährige Marianne stets couragiert ihre Frau gestanden, das Leben einfach angepackt ohne zu hadern, auch wenn es nicht immer ein Zuckerschlecken war. Neugierig sein und stets Neues dazulernen, das bewegt sie. In der LZ-Serie erzählt sie, warum für sie das Menschsein oberste Priorität hat und nicht geschlechterspezifisches Handeln.

Wann haben Sie sich das letzte Mal gefreut, eine Frau zu sein, wann das letzte Mal darüber geärgert?
Marianne Schippke: Weder noch, ich habe mich immer als Mensch gefühlt. Ich hatte nie das Gefühl, gegenüber Männern benachteiligt zu sein. Wenn ich das Gefühl hatte, da läuft etwas nicht, habe ich das angesprochen oder auch reagiert. Zum Beispiel im beruflichen Bereich habe ich dann die Arbeitsstelle gewechselt. In den 1950er- und 1960er-Jahren war das kein Problem. Wir mussten doch arbeiten, hatten nichts als Flüchtlinge. Wir mussten Geld verdienen, wollten und mussten wieder aufbauen.

Als 15-Jährige muss Marianne Schippke mit Mutter, Großmutter, zwei Tanten und einer Cousine im März 1945 aus Schmiedeberg (Schlesien), heute Kowary, fliehen. Nach einer siebenmonatigen Odyssee landen sie in Lüneburg, finden bei einer Tante Unterschlupf in zwei kleinen Mansardenzimmern. „Meine Tante und Cousine waren dann beim Amt, um für mich eine Lehrstelle zu finden. Da hieß es: Für Flüchtlinge gibt es nichts.“ In der Zeitung habe sie dann eine Anzeige entdeckt: Ausbildung zur Kinderpflegerin. „Meine Mutter sagte aber, dass das nicht in Frage komme. Frauen würden doch sowieso heiraten.“ Marianne Schippke lächelt verschmitzt: „Damit wurde das nicht so schnell, ich habe mit 40 geheiratet.“ Trotz der Ansage ihrer Mutter ist sie ihren beruflichen Weg gegangen, hat Geld verdient an vielen Orten der Welt.

Wenn Sie den Frauen in Deutschland Wünsche erfüllen könnten, welche wären das?
Die Lohngleichheit ist wichtig. Es gibt keinen Grund, warum Frauen und Männer für gleiche Arbeit nicht das gleiche Gehalt bekommen sollen. Mit Blick auf die Familie wünsche ich mir, dass Männer ein ausreichend gutes Einkommen und Arbeitsplatzsicherheit haben. Das ermöglicht Frauen, sich um die Familie zu kümmern. Denn für Kinder ist es das Wichtigste, bei der Mutter die Geborgenheit zu Hause zu erfahren. Ich sehe es als sehr kritisch an, wenn sie in Krippen, Kitas und Horten untergebracht werden, weil beide Elternteile arbeiten gehen müssen, das Geld verdient wird fürs nächste Auto oder den nächsten Urlaub. Vieles in unserer Gesellschaft hat nur noch mit Konsumstreben zu tun. Ein solches Denken und Handeln ist nicht gut fürs Familienleben. Allen Frauen auf der Welt wünsche ich Gesundheit. Wenn ich gesund bin, kann ich ganz anders im Leben agieren. Aber das gilt natürlich auch für Männer. Als meine Tochter 1962 geboren wurde, habe ich gesagt: Ich erziehe sie nicht als Frau oder Mann, sondern als Mensch.

