Mit gutem Beispiel voran: Für die LZ schlüpft auch Firmengründer Max Reisener schnell mal in ein Kostüm. 80er-Jahre-Jogginganzüge sind wie alles, was schrill ist, momentan gefragt. Foto: t&w

Kostüme für den Karneval kommen aus Lüneburg

Lüneburg. Auf dem Monitor blinken gelbe Smileys um die Wette. 1798 Pakete hat die Frühschicht schon geschafft, 6000 könnten es bis zum Abend gegen 23 Uhr werden. „Das wäre dann Rekord“, sagt Max Reisener, während er seinen Blick vom Computer über das geschäftige Treiben in der Halle schweifen lässt: Studenten schieben Einkaufswagen mit Cowboyhüten und Froschkostümen durch die Gänge, packen im Minutentakt neue Pakete mit der Aufschrift „kostüme.com“ auf den großen Postwagen. Dazu 50 Paletten Neuware, die wie jeden Tag in den vier Hallen in der Goseburg verteilt werden müssen.

„So viel wie heute war glaube ich noch nie.“ Max Reisener wirkt so, als könnte er das manchmal selbst nicht glauben. Als müsste er mal kurz die laute Partymusik in der Halle unterbrechen, auf „Stopp“ drücken und sich klar machen, dass er und seine Leute gerade tatsächlich ganz Deutschland mit Karnevalskostümen beliefern – aus der karnevalistischen Diaspora Norddeutschlands. „Na klar hat man am Anfang eine Vision. Aber dass das dann so schnell wächst?“

Junge Firma wächst rasant

Reisener ist 31 Jahre alt, er kam über das Programmieren auf die Idee für seinen eigenen Online-Shop und so durch die Hintertür auch zum Karneval. Nach vier Jahren gehört seine Firma „kostüme.com“ zu den Branchengrößen und hat 50 000 verschiedene Artikel im Sortiment: Neben vielen Komplett-Outfits sind zahlreiche Kleinteile und Accessoires wie Sonnenbrillen, Perücken und Ketten darunter.

Die sogenannten „Top-Seller“, also jene Verkleidungen, die am häufigsten bestellt werden, sind auch im Lagerverkauf zu finden. Pro Tag „verirren“ sich rund 50 Lüneburger hierher, um sich für Karneval neu einzukleiden. Beliebt in diesem Jahr sind Piraten und alles, was mit Hippies und Flower Power zu tun hat: Den meisten Kunden können die Outfits nicht schrill und bunt genug sein. „Ein Trend sind außerdem die sogenannten Huckepack- oder Carry-Me-Tiere, die sehen angezogen so aus, als würde man bei einem Tier auf dem Rücken sitzen“, beschreibt Reisener die aufwändige Verkleidung, für die seine 130 Mitarbeiter in der Regel ein etwas größeres Paket wählen müssen. Ansonsten geht der Trend aber zu immer schlankeren Verpackungen. „Man merkt, dass die Hersteller sich da anpassen. Die Kostüme in den sogenannten Polybags sind für uns Online-Händler natürlich besser zu lagern und zu verpacken.“

Uni-Nähe wichtig, um Personal zu finden

Platzmangel ist ein großes Thema für die junge Firma. „Wir platzen aus allen Nähten. Aber es ist nicht so einfach, in Lüneburg was zu finden.“ Dass er in der Hansestadt bleiben will, ist für Reisener als gebürtigem Lüneburger klar. Auch weil er die Nähe zur Universität brauche, um genügend Arbeitskräfte zu finden – gerade in der aktuellen Hochsaison. „Den Kundendienst mussten wir schon nach Hamburg auslagern, weil wir hier einfach nicht genug Leute bekommen konnten“, beschreibt er die Herausforderungen.

Vorigen Sommer hat sich Reisener mit der Firma „Dirndl.com“ zusammengetan, beide Unternehmen fungieren seitdem unter der Marke livario. „Durch das Dirndl-Geschäft haben wir schon ab August viel zu tun“. Auch sonst sei durch Events wie Schlagermove, Halloween oder Motto-Parties eigentlich fast immer etwas zu tun. „Sogar mehrere tausend Weihnachtsmann-Kostüme haben wir vergangenes Jahr verkauft. Da fragen wir uns natürlich auch, wo die alle rumlaufen“, sagt der Gründer schmunzelnd, der jedes Jahr nach Rosenmontag erst einmal eine Woche lang nichts mehr von Kostümen wissen will. Was er selbst zu Karneval trägt? „Das entscheide ich am letzten Tag.“ Genug Auswahl ist auf jeden Fall da.

Von Manuela Gaedicke

Kostüm-Trends

 

Die hanseatischen Nachbarn mögen es seriös: Während die meisten vom Lüneburger Online-Händler nach Hamburg verschickten Pakete Polizistinnen- oder Arzt-Kostüme enthalten, bevorzugen die Niedersachsen die eher schrilleren Kostüme „Hawaii Girl“ und „Rockstar“.

Es gibt weitere regionale Unterschiede, so sind zum Beispiel in Thüringen Indianer hoch im Kurs, während in Baden-Württemberg Klempner Super Mario angesagt ist. Ein Trend zieht sich durch ganz Deutschland: Frauen tragen an Karneval gern kurze Röcke, während Männer besonders gerne in Uniformen schlüpfen.

95 Prozent der Bestellungen auf der Lüneburger Online-Seite kommen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Dirndl sind dagegen auch in anderen Ländern beliebt: Die Lüneburger verschickten einzelne Exemplare sogar schon in die Emirate oder nach Hongkong.