Dienstag , 20. Oktober 2020
Früher hielt er Predigten, heute bringt er seinen Schülern Politik nahe: Thomas Wusterack schaffte den Quereinstieg ins Lehramt und ist seit 2009 an der Wilhelm-Raabe-Schule. Foto: be

Als Quereinsteiger von der Kanzel ins Klassenzimmer

Von Manuela Gaedicke
Lüneburg. Eigentlich hatte er seine Berufung längst gefunden: Thomas Wusterack hat immer gerne als Pastor gearbeitet. Er hat Gottesdienste gehalten, den Kirchenvorstand geleitet und war rund um die Uhr für seine Gemeinde da. Doch Wusterack hatte sich für seinen Traumjob die falsche Zeit ausgegesucht. „In den neunziger Jahren gab es eine Theologen-Schwemme und zusätzlich musste die Landeskirche viele Stellen streichen. Wie viele aus meinem Jahrgang bin ich dann nach drei Jahren nicht übernommen worden“, erzählt er rückblickend. Für ihn immer noch eine Art Trauma: „Ich war Theologe mit Leib und Seele, das war schlimm für mich. Die große Frage war dann natürlich, was macht man jetzt mit einem Theologie-Studium?“

Zurück an die Uni lautet die Alternative

Die Antwort sollte sich für den Lüneburger einige Jahre hinziehen. Er kümmerte sich zunächst um die Trauerberatung bei einem Bestattungsunternehmen und bekam von der Kirche das Angebot, in Teilzeit als Religionslehrer zu arbeiten. „Das war eine tolle Sache, um mir den Beruf anzuschauen“, erinnert sich der 55-Jährige, der sich als Lehrer von Anfang an wohlgefühlt hat. Der „richtige“ Einstieg ins Lehramt gestaltete sich allerdings etwas schwieriger. „Mir fehlte immer das zweite Fach, deshalb habe ich mich dazu entschieden, zwei Jahre lang wieder an die Uni zu gehen und Latein zu studieren“, erzählt Wusterack, der 2009 an die Wilhelm-Raabe-Schule kam. Dort ist er heute nicht der einzige Quereinsteiger.

Auch landesweit nimmt die Zahl der Lehrer, die aus ganz anderen Bereichen kommen und erst später den Einstieg ins Lehramt wagen, stetig zu. Waren es bislang pro Schuljahr rund 100, sind es aktuell rund 350 Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger „aus allen erdenklichen Fachrichtungen“, so Tanja Meister, stellvertretende Pressesprecherin im Kultusministerium. „Erstmalig wurde zum Beispiel die Möglichkeit geschaffen, auch an Grundschulen Quereinsteiger ohne Lehramtsausbildung unbefristet einzustellen“, zählt Meister eine der Maßnahmen auf, mit der Niedersachsen zusätzliche Lehrkräfte gewinnen möchte – und dafür sogar die Hürden für „die Umschulung“ gesenkt hat. So mussten Bewerber bislang beispielsweise ein sogenanntes Mangelfach wie Physik oder Chemie studiert haben, diese Regelung entfällt nun.

Lehrerjob manchmal anstrengend

Diese Neuerungen hätten vermutlich auch Thomas Wusterack den Einstieg als Lehrer leichter gemacht. Er unterrichtet mittlerweile nicht mehr die Fächer, die er studiert hat, sondern deckt aktuell den Bedarf in „Wirtschaft/Politik“ und „Werte und Normen“ ab. Lehrer zu werden hatte für den vierfachen Vater rückblickend viele Vorteile: „Als Pastor hat man natürlich sehr viele Termine am Abend und am Wochenende. Das macht Spaß, ist aber fürs Familienleben manchmal schwierig.“

Trotzdem sei auch sein jetziger Beruf hin und wieder anstrengend: Wenn am Wochenende Klausuren korrigiert werden oder am späten Abend noch Unterricht vorbereitet werden muss. Das sei nicht jedem klar, der sich fürs Lehramt entscheide und dann häufig „ins kalte Wasser geworfen“ werde. Für Thomas Wusterack war dieses Wasser zum Glück immer lauwarm, immerhin hat er auch als Pastor schon viel vor Menschen gesprochen. Wenn auch eher von der Kanzel als in einem Klassenzimmer voller Schüler.

So geht‘s

Quereinstieg als Lehrer
Wer sich als Quereinsteiger im Schuldienst bewerben möchte , braucht in Niedersachsen in der Regel einen Hochschulabschluss mit einem Mastergrad oder einen gleichwertigen Abschluss. Während einer dreijährigen Probezeit nehmen die neuen Lehrer an einer pädagogisch-didaktischen Qualifizierung teil. Dabei können die Quereinsteiger beispielsweise im Unterricht erfahrener Lehrkräfte hospitieren, dazu kommen Seminare und Unterrichtsbesuche. Außerdem gibt es die Möglichkeit, sich auch ohne die Teilnahme an dem sogenannten Vorbereitungsdienst direkt für Stellen an einzelnen Schulen zu bewerben, hier werden allerdings Bewerber mit Lehramtsausbildung bevorzugt. gae