Sonntag , 20. September 2020
Die Natursteinmauer von Willi Müller in Südergellersen ist vermutlich 1622 zusammen mit dem Hof gebaut worden, und damit eine der älteren in der Region. Foto: t&w

Die Geschichten der Findlingsmauern

Von Robin Williamson
Gellersen. 355 Jahre hat die alte Natursteinmauer vor Willi Müllers Hof in Südergellersen auf dem Buckel. „Die wurde wohl mit dem Hof errichtet, im Jahr 1662“, sagt der 81-Jährige. Seine Mauer ist bei weitem nicht die einzige ihrer Art. In fast jedem Dorf der Heide finden sich solche Mauern: Mal mit Zement gefugt, mal wurden die Steine trocken aufeinandergestapelt. Mal sind sie geschliffen, manchmal behielten sie ihre natürliche Form bei. „Ortsbildprägend“ sind sie mittlerweile für viele — und stehen nicht selten unter Denkmalschutz. Bei Bauprojekten werden sie gesondert berücksichtigt, andere bauen sich eine solche Mauer noch heute in den Garten. Aber woher kommen diese Mauern — und wieso sind sie hier so verbreitet?

„Natursteinmauern dienten der Hofbegrenzung“, erklärt Gellersens Samtgemeindearchivar Lutz Tetau. Schon im „Sachsenspiegel“, einem der ersten deutschen Rechtsbücher aus dem 13. Jahrhundert, sei festgelegt worden, dass Mauern der Einfriedung von Höfen dienten. „Damit waren ummauerte Höfe ein Rechtsgebiet.“ Ganz praktisch konnte mithilfe der Mauern das eingezäunte Vieh nicht ausbüxen. „Und außerdem lag das Material eh überall herum“, berichtet Tetau.

Klein wie ein Kieselstein bis groß wie ein Kleinwagen

Denn in der ohnehin schon sandigen Heide lagen Steine — klein wie ein Kieselstein bis groß wie ein Kleinwagen — buchstäblich in jeder Ecke. Schuld daran ist die vorletzte Eiszeit: Riesige Gletscher schoben damals das Gestein aus den Bergen Skandinaviens in die Lüneburger Heide. Das war vor etwa 150.000 Jahren. Die größten Steine werden „Findlinge“ genannt, aus ihnen wurden später die heidetypischen Mauern gebaut. „Findlinge wurden aber auch als Fundament für die Lüneburger Bürgerhäuser genutzt,“ weiß Dietmar Gehrke, Kreisarchäologe für den Landkreis Lüneburg. Auch die runden Kirchtürme in Betzendorf, Barskamp und Salzhausen seien zu großen Teilen aus diesen Steinen gebaut worden — das war im Mittelalter.

Im 19. Jahrhundert aber kam die Zeit der Findlingsmauern. „Das hängt mit der sogenannten Verkoppelung zusammen“, erklärt Gehrke. Die Landwirte erlangten damals zwar Unabhängigkeit von ihren Grundherren, mussten für ihr Überleben aber viel mehr Feld bestellen. Der schlechte Boden ließ es nicht zu, Fläche einzubüßen — jeder Quadratmeter wurde bepflanzt oder beweidet. „Die Steine lagen im Weg“, sagt Gehrke.

Billiger als Zäune aus Holz

Empfohlen wurde der Bau der Steinmauern übrigens auch von der Königlichen Landwirtschafts-Gesellschaft in Celle im Jahr 1828: Sie seien billiger als Zäune aus Holz, das als Brennstoff heiß begehrt war — unter anderem für die Lüneburger Saline.

Aus archäologischer Sicht war diese königliche Empfehlung fatal. Denn längst nicht alle Steine lagen zufällig in der Heide. „Es wurden dabei unzählige Hügelgräber und Großsteingräber aus der Jungsteinzeit und Bronzezeit zerstört“, bedauert Dietmar Gehrke.

Und er zeigt eine alte Karte: Allein um Altenmedingen herum gab es im Jahr 1843 noch über 100 solcher Grabstätten. „Heute sind noch vier sichtbar“, sagt Gehrke. Die damaligen Landwirte erkannten wohl den kulturhistorischen Wert dieser Anlagen nicht, verbauten die Steine und verkauften die Grabbeigaben. Der Verlust ist immens.

Bauer durfte das Land weiterhin als Schafweide nutzen

Zum Glück gebot der Archäologe Georg Otto Carl von Estorff schon Mitte des 19. Jahrhunderts diesem Treiben Einhalt. „Für 50 Taler, damals eine ganze Menge Geld, kaufte er einem Bauern bei Oldendorf/Luhe ein Stück Land mit Grabhügeln und Großsteingräbern ab.“ Der Bauer durfte das Land weiterhin als Schafweide nutzen, die Steine jedoch nicht anrühren. „Ein frühes Beispiel einer Win-Win-Situation“, sagt Gehrke schmunzelnd. Die Gräber sind jetzt bekannt als „Oldendorfer Totenstatt“, ziehen zahlreiche Forscher und Touristen an.

Doch alle Gräber konnte der adelige Archäologe auch nicht retten, bis ins 20. Jahrhundert hinein wurden aus prähistorischen Grabstätten weiter Natursteinmauern gebaut. Die vor Willi Müllers Hof in Südergellersen gehört damit zu den älteren in der Region. Ob auch für sie ein Steingrab der Heide von der Landkarte verschwand? Dies wird wohl immer ihr Geheimnis bleiben.

Zum Thema

Ein Zuhause für Echsen und Insekten

Während Grabstätten für Natursteinmauern „dran glauben mussten“, beherbergen jene jetzt viel Leben: „Findlingssteinmauern bieten Eidechsen, Blindschleichen und Insekten einen Lebensraum“, weiß Mathias Holsten vom Fachdienst Umwelt des Landkreises Lüneburg. Denn dank der vielen Spalten und Risse im Mauerwerk können sich die Tiere dort gut verstecken. Und die Steine als Wärmespeicher dienen den wechselwarmen Tieren als Heizung. Auch Pflanzen wie Farne und Moose wachsen dort unter guten Bedingungen. row