Den Vorsitz im Landtag hatten kurzfristig die Lüneburger Schülerinnen Siobhán Ebeling (v.l.), Kira Bulz und Hanna Bähr. Ihr Politiklehrer Karl-Friedrich Boese testet derweil die Sicht vom Rednerpult. Foto: nh

Reporter-Nachwuchs im Landtag Niedersachsens

Lüneburg. Als Kira Bulz den Diskussionen zum NPD-Verbotsverfahren im Landtag lauschte, hatte sie sofort ein Bild im Kopf. Denn die Fraktionen waren sich in einem Punkt einig: Verfassungsfeindliche Parteien wie die NPD sollen nicht vom Staat finanziert werden. Das brachte die Schülerin der IGS Lüneburg kurzerhand zu Papier. Die Karikatur ist ebenso wie andere Berichte aus den Plenardebatten des Landtags im Internet zu finden. Kira Bulz und ihre beiden Freundinnen Siobhán Ebeling und Hanna Bähr lernen zurzeit nicht wie sonst in der Gesamtschule in Kaltenmoor, sondern erleben Politik hautnah in Hannover.

Neben den Profis auf der Pressetribüne

Das Büro der Nachwuchs-Journalisten liegt direkt neben dem der Deutschen Presse-Agentur. Bis zum Sitzungssaal, in dem die Landtagsabgeordneten zurzeit unter anderem über Reichsbürger, Bekämpfung von Kinderarmut oder Einwanderungspolitik diskutieren, sind es nur einige Meter. Dort sitzen die drei jungen Frauen über dem politischen Geschehen auf einer Pressetribüne – zusammen mit den Profis.

„Landtag-Online“ heißt das Projekt, das es den Schülerinnen ermöglicht, Landespolitik live zu erleben. Hinter dem Projekt steht die Landesinitiative n-21: Schulen in Niedersachsen online. Die Idee: Bei jedem Plenum des Landtages soll eine andere Schule aus Niedersachsen die Chance erhalten, dabei zu sein. Karl-Friedrich Boese, Fachbereichsleiter für Gesellschaftslehre der IGS Lüneburg, hatte sich schon vor einem Jahr für das Projekt beworben – mit Erfolg. Aus 30 Einsendungen wurde die Lüneburger Gesamtschule ausgewählt.
Dass nun ausgerechnet Kira, Siobhán und Hanna nach Hannover reisen durften, begründet der Politiklehrer mit deren schulischen Leistungen. „Die Schülerinnen gehören zur Spitzengruppe der Klasse, können zudem unheimlich gut mit Sprache umgehen“, sagt Boese.

„Hier entwickelt man aber einen anderen Blick für das Politikgeschehen, erlebt, wie Debatten geführt werden.“
Kira (17), Schülerin

Welche Tagesordnungspunkte sie begleiten, entscheiden die Elftklässlerinnen selbst. Da sie aber für drei Tage eine eigene E-Paper-Redaktion führen, müssen sie ihre Tage gut strukturieren, schließlich wollen sie auch etwas veröffentlichen. „Wenn uns auch ein später Antrag im Plenum interessiert, hören wir ihn uns an und schreiben danach noch einen Bericht“, erzählt Kira. „Das ist schon etwas anders als in der Schule.“

Politik habe eigentlich nie zu einem ihrer Lieblingsthemen gezählt. „Hier entwickelt man aber einen anderen Blick für das Politikgeschehen, erlebt, wie Debatten geführt werden“, sagt die 17-Jährige. Auch Hanna ist nach dem zweiten arbeitsreichen Tag noch am Schwärmen. „Es ist cool zu sehen, dass Politiker eben auch nur normale Menschen sind.“

Interviews mit Stephan Weil und Innenminister Pistorius

Die Berichte der Schülerinnen im Internet zeigen, dass sie die Themen im Landtag gut durchdrungen haben. Als es jedoch in ihrem Büro im Georg-von-Cölln-Haus, in dem zurzeit provisorisch der Landtag untergebracht ist, klopft, ist die Anspannung zu spüren. Es ist Olaf Reichert, stellvertretender Regierungssprecher. „In einer halben Stunde kommt der Ministerpräsident an“, sagt er. Die Schülerinnen aus Lüneburg haben einen Interviewtermin mit ihm. Und wenn sie Stephan Weil schon mal zu fassen bekommen, wollen sie auch einige Fragen loswerden. So haben sie sich beispielsweise als Themen die doppelte Staatsbürgerschaft, VW-Abgasaffäre und den Aufschwung der SPD durch die Kandidatur von Martin Schulz notiert. „Auch interessiert uns natürlich die niedersächsische Wirtschaft, also Auswirkungen des Brexits oder die Ankündigungen Donalds Trumps zur Steuer“, sagt Kira.

Zugesagt hat auch schon Innenminister Boris Pistorius. Aber auch die Opposition kommt noch zu Wort. Um ausgewogen zu berichten, möchten Kira, Hanna und Siobhán auch mit der CDU sprechen. Der Abgeordnete Jens Nacke stehe ihnen für ein Gespräch zur Verfügung.

Eine Politikerin, die sie aus ihrer Heimat kennen, hilft vor Ort. SPD-Landtagsabgeordnete Andrea Schröder-Ehlers steht den Schülerinnen als Patin zur Seite, hat schon im ersten Vorgespräch das Interesse gespürt. „Da musste ich schon jede Menge Fragen beantworten.“ Fragen zur Politik beantworte sie gern, denn das sei schließlich auch ein Ziel des Projekts. „Die Schüler sollen Politik erleben, wie sie im Plenarsaal abläuft, also die echte Kulisse kennenlernen.“

» Die Berichte der Schülerinnen sind unter www.online-redaktionen.de zu finden. Dort können sich interessierte Schulen auch noch bis zum 15. Februar für die aktuelle Ausschreibungsrunde bewerben.

Von Anna Paarmann