Rapper Spax nimmt im Wohnheim in Oedeme mit den Praktikanten Dion (l.) und Marvin (r.), Lukas (2.v.l.), Sunny und Marlin ein eigenes Stück auf. Es handelt von Vorurteilen. Foto: t&w

Spax rappt mit Jugendlichen für Solidarität und Toleranz

Lüneburg. Vorurteile kennen sie nur zu gut, sie begegnen ihnen täglich. Ihren Frust darüber haben die Jugendlichen, die im Wohnheim Oedeme leben, jetzt aufgeschrieben, gemeinsam mit Spax eine Aufnahme daraus gemacht. Der deutsche Rapper versteht sie, er arbeitet schon lange mit Jugendlichen, spricht ihre Sprache. Der 43-Jährige sitzt in einem Gruppenraum in Lüneburg, trägt einen dunklen Pulli, eine Jeans und eine Cap. "Es ist vielleicht nicht einfach, sich selbst zu vertrauen...", rappt er los, spielt dazu den Beat auf dem Laptop ab, bewegt seine Hand im Rhythmus. Gemeinsam sind sie auf der Suche nach Reimen, nach Sätzen, die Bilder erzeugen.

Konzentrierte Gesichter. Es herrscht Stille im Raum. Lukas greift zu seinem Handy, er hat darauf seine Ideen vom Vortag notiert. Immer wieder wirft er einen Vorschlag in die Runde. "Pack das mal weg", sagt Spax, der mit bürgerlichem Namen Rafael Szulc-Vollmann heißt, und deutet auf das Smartphone. "Bleib in Gedanken, das macht Dich freier." Er lobt den 18-Jährigen, sagt, dass er am Donnerstag toll mitgemacht, "super Einfälle" hatte. "Ich bin kein Lehrer, nur mit dem Handy bist Du zu fixiert auf das, was Du suchst." Der Rapper kennt die Jugendlichen erst seit einem Tag, hat aber in dieser kurzen Zeit viel von ihnen erfahren. "Sie haben nicht gerade die einfachste Zeit im Leben und trotzdem versprühen sie so viel Kraft und haben eine eigenständige Persönlichkeit", sagt er. Sein Wunsch wäre, dass Einrichtungen wie das Wohnheim Oedeme mehr gefördert und nicht, wie so oft, negativ dastehen würden.

Träger des Wohnheims ist die Step gGmbH

In dem großen freistehenden Backsteinhaus wohnen insgesamt zwölf junge Frauen und Männer, unter ihnen sind auch zwei Flüchtlinge. Träger des Wohnheims ist die Step gGmbH, die Angebote für suchtgefährdete oder -abhängige Kinder, Jugendliche, Erwachsene und deren Angehörige bereithält. Das Wohnheim in Oedeme ist zurzeit das Zuhause der Jugendlichen, die Mitarbeiter begleiten sie im Alltag, bieten ihnen einen festen Tagesablauf, schulische Förderung und auch viel Freizeit. Jennifer Schmidt kennt die Jugendlichen, sie arbeitet täglich mit ihnen, hat sie auch im Workshop beobachtet. "Es ist schön, sie glücklich zu sehen, jeder kann hier seine Ideen einbringen", sagt sie.

Möglich wurde der zweitägige Workshop durch das offene gesellschaftliche Bündnis "Niedersachsen packt an", in dem sich auch Spax engagiert. Er ist ein Vertreter des sogenannten Conscious Rap, ist oft angeeckt, weil er offen rassistische und sexistische Rap-Texte anderer kritisiert hat. Der Musiker lebt mit seiner Familie in Hannover, ist dort ebenfalls dem Suchthilfeträger Step eng verbunden. "Was da passiert, passt zu dem, was ich mache und wofür ich stehe", sagt er. In die schwierigen Lebenssituationen der Jugendlichen könne er sich gut hineinversetzen. Deshalb habe ihm die Idee, einen Rap über Vorurteile zu texten und aufzunehmen, auch sofort gefallen. "Jeder hat Vorurteile, manchmal sind es nur Sekunden-Bruchteile, aber man muss lernen, diese zu überwinden." Häufig stecke man andere Menschen in Schubladen, "die Frage ist, ob man sie da auch lässt".

Musik als Möglichkeit, Frust und Hass loszuwerden

Workshop-Teilnehmer Lukas hat früher selbst gerappt, hat sogar an Wettbewerben teilgenommen. Er ärgert sich täglich über Vorurteile, die ihm auf der Straße begegnen. "Nur weil wir in einem Heim leben, heißt das nicht, dass wir kein Zuhause haben, aggressive Menschen sind oder von unseren Eltern geschlagen werden", sagt der junge Mann, der gerade ein Praktikum in einem Kindergarten absolviert hat. "Wer die Vorgeschichte nicht kennt, sollte auch kein Urteil fällen." Sein Lebensmotto sei, nicht auf das zu hören, was andere Leute sagen, sondern zu versuchen, sie wie ein Buch zu lesen. "Nicht nur die letzte Seite, sondern von Anfang bis Ende." Musik sei für ihn eine Möglichkeit, Frust und Hass loszuwerden, "aber ich drehe meine Wut um und mache daraus was Positives".

Von Anna Paarmann