Dienstag , 22. September 2020
Anas Batal (l.) hat Zahnmedizin studiert und vor seiner Flucht in seiner syrischen Heimat auch praktiziert. Beim Lüneburger Zahnarzt Robert Gorgolewski aber darf er nur hospitieren. Foto: be

Syrischer Arzt darf hospitieren, nicht praktizieren

Lüneburg. Wenn er zum Zahnarzt geht, hat er ein besonderes Gefühl: „Das tut weh.“ Damit meint Anas Batal nicht etwa Schmerzen bei der Behandlung. Er ist selbst ausgebildeter Zahnarzt, darf bei seinem Lüneburger Kollegen Robert Gorgolewski aber nur hospitieren, nicht praktizieren. Denn er ist Flüchtling, hat noch nicht den Anerkennungsstatus. Dabei ist er bestens integriert, hat in Lüneburg viele Helfer gefunden und hofft, dass sein Traum vom Zahnarzt-Beruf mit dem Spezialgebiet Kieferchirurgie doch noch in Erfüllung geht.

Tandem-Seminar für Flüchtlinge

Der heute 25-Jährige ist in der syrischen Hafenstadt Latakia aufgewachsen: „In meiner Heimat habe ich fünf Jahre lang Zahnmedizin studiert und danach ein Jahr als Zahnarzt gearbeitet.“ Schon damals habe er den Wunsch gehabt, sein Studium in Deutschland fortzusetzen, doch er hatte sich für seine Heimat entschieden, er hat eine enge Beziehung zu seiner Familie, zu seinen Eltern und seinen beiden Schwestern. 2015 dann entschloss er sich doch zur Flucht, kam über die Balkanroute im Oktober nach Passau und danach über die Stationen Mannheim, Hamburg und Friedland im November nach Bardowick, wo er heute noch in einer Flüchtlingsunterkunft mit 15 Leuten in fünf Schlafzimmern untergebracht ist: „Ich verbringe allerdings viel Zeit bei meiner deutschen Freundin.“

„Ich bin nie angefeindet worden, habe nur gute Menschen in Deutschland kennengelernt.“
Anas Batal

„Ich bin nie angefeindet worden, habe nur gute Menschen in Deutschland kennengelernt“, erzählt er in sehr gutem Deutsch. „In Syrien sprach ich kein einziges Wort Deutsch, brachte mir dort aber selbst Englisch bei.“ So sei ihm auch das Deutschlernen leicht gefallen. Von Anfang an bemühte er sich selbst um seine Integration: „Die Samtgemeinde Bardowick gab mir den Tipp für einen Deutsch-Kursus bei einem privaten Anbieter. Und ich hörte, dass die Universität ein Seminar anbietet. Ich habe den Einstellungstest bestanden und fing dort im März 2016 an.“ In diesem sogenannten Tandem-Seminar für Flüchtlinge mit deutschen Begleitern geht es nicht nur darum, die deutsche Sprache zu erlernen, sondern auch die fremde Kultur kennenzulernen. In diesem Seminar traf er André John, den Masterstudenten fürs Lehramt an Berufsbildenden Schulen mit Schwerpunkt Sozialpädagogik: „Er hat mir sehr geholfen.“

Hospitieren, nicht praktizieren

John selbst engagiert sich bei der Volkshochschule im Bereich Integration und Flüchtlinge, vermittelte auch Anas Batal an die VHS. Dort ist der Syrer unter anderem im Projekt „TAF“ (Teilhabe am Arbeitsmarkt für Flüchtlinge) aktiv. Batal sagt: „Das deutsche Schul- und Ausbildungssystem ist kompliziert, die meisten Flüchtlinge kennen es nicht, das Wissen darüber vermitteln wir.“ Der 25-Jährige ist für die VHS als Dolmetscher aktiv, übernimmt diese Funktion auch für die Arbeiterwohlfahrt.

André John versuchte auch, seinen neuen Freund an einen Zahnarzt zu vermitteln, wurde aber zunächst enttäuscht: „Die ersten beiden, die ich anprach, hatten Vorbehalte gegenüber Flüchtlingen.“ Aber da hatte er ja auch noch seinen alten Freund aus Kindheitstagen: Robert Gorgolewski hatte gerade erst seine eigene Zahnarztpraxis eröffnet: „Auch er war anfangs skeptisch, das allerdings hatte bürokratische Gründe.“ Denn Anas Batal darf tatsächlich nur hospitieren, nicht praktizieren. Der Syrer erzählt: „Ich bin jetzt seit dem 7. Juli 2016 einmal pro Woche für sechs bis sieben Stunden in der Praxis, darf aber nur gucken.“ Er warte immer noch auf seine Anerkennung als Asylbewerber: „Ich bin in Friedland registriert worden, hatte noch nicht meine Anhörung beim BAMF, dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.“ Ist die gelaufen, geht es für ihn so weiter: „Ich brauche eine Arbeitserlaubnis von der Zahnärztekammer, werde den Antrag stellen. Vor der Kammer gibt es dann eine Prüfung. Bestehe ich die, darf ich erst nur als Zahnarztassistent arbeiten. Nach einem Jahr ist die Approbation möglich.“ Und dann könnte sein Wunsch, als Spezialist für Kieferchirurgie sein Geld zu verdienen, doch noch in Erfüllung gehen.

» Anas Batal ist auch Podiumsteilnehmer bei einer Debatte in der von VHS und Uni organisierten Veranstaltungsreihe „Einwanderungsland Europa“. Am Dienstag, 28. Februar, ab 13 Uhr heißt es im Hörsaal 3 auf dem Campus an der Scharnhorststraße: „Ein Blick auf die Außengrenzen Europas Kann die EU Gerechtigkeit?“ Mit dabei sind der Journalist Maximilian Popp (per Skype aus der Türkei zugeschaltet), Stefan Schmidt (Kapitän und Flüchtlingsbeauftragter des Landes Schleswig-Holstein) und weitere Gäste.

Von Rainer Schubert

Wichtige Anlaufstelle für Flüchtlinge

Das Projekt „TAF“, bei dem Anas Batal mitwirkt, ist nur eines der vielen Angebote, die die Volkshochschule Flüchtlingen macht. Die Maßnahme Integration von Asylbewerbern und Flüchtlingen (IvAF) soll den Teilnehmern Orientierung, bedarfsgerechte Beratung und Vermittlung in Arbeit oder Ausbildung ermöglichen.

Gleichzeitig bieten Kooperationsverbünde Schulungen von Multiplikatoren in Betrieben und öffentliche Verwaltungen sowie in Jobcentern/Arbeitsagenturen an, um die Einstellungsbereitschaft für die Zielgruppe zu erhöhen, Beschