Mittwoch , 12. August 2020
Der 5000 Quadratmeter große Teich ist das Herzstück des Grundstücks, das sich Susanne Ihden 2003 gekauft hat. Und das der Landkreis Lüneburg nun zur jagdfreien Zone erklären muss. Foto: t&w

Für Jäger tabu: Tierschützerin gewinnt Kampf gegen Zwangsjagd

Lüneburg. Sieg für die Jagdgegnerin Susanne Ihden: Der Landkreis Lüneburg muss ihr Grundstück zur jagdfreien Zone erklären, das verkündete jetzt nach mehr als zweistündiger Verhandlung die fünfte Kammer des Verwaltungsgerichts Lüneburg (LZ berichtete). Im Gegensatz zur unteren Jagdbehörde des Kreises sah das Gericht keine ausreichenden Gründe, den Anfang 2015 gestellten Antrag der Klägerin auf „Befriedung aus ethischen Gründen“ (§ 6 a Bundesjagdgesetz) abzulehnen. „Gerade im Jagdland Niedersachsen ein großer und gewichtiger Erfolg“, erklärte nach der Urteilsverkündung Ihdens Rechtsanwalt und Experte auf dem Gebiet, Dominik Storr.

Erster Erfolg von Jagdgegnern vor Lüneburger Gericht

Der Erfolg der 61 Jahre alten Bleckederin ist im Landkreis Lüneburg bisher einmalig, das knapp vier Hektar große Stück Land das erste, das in der Region nun offiziell zum „befriedeten Bezirk“ erklärt werden muss. Ein weiterer Jagdgegner war mit seinem Antrag zuerst beim Landkreis, dann beim Verwaltungsgericht Lüneburg gescheitert. Auch in ganz Niedersachsen ist die Erfolgsquote derer, die ihr Land nach § 6 a Bundesjagdgesetz zur jagdfreien Zone erklären lassen wollen, gering. Aktuelle Zahlen dazu hat das Landwirtschaftsministerium in Hannover nicht, vor einem Jahr aber war laut eines NDR-Berichts lediglich ein Grundstück in Niedersachsen erfolgreich befriedet worden, 60 Grundbesitzer hatten einen Antrag gestellt.

Susanne Ihden hatte die Befriedung ihres Grundstückes Anfang 2015 beim Landkreis Lüneburg beantragt, erläutert, dass sie als überzeugte Vegetarierin das Töten von Tieren grundsätzlich ablehnt. Vor Gericht musste sie ihre Gründe nun erneut vortragen – und überzeugte die Richter. „Die Klägerin hat bei ihrer Anhörung durch die Kammer im Rahmen der mündlichen Verhandlung glaubhaft gemacht, dass sie die Jagdausübung aus ethischen Gründen ablehnt“, heißt es in der Pressemitteilung des Verwaltungsgerichts.

Zweifel hatte auch der Landkreis Lüneburg nicht an Ihdens Beweggründen, lehnte ihren Antrag Ende 2015 nach der Einholung verschiedener Stellungnahmen trotzdem ab. Anlass dafür gaben aus Sicht der Behörde im Wesentlichen zwei Gründe: Die Befriedung der vier Hektar würden die Gefahr von Wildschäden sowie das Wildunfall-Risiko deutlich erhöhen. Argumente, die das Gericht gestern nicht überzeugen konnten.

Rechtsanwalt hofft auf Signalwirkung fürs ganze Land

„Nach Auffassung der Kammer liegen keine Tatsachen vor, die die Annahme rechtfertigen, dass ein Ruhen der Jagd auf den Grundstücken der Klägerin im Jagdbezirk die Belange etwa des Schutzes der Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft vor übermäßigen Wildschäden oder die Abwendung sonstiger Gefahren für die öffentliche Sicherheit und Ordnung gefährde“, erklärt das Gericht in seiner Pressemitteilung. Es fehlte der Kammer eine „hinreichend konkrete Darlegung“ durch den Landkreis. So lagen zum Beispiel keine dokumentierten Zahlen zu Ausmaß und Häufigkeit von Wildschäden vor. Und auch das Argument, dass es in drei Jahren drei Wildunfälle gegeben habe, überzeugte die Richter nicht.

Der Landkreis wollte sich zum Urteil gestern noch nicht äußern. „Erst wenn uns die schriftliche Urteilsbegründung vorliegt, können wir abwägen“, sagte Sprecher Hannes Wönig. Grundsätzlich könnte der Kreis beim Gericht einen Antrag auf Zulassung der Berufung stellen. Sollte dem stattgegeben werden, müsste sich gegebenenfalls in nächster Instanz das Oberverwaltungsgericht mit dem Fall beschäftigen.
Rechtsanwalt Dominik Storr hofft, dass das Urteil auch anderen Jagdgegnern in Niedersachsen Mut macht, sich gegen die Zwangsbejagung ihrer Flächen zu wehren. „Bisher waren viele durch den großen Aufwand und die geringen Erfolgsaussichten bereits im Vorfeld abgeschreckt.“ Und Susanne Ihden? Die konnte das Urteil kaum fassen. „Ich war so gerührt und glücklich, als ich erfahren habe, dass ich mich in Zukunft in einer befriedeten Umgebung bewegen kann“, sagt sie. Vom 1. April an soll die jagdfreie Zone ihres Wissens gelten. „Dann können ich und die Tiere endlich in Frieden auf meinem Land leben. Und der Kampf hat sich gelohnt.“