1962 kam ihre Tochter zur Welt, da sei sie „sesshaft“ geworden, erzählt Marianne Schippke. Als junges Mädchen hatte sie in Lüneburger Druckereien gearbeitet, unter anderem in der von Stern‘schen. Dann ging sie nach Schweden, arbeitete als Hausmädchen in einer reichen Familie. Während sie in einem bescheidenen Zimmerchen untergebracht war, rund um den Tag arbeiten musste, lebten ihre Arbeitgeber üppig. „Diese soziale Ungerechtigkeit ärgerte mich, kam ich doch aus einem aktiven Gewerkschaftsleben.“ Schippke wechselte in Schweden die Arbeitsstellen, war auch in einem Damenstift tätig. Gute Erinnerungen: „Die Frauen waren höflich, es wurde viel gelacht.“ Zurück in Deutschland, arbeitete sie im Hotelbereich in Süddeutschland sowie in der Schweiz, jobbte auf Kreuzfahrtschiffen. Als die Tochter kam, ging sie zurück nach Lüneburg. Arbeitsamt, Staatshochbauamt und Bezirksregierung waren berufliche Stationen. Arbeiten sei für sie selbstverständlich gewesen, „weil ich mich und meine Tochter selber versorgen musste, aber auch weil mir die Selbstständigkeit wichtig war“.

Was glauben Sie, sind die größten Unterschiede zwischen dem Leben von Frauen und Männern?
Männer können ihre Interessen besser durchsetzen. Das habe ich immer wieder erlebt oder auch durch Erzählungen erfahren. Zum Beispiel passen sich Frauen in der Ehe eher an. Das war auch bei mir so. Ich wurde so erzogen. Allerdings habe ich in meinem Leben dazugelernt und meine Konsequenzen gezogen. Dazu muss man aber Verantwortung für sein Leben übernehmen, manchmal Entscheidungen treffen, die es nicht leichter machen. Mein Leben war oft kein Zuckerschlecken, aber zurückblickend kann ich sagen: Alles war richtig und gut.

Was empfinden Sie ganz persönlich als die größte Herausforderung in Ihrem Leben als Frau?
Ich habe mein Leben nie als Herausforderung gesehen, sondern meine Aufgaben angenommen und erfüllt. Ich habe mein Leben einfach angepackt. Sicher, der Hausbau Anfang der 1960er-Jahre, den ich damals als Alleinerziehende auf den Weg gebracht habe, war schon ein schwieriges Angehen. Aber ich wollte es. Man muss das Ziel sehen, nicht den Weg. Ich habe das gemacht, was ich konnte. Den Rest hat „er“ da oben gemacht.

Und was empfinden Sie als das größte Geschenk?
Meine Tochter. Zu ihr und meinem Schwiegersohn habe ich ein wunderbares Verhältnis. Sie leben zwar in Berlin, besuchen mich aber jeden Monat in Lüneburg. Als großes Glück empfinde ich auch, dass ich in diesem schönen Haus mit Garten leben darf und von vielen lieben Menschen umgeben bin und versorgt werde. Schauen Sie, die Primel da, die hat mir meine Nachbarin gebracht. Ich wünsche mir, dass ich hier noch lange selbstständig leben kann.

Wenn Marianne Schippke in ihrem Wohnzimmer sitzt, genießt sie den Blick in den Garten auf große Rhododendren-Büsche. Die begleiten sie seit vielen Jahren. In den Regalen bis unter die Decke und auf Tischen stapeln sich Bücher. Die sind ihre Leidenschaft. „Es gibt so viel Interessantes zu entdecken. Ich bin neugierig und möchte immer dazulernen“, sagt sie strahlend. Auf dem Wohnzimmertisch liegt ein iPad. Großartige Sache, findet sie. „Damit komme ich schnell ins Internet, und das macht tolle Fotos.“ Fernseher? Ist nichts für Marianne Schippke. Die Zeitung ist für sie tägliche Informationsquelle wie auch der Deutschlandfunk, „da gibt es kein doofes Gequatsche“. Und dann ihr iPad, über das sie gerade ein Interview mit dem Philosophen Richard David Precht gesehen hat. „Ein kluger charmanter Typ. Männer beeindrucken mich sonst nicht so.“

Brauchen wir im Jahr 2017 eigentlich noch einen Weltfrauen-Tag?
Ja, Frauen sollen sich bemerkbar machen, selbstbewusst und stark für ihre Rechte eintreten. In vielen Ländern werden sie noch als Eigentum und Freiwild betrachtet. Und auch in Deutschland werden Frauen immer noch Opfer von Gewalt. Dagegen gilt es Zeichen zu setzen.

Von Antje Schäfer