Samstag , 26. September 2020
Fachbereichsleiterin Uta Hesebeck von der Stadt Lüneburg diskutiert mit Teilnehmern der Fokusgruppe Verkehr über das neue Wohngebiet Wienebütteler Weg. Foto: us

Ein autofreies Wohngebiet?

Von Ulf Stüwe
Lüneburg. Keine Busse, keine Autos, falls doch, dann nur zum ­Be- und Entladen, Parken ausschließlich im Innenbereich, möglichst nur Radverkehr und Car-Sharing, Mobilitätsstationen für E-Bikes, Bau von Fahrradschnellwegen, Entlastung der Innenstadt durch Ausweichstraßen und einheitliche Tempo-30-Zonen. Die Ideen der Teilnehmer der Fokusgruppe Verkehr, zu der die Stadt am Freitagabend in die Herderschule eingeladen hatte, sprudelten nur so. Allen gemein: die Sorge um kollabierende Verkehrsströme durch das geplante Neubaugebiet Wienebütteler Weg.

Der Bau neuer Straßen steht nicht zur Diskussion

„Wir nehmen das alles auf und werden Ihre Ideen und Vorschläge für das nächste Treffen zusammenstellen“, versprach Markus Birzer den rund 70 Teilnehmern der Fokusgruppe, die drei Stunden lang in acht verschiedenen Arbeitsgruppen über mögliche Lösungen für die verkehrliche Anbindung des Neubaugebiets diskutiert hatten. Birzer hatte im Auftrag der Stadt den Abend moderiert, es war bereits das zweite Treffen der Fokusgruppe und Teil des von der Stadt auf Wunsch von betroffenen Anwohnern ins Leben gerufenen Bürger-Beteiligungsverfahrens für das geplante Neubaugebiet.

Dass das Thema Verkehr nicht nur den Anliegern der benachbarten Straßen, allen voran den Anwohnern vom Brockwinkler Weg unter den Nägeln brennt, weiß auch Markus Moßmann. „Wenn wir Verkehrsvermeidung hinbekommen wollen, ist eine bessere ÖPNV-Anbindung notwendig“, machte Lüneburgs Verkehrsdezernent deutlich, noch bevor die Teilnehmer ihre Bedenken und Vorschläge überhaupt geäußert hatten. Er stellte aber auch klar: „Es geht nicht darum, ob dort ein Baugebiet entsteht oder nicht, sondern wie es umgesetzt werden kann.“

Stadt benötigt neuen Wohnraum

„Dabei sollten wir uns aber Zeit lassen“, rief ihm eine Teilnehmerin aus Vögelsen zu. Die habe man nicht, die Stadt benötige dringend neuen Wohnraum, das geplante Neubaugebiet sei unverzichtbar, hielt Moßmann mit Verweis auf das Wohnungsbauprogramm der Stadt dagegen. Jetzt sei man zusammengekommen, um über Fragen der Verkehrsanbindung, der Verkehrsvermeidung im neuen ebenso wie benachbarter Quartiere, „aber auch über die solidarische Verteilung der Verkehrsbelastung“ zu sprechen. Klar sei auch: Der Bau neuer Straßen stehe nicht zur Diskussion.

Bei den Teilnehmern stieß dies mit wenigen Ausnahmen nicht auf Kritik, deren Blick richtete sich zum weit überwiegenden Teil ohnehin auf die Frage, wie das neue Quartier gänzlich ohne Auto aussehen könnte. Konzepte wie das von Prof. Dr. Peter Pez als Teilnehmer des Abends vorgestellte „zentralisierte Quartiersparken“ wurden dabei ebenso interessiert aufgegriffen wie die Forderung nach einem gemeindeübergreifenden Verkehrskonzept, das vor allem die benachbarten Gemeinden Bardowick, Vögelsen und Reppenstedt einbezieht und, wie ein Teilnehmer erklärte, bereits vom Landkreis selbst als notwendig erachtet werde. Aber auch der Bau einer Westtangente „aber nicht für Autofahrer, sondern für Fahrradfahrer“ oder die Umwidmung des Brockwinkler Wegs in eine reine Fahrradstraße gehörten zu den Vorschlägen aus den Arbeitsgruppen. Viel gehörter Wunsch an dem Abend aber war, nicht alten Konzepten zu folgen, sondern Neues zu wagen. „Jetzt haben wir noch die Möglichkeit dazu“, sagte eine Teilnehmerin.

Kritik und Ideen auf mehr als 150 Karten

„Vieles davon wird nicht gehen“, das wusste Markus Birzer bereits am Ende des Abends, noch bevor die vielen Ideen der Teilnehmer, festgehalten auf gut 150 farbigen Kärtchen aus den Arbeitsgruppen, ausgewertet waren. Der Moderator aber spendete schon mal vorsorglich Trost: „Es soll auch erklärt werden, warum etwas nicht geht.“

Die Ergebnisse aus den Sitzungen, der Gruppe zum Thema Verkehr sowie der zum Thema Quartier/Umwelt, sollen in einer Planungswerkstatt am Freitag, 7. April, von 16 bis 21 Uhr ebenfalls in der Herderschule zusammengefasst und von den Teilnehmern bewertet werden. Auch für diese Veranstaltung ist eine Anmeldung bei der Stadt unter Tel. 3093650 oder per Mail an angelika.richter@stadt.lueneburg.de erforderlich.

Mut zu Verzicht

von Ulf Stüwe

Noch ist es schlichtes Ackerland, doch das Areal am Wienebütteler Weg hat das Zeug zu Höherem. Nicht so, wie Lüneburgs Stadtväter es meinen. Sie wollen dort ein weiteres Baugebiet hochziehen, die Wohnungsnot lässt grüßen. Dem Baueifer der Verwaltung aber stemmen sich die Anwohner entgegen. Sie wehren sich nicht gegen neue Nachbarn, wohl aber den Verkehr, den die Stadt schon jetzt kaum noch verkraften kann.

Aus der Wohnungsnot könnte eine Tugend werden. Denn der Wunsch nach weniger Verkehr ist nicht nur verständlich, er birgt auch Chancen. Etwa die, über vollkommen andere Konzepte nachzudenken. Mit dem benachbarten Wohnprojekt Lena und der Bauwagenkolonie am Wienebütteler Weg wurden erste Schritte gemacht. Nun sollten weitere folgen. Vorbild könnte die Stadt Freiburg sein. Ihr Quartier Vauban ist zumindest teilweise autobefreit. Lüneburg hätte jetzt die Chance, es mal ganz ohne zu versuchen.