Claudia Kalisch wurde durch ihre Mitarbeiter darauf aufmerksam gemacht, dass ihre ersten 100 Tage im Amt um sind. Foto: t&w

100 Tage im Amt: Claudia Kalisch im Interview +++ mit Video

Amelinghausen. So hat sie sich das nicht vorgestellt. Anstatt ein Profil für die Samtgemeinde Amelinghausen zu entwickeln, muss Claudia Kalisch (44) zunächst ein strukturelles Haushaltsloch stopfen. Wie berichtet, lebt die Samtgemeinde über ihre Verhältnisse, rund 830 000 Euro fehlen für den laufenden Betrieb – und das bei gleichen Rahmenbedingungen jedes Jahr. Die Betriebswirtin, Umweltwissenschaftlerin und Marketingfachfrau aus Reppenstedt war im September zur neuen Samtgemeindebürgermeisterin in Amelinghausen gewählt worden.

Am 1. November trat die 44-Jährige ihren Dienst im Amelinghausener Rathaus an. Seitdem jagt ein Termin den nächsten. Jetzt wunderte sie sich, als Mitarbeiter ihr eines Morgens Blumen und Pralinen auf den Schreibtisch im Rathausbüro stellten, sonst hätte sie einen Termin verpasst: 100 Tage im Amt sind rum. Im LZ-Interview spricht Kalisch über den Druck im noch neuen Job und den Scherbenhaufen, den sie mit der Politik beseitigen muss.

Kosten, Kollegen und Karate -- mit unzensierten Szenen 

Interview

Frau Kalisch, wie haben Sie die vergangene Nacht geschlafen?
Claudia Kalisch: Effizient: Kurz, aber intensiv.

Ist das ein Dauerzustand?
Im Moment ja, auf Dauer wird es so nicht sein können.

Wie kommt das?
Sie haben schon einiges dazu geschrieben. Erstmal bin ich neu in diesem Amt und auch in der Branche. Viele Informationen, viele Themen gilt es zu sortieren, und das wird jetzt aktuell überlagert von unserer Herausforderung mit dem Haushalt. Da ist ein enormer Zeitdruck: Ich bin jeden Abend unterwegs, sitze jeden Abend in Sitzungen, die tagsüber teilweise vor- und nachbereitet werden und das alles zusätzlich zum Alltagsgeschäft, das noch gar nicht Alltag ist.

Wie viel Freizeit haben Sie derzeit?
Die Frage möchte ich nicht beantworten (lacht).

Haben Sie sich das damals so vorgestellt, als Sie sich für das Amt beworben haben?
Also, dass die erste Phase absolut intensiv ist, war völlig klar. Darauf ist auch die Familie eingestellt. Und auch unabhängig von der Haushaltsdiskussion ist alles neu. Ich mache keine halben Sachen, das wissen die Menschen, die mich kennen. Und deswegen bin ich mit Leidenschaft dabei und versuche, die Rathausalarmanlage im Griff zu behalten.
Im Moment ist dieser Druck auch der Haushaltsdebatte geschuldet. Ich will das Amt lange und sehr gut ausüben und da kann man sich am Anfang nicht verbrauchen. Aber jetzt gilt es, das alles auf den Weg zu bringen.

Als Sie angetreten sind, haben Sie gesagt, es gelte, eine Vision zu entwickeln, die alle in der Samtgemeinde Amelinghausen teilen können. Waren Sie wegen der Visionen schon beim Arzt?
Das brauche ich nicht, im Gegenteil. Natürlich ist es keine schöne Rolle, ein Amt anzutreten und zunächst erstmal den Mitbürgerinnen und Mitbürgern zu verkünden, wir müssen sparen, Aufgaben reduzieren, müssen Gebühren anheben. Jetzt ist Aufräumen und Klarschiffmachen angesagt und wir müssen das Ruder herumreißen. Wir machen jetzt den letzten Schritt vor dem ersten: Wir stellen jetzt die Weichen und machen uns dann Gedanken zu unserer Strategie. Aber alles hat seine zwei Seiten. Denn dann wissen wir, woran wir sind und auf welcher Basis wir arbeiten können. Und das Tolle ist, dass dieser Prozess alle in ein Boot holt.

Hat ihr Amtsvorgänger Ihnen noch etwas anderes hinterlassen außer Scherben?
Oh … so würde ich das nicht bezeichnen wollen. Und dieses Haushaltsdefizit ist nichts, was nur mein Vorgänger verursacht hat. Er hat darauf hingewiesen, dass es kommt, aber dass es in der Form kommt, war wohl vorher niemanden so richtig bewusst.

Unabhängig davon habe ein hochgradig, supermotiviertes Team im Rathaus. Ich bin kein Verwaltungsmensch und habe noch viele Fragen. Alle packen gerade an bis zum Anschlag und unterstützen mich tatkräftig. Wenn ich diese superengagierten Kollegen nicht hätte, könnten wir jetzt nicht so unter Hochdruck arbeiten. Und das ist eine gute Ausgangsbasis. Außerdem ist Amelinghausen eine attraktive, lebendige Samtgemeinde mit viel Potenzial. Sie werden sehen!

Wie geht es jetzt weiter?
Wir haben am kommenden Dienstag einen nichtöffentlichen Finanzausschuss des Samtgemeinderates. Und die Woche darauf werden wir im nichtöffentlichen Rat noch mal alle Beschussempfehlungen der Fachausschüsse durchgehen und schauen, ob wir mit unseren Einsparungen an die 830 000 Euro herankommen und wie es in den nächsten Jahren aussieht. Mitte März soll dann der Haushalt beschlossen werden.

Macht der Job noch Spaß?
Total! Weil man gestalten kann!

Aber Sie brauchen schon Streichhölzer für die Augen.
Das ist gemein (lacht). ... ich habe mein Make-up nicht aufgefrischt … Nein, das macht alles Spaß, und ich bin hochmotiviert, weil es gelungen ist, alle mitzunehmen.

Von Dennis Thomas