Montag , 28. September 2020
Tagesmutter Melanie Urban mit ihrer Tochter Bella-Maria: Die Fünfjährige freut sich über das Spielparadies im Erdgeschoss. Doch wenn Bella-Maria in den Kindergarten geht, toben vier andere kleine Kinder durch das Haus. Foto: t&w

Tagesmutter als Hauptberuf

Lüneburg. Als die Betreuungszeiten ihrer Tochter nicht mehr mit der eigenen Selbstständigkeit zusammenpassten, stand Melanie Urban vor einem Problem. Für die alleinerziehende Mutter war schnell klar: Sie möchte künftig mit Kindern arbeiten, Leidenschaft zum Beruf machen. Die 45-Jährige absolvierte eine Qualifizierung für die Kindertagespflege, 160 Unterrichtsstunden und ein 20-stündiges Praktikum später war sie am Ziel. Seit vergangenem Sommer ist die Lüneburgerin nun als Tagesmutter tätig, betreut vier Kinder im Alter von ein bis drei Jahren in ihren eigenen vier Wänden. „Ich hatte noch nie einen Job, bei dem ich so viel lachen konnte, so unmittelbar Feedback bekommen habe“, bilanziert sie glücklich.

Unterwegs mit der Vierlingskarre

Melanie Urban sieht sich in der perfekten Situation: Sie hat sich die Arbeit nach Hause geholt, Tochter Bella-Maria besucht die Kita gegenüber. Von 8 bis 15 Uhr toben vier Kleinkinder durch ihr Haus, wenn sie abgeholt werden, kann Melanie Urban ihre Tochter einsammeln. Die Fünfjährige freut sich über die Veränderung zu Hause: Die untere Etage ist zu einem Kinderparadies geworden. Spielteppiche zieren den Fußboden im Wohnzimmer, Kinderbettchen stapeln sich, es gibt Spielzeug so weit das Auge reicht. Im Garten sind eine Sandkiste und ein Spielhaus hinzugekommen. „Ich hatte vorher auch keinen Wickeltisch an der Wand hängen“, sagt Melanie Urban und lacht. Zudem ist sie jetzt häufig mit einer Vierlingskarre unterwegs. „Auf dem Wochenmarkt kennt man uns schon.“ Sie wohnt am Liebesgrund, direkt in der Innenstadt.

Die Altersgruppe der Kinder, die sie betreut, hat sie selbst festgelegt. Melanie Urban weiß aus eigener Erfahrung, dass „die Betreuungsplätze für Ein- bis Dreijährige sehr knapp sind“. Außerdem habe sie während der Qualifizierung gemerkt, dass die Betreuung dieser Kinder besonders spannend sei. „Der Einjährige fängt an zu laufen, das zwei Jahre alte Kind spricht die ersten Worte, es passiert so viel in diesem Alter.“ Als Arbeit möchte Melanie Urban die Kinderbetreuung fast nicht bezeichnen, „es fühlt sich nicht so an“. Anstrengend sei allein die große Verantwortung. „Man ist die ganzen sieben Stunden mit allen Sinnen dabei.“

Durch die rund dreimonatige Ausbildung zur Tagesmutter, die die Fachberatung Kindertagespflege in Lüneburg anbietet, fühlt sie sich gut gewappnet: Entwicklungspsychologie, rechtliche Grundlagen, Eingewöhnung, Pflegeerlaubnis, Infektionsschutz, Ernährung und vieles mehr wurde da thematisiert. Das Praktikum hat Melanie Urban bei einer Tagesmutter in Radbruch absolviert, auch eine Hausarbeit und eine mündliche Prüfung musste sie ablegen. Die Zeit habe ihr geholfen, herauszufinden, „wohin die Reise gehen soll“. So besteht beispielsweise auch die Möglichkeit, Kinder im Haushalt der Eltern zu betreuen.

Vor der Betreuung steht das Gespräch mit den Eltern

In diesem neuen Berufsfeld angekommen, sieht sie nicht nur neue Freiheiten, sondern auch finanzielle Vorteile. Der Eigenanteil der Tagesmütter für die Qualifizierung liegt bei 480 Euro, der insgesamt 1000 Euro teure Kursus wird getragen von Stadt und Landkreis. Die Entscheidung, wie viele Kinder in einem Haushalt betreut werden dürfen, fällt das Jugendamt nach einer Begutachtung der Räumlichkeiten. Fünf Kinder sind das Maximum, die Ausnahme bilden Großtagespflegestellen wie im Behördenzen­trum Auf der Hude. Das feste monatliche Einkommen ist für Melanie Urban, die schon immer selbstständig war, eine ungewohnte Sicherheit.

Über einen Mangel an Nachfrage kann Melanie Urban nicht klagen. Wird ein Platz frei, führt sie mehrere Gespräche mit den Eltern, deren Vertrauen sei wichtig. Wenn es passt, wird ein Vertrag unterschrieben, dann kann die Eingewöhnungszeit von zwei bis vier Wochen starten.
» Wer sich selbst in der Kinderstagespflege engagieren möchte, hat die Möglichkeit, an der nächsten Qualifizierung teilzunehmen, die am Montag, 6. Februar, beginnt. Mehr Informationen und Anmeldung auf www.tmlg.de im Internet oder unter Tel.: (04131)35513.

Von Anna Paarmann

Kinderbetreuung in Lüneburg

267 Tageseltern, die über die Fachberatung Kindertagespflege qualifiziert wurden, sind aktuell in Stadt und Kreis Lüneburg im Einsatz. Anja Niedergesäß von der Fachberatung sieht vor allem in der Stadt noch Bedarf an Betreuungsplätzen. So seien bislang nur die Stadtteile Moorfeld und Kreideberg gut abgedeckt. Große Nachfrage herrsche in den Quartieren Bockelsberg, Wilschenbruch, Mittelfeld, Innenstadt, Hagen und Hanseviertel.

Die Stadt Lüneburg bietet insgesamt 3703 Betreuungsplätze an, davon sind 603 für Krippenkinder bis drei Jahre. Bis 14 Uhr könnten 670 Kindergartenkinder bleiben, den ganzen Tag sogar 1152. Die verschiedenen Horte generieren 323 Plätze, die Übermittagsbetreuung kann 462 Kinder aufnehmen. Stadtpressesprecherin Suzanne Moenck sagt: „Die Auslastung liegt zwischen 95 und 100 Prozent, insofern freuen wir uns über zusätzliche Tageseltern.“