Montag , 21. September 2020
Cornelia Schicker-Geist ist niedergelassene Frauenärztin in Lüneburg und überzeugt: „Ich habe als Frauenärztin nicht anderes zu tun, als die Frau in ihrer Entscheidung zu unterstützen.“ Foto: A/t&w

Beim Thema Abtreibung entscheidet jeder für sich — Interview

Lüneburg. Keine Abtreibungen mehr in der Dannenberger Capio-Klinik, das hatte der neue Chefarzt angekündigt – und damit bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Mittlerweile ist die Klinikleitung wieder zurückgerudert und es steht fest: In Dannenberg werden auch weiterhin Abtreibungen ausgeführt (LZ berichtete). Doch warum wollen Frauen eine Schwangerschaft unterbrechen? Was kommt bei einer Abtreibung auf sie zu? Und welche Rolle spielen dabei Gynäkologen? Darüber spricht die Lüneburger Frauenärztin Cornelia Schicker-Geist.

Interview

Wie oft erleben Sie in Ihrer Praxis, dass Frauen abtreiben wollen?
Cornelia Schicker-Geist: Relativ oft. Wir haben im letzten Jahr rund 35 Frauen in der Praxis beraten, die einen Abbruch der Schwangerschaft vornehmen wollten. Und die Mehrheit hat den Abbruch dann auch gemacht. Das heißt, Abtreibungen sind keine Seltenheit.

Was sind die Gründe für Schwangerschaftsabbrüche?
Nur selten spielen dabei finanzielle Gründe eine Rolle. Meistens geht es um die Hintergründe, wie diese Schwangerschaft entstanden ist. Vielleicht ist es ein One-Night-Stand oder eine Beziehung, in der bereits klar ist, dass sie keine Zukunft hat. Immer wieder sind es auch Situationen, in denen eine Frau bereits mehrere Kinder hat und noch ein Kind eine Überforderung für alle wäre.

Wenn eine Ihrer Patientinnen den Wunsch äußert, die Schwangerschaft abzubrechen, wie geht es dann weiter?
Die Frauen müssen zunächst bei einer anerkannten Beratungsstelle eine „Beratung zum Leben“ wahrnehmen, das schreibt der Paragraf 218 a vor. Wenn sie dort gewesen sind, bekommen sie immer eine Bescheinigung. Diese ist Voraussetzung für einen Abbruch. Danach haben die Frauen drei Tage Bedenkzeit, das schreibt ebenfalls der Gesetzgeber vor. Erst dann können sie mit dem Beratungsschein in eine der Institutionen gehen, die Schwangerschaftsabbrüche vornehmen. In Lüneburg sind dies das Lüneburger Klinikum und die Klinik Havemann. Viele Frauen gehen aber auch nach Hamburg in eine der recht zahlreichen Praxen, in denen ein Abbruch ambulant vorgenommen wird.

Welche Möglichkeiten zum Abbruch gibt es?
Es gibt drei Möglichkeiten. Die erste ist der medizinische Abbruch, der bis zum 49. Tag medikamentös durchgeführt wird. Dafür müssen die Frauen ihre Bescheinigung vorzeigen, dann wird nochmal ein Ultraschall gemacht, damit gewährleistet ist, dass die Schwangerschaft innerhalb der vorgeschriebenen Frist ist. Ist alles in Ordnung, erhalten die Frauen Medikamente, die einen Schwangerschaftsabbruch auslösen. In den Niederlanden ist dies die gängige Methode, ich persönlich finde sie psychisch schwierig, denn die Frauen müssen aktiv handeln.
Die zweite Möglichkeit ist ein Abbruch unter lokaler Narkose, dabei ist nur der Muttermund betäubt und die Frau bekommt den Eingriff direkt mit. Mutterkuchen und Fötus werden abgesaugt, die Schwangerschaft damit abgebrochen. Dasselbe geschieht auch bei der dritten Möglichkeit, nur dass die Frau dabei eine Vollnarkose erhält. Diese Methode ist zumindest in Deutschland die häufigste.

Was halten Sie von der Anordnung des Chefarztes, in der gesamten Klinik keine Abtreibungen mehr durchzuführen?
40 Jahre nach dem Stern-Titel „Ich habe abgetrieben“ das nochmal so zu lesen, fällt mir schon schwer. Dass er persönlich keinen Abbruch vornehmen möchte, bleibt ihm unbenommen. Aber dass jemand 2017 wieder der Frau die Schuld gibt, dass sie überhaupt in eine solche Situation kommt, finde ich höchst problematisch.

Wie schwer fällt es Ihnen persönlich, eine Schwangerschaft abzubrechen oder die Abtreibung zu begleiten?
Ich habe selbst früher viele Abbrüche gemacht. Und ich verfolge die Überzeugung, dass die Frau für sich entscheidet. Ich habe als Frauenärztin in dieser Situation nichts anderes zu tun, als sie in ihrer Entscheidung zu unterstützen. Ich halte Schwangerschaftsabbrüche also für ausführbar, auch wenn das kein schöner Eingriff ist. Aber es ist nichts, was mir persönlich große Probleme bereitet. Ich persönlich habe mit einer ganz anderen Situation Probleme: In der Praxis erlebe ich zum einen die Frau, die gerne ein Kind bekommen möchte und keins bekommt. Und direkt danach kommt eine Patientin, die schwanger ist und das Kind nicht möchte. Das ist für mich persönlich schon manchmal schwer zu ertragen.

Von Anna Sprockhoff