Samstag , 26. September 2020
Vor jedem Zimmer sind Desinfektionsspender angebracht. Ein Sender schickt bei Betätigung ein Signal an den Clip, den das Pflegepersonal am Kittel trägt. Die Daten werden dann automatisch in einen Computer eingespeist. Foto: t&w

Neuer Weg gegen gefährliche Keime

Von Antje Schäfer
Lüneburg. Multiresistente Keime nehmen zu. Für Patienten mit geschwächtem Immunsystem können sie fatale Folgen haben, zu schwer zu behandelnden Entzündungen führen. Händedesinfektion ist das Entscheidende, damit Keime nicht weitergetragen werden. Im Lüneburger Klinikum wird deshalb seit Jahren ein umfangreiches Hygiene-Management gefahren. Das wird nun mit einem neuen System noch verbessert.

Seit August des vergangenen Jahres tragen Ärzte und Pflegepersonal auf zwei chirurgischen Stationen während ihrer Schicht einen Clip an der Kleidung. Die Gegenstücke befinden sich an den Desinfektionsspendern. Diese sind vor und auch in den Patientenzimmern installiert. „Diese senden bei Betätigung des Spenders ein Signal an den Clip, das gespeichert wird. Die Daten werden dann automatisch in einen Computer eingespeist und können zur Beurteilung unseres Händedesinfektionsverhaltens herangezogen werden.

Mitarbeiter tragen Clips an der Kleidung

Die Anonymität des Einzelnen ist dadurch gewährleistet, dass jeder Mitarbeiter bei Arbeitsbeginn einen beliebigen Clip aus einer großen Sammelbox nimmt und ihn nach Arbeitsende dort wieder ablegt“, erläutert Frank Oppenheimer, Leitender Oberarzt der Abteilung Krankenhaushygiene. Am Computer kann dann ausgewertet werden, welche Gruppe von Mitarbeitern der beiden Stationen wie oft den Spender genutzt hat im Tages-, Wochen- oder Monatsverlauf. Der große Vorteil dieses Systems sei, dass sowohl das Händedesinfektionsverhalten der einzelnen Berufsgruppen als auch die Nutzung jedes einzelnen Spendergerätes erfasst werde, sagt Oppenheimer.

Händehygiene wurde im Klinikum schon immer groß geschrieben. Das Klinikpersonal wird regelmäßig geschult. Die Kontrolle erfolgte allerdings bisher unter anderem über den Gesamtverbrauch an Desinfektionsmittel pro Station. In diesem Punkt könne man sich so zwar mit anderen Kliniken vergleichen. Der Wert sei aber nur ein grober Anhaltspunkt, so Oppenheimer, um das Händedesinfektionsverhalten einzelner Mitarbeitergruppen zu erfassen und gegebenenfalls eine Verbesserung durch weitere Mitarbeiter-Schulungen zu erreichen.

Start-up-Unternehmen GWA Hygiene mit Sitz in Stralsund

Deshalb habe man überlegt, welche Möglichkeiten es gebe, die Mitarbeiter kontinuierlich für das Thema zu sensibilisieren und motivieren. Oppenheimer wurde durch einen Mitarbeiter auf das Start-up-Unternehmen GWA Hygiene mit Sitz in Stralsund aufmerksam, das das System aus vernetzten Computerchips entwickelt hat. Maik Gronau, Geschäftsführer der jungen Firma, kam bei einem Klinik­aufenthalt selbst auf die Idee, als er merkte, dass sich manche Klinikmitarbeiter mehr und andere weniger vor und nach dem Patientenkontakt die Hände desinfizieren. Einen Partner für das System fand das Unternehmen im Lüneburger Klinikum.

Für die Mitarbeiter der beiden Stationen ist es inzwischen Routine geworden, sich den Clip anzuheften. Die Ergebnisse wertet nicht nur Oppenheimer aus, auch jeder Mitarbeiter kann sich am PC ein Bild machen. „Ab dem kommenden April werden wir das System für alle Stationen, OP-Räume, Ambulanzen und Sprechstunden nutzen, also überall da, wo unmittelbarer Patientenkontakt besteht.“ Dann sollen nicht nur Ärzte und Pflegekräfte die Clips tragen, sondern zum Beispiel auch Physiotherapeuten und Stationsassistentinnen.

Ab April wird System auf allen Stationen eingesetzt

Laut Oppenheimer ist das Klinikum Lüneburg damit bundesweit das erste Krankenhaus, das das Sytem so umfassend einsetzt. „Nachdem die Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) des Robert Koch Instituts, die unter anderem Richtlinien für Hygiene in Krankenhäusern vorgibt, inzwischen eine neue Empfehlung für die Händehygiene in Krankenhäusern veröffentlicht hat, in der sie sich für den Einsatz elektronischer Systeme ausspricht, ist zu erwarten, dass viele Krankenhäuser dem Beispiel des Lüneburger Klinikums folgen werden.“