Samstag , 26. September 2020
Der Lüneburger Wespen- und Hornissenbeauftragte Thomas Mitschke warnt vor den Folgen des Insekten-Sterbens Foto: tt/nh

Insekten sind stark gefährdet

Von Ina Freiwald
Lüneburg. In weiten Teilen Deutschlands ist die Insektenpopulation um bis zu 80 Prozent eingebrochen. Vor allem Wildbienen, Hummeln, Schwedfliegen sowie den Tag- und Nachtfaltern drohe das schleichende Aus, mahnt Thomas Mitschke. „Allein die Rote Liste der Bienen umfasst 300 Arten.“ Der Vorsitzende des Naturschutzbundes Lüneburg ist Hummel-, Wespen- und Hornissenbeauftragter für Stadt und Landkreis Lüneburg. „Dieses zunehmende Insektensterben hat katastrophale Auswirkungen auf das Ökosystem.“ Denn die Bedrohung der Arten betrifft Flora und Fauna, so sind beispielsweise neun von zehn Wildblumen sowie die Obstbäume von Bestäubung abhängig, macht er bei einem Vortrag vor rund einhundert Zuhörern im voll besetzten Saal des Heinrich-Heine-Hauses deutlich. „Und auch Vögel brauchen große Mengen an Kerbtieren für die Aufzucht der Jungtiere“, weiß der Experte.

Während das Bienensterben längst Thema der Medien ist, werde über die Hummel vergleichsweise wenig berichtet. Doch auch ihre Spezies ist laut Mitschke stark bedroht. „Ein Blick auf die Hummeln in Niedersachsen zeigt: Von 23 Arten sind nur noch fünf vorhanden, die helle und dunkle Erdhummel, die Steinhummel, die Ackerhummel und die Baumhummel.“

Einjährige Blühstreifen greifen zu spät

Bei der Analyse der Schuldfrage ergibt sich aus seiner Sicht eine „komplizierte und umfangreiche Gemengelage mit sich ­addierenden Faktoren“. Eine der Ursachen sei die Blühstreifenproblematik: In den Feldfluren sollen Blühstreifen die Notlage auffangen, doch einjährige Blühstreifen greifen zu spät, und es gibt zu wenige mehrjährige. Dazu habe die intensive Landwirtschaft und Flurbereinigung in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten den Verlust von Kleingewässern und wichtigen Strukturelementen in der Landschaft wie Hecken, Feldgehölze oder Feld- und Wegraine mit sich gebracht. Der Anbau von Monokulturen sowie der Einsatz von Pestiziden, Herbiziden, Fungiziden, Neonikotinoiden seien ebenfalls wichtige Faktoren in der Abwärtsspirale.

Der Experte spricht in diesem Zusammenhang von „dramatischen Auswirkungen von Stickstoffeinträgen“ vor allem in Ökosystemen. „Aus ehemals artenreichen Waldrändern werden Brennnesselhalden.“ Der Einsatz des umstrittenen Breitbandherbizits Glyphosat sollte seiner Ansicht nach zwingend gesetzlich verboten werden. „In Deutschland landet Glyphosat heute auf knapp 40 Prozent der Ackerfläche, das sind rund 6000 Tonnen jedes Jahr.“ Amtliche Lebensmittelproben würden beweisen: Glyphosat sei zu finden in Austernseitlingen, Blumenkohl, Erdbeeren, Grapefruits, Zitronen, Erdnüssen, Feigen, Linsen, Lauchzwiebeln, Wachtelbohnen, Kartoffeln, Weizen, Rogge, Gerste, Hafer und selbst im Bier.

Insekten: Ein Kahlschlag geht durchs Land

Der Flächenverbrauch in städtischen wie ländlichen Gebieten bringe die Zerstörung von Nistplätzen, die Vernichtung und Verminderung des Nahrungsangebots und Lebensraumverluste mit sich. „Ein Kahlschlag geht durchs Land!“ Hier müsse auf höchster Ebene eingegriffen werden, doch die Entscheidungsträger reagierten nicht auf die bedrohliche Situation. „Gesetze, Schutzverordnungen und Landschaftsrahmenpläne greifen nicht, werden nicht umgesetzt“, beklagt Mitschke. Auch auf lokaler Ebene würde die Thematik „biologische Vielfalt“ stark vernachlässigt: „Es gibt kaum Fürsprecher in der Politik kaum Beachtung, kaum Gewichtung, keine spürbare Priorität. Dabei wäre sofortiger Handlungsbedarf geboten.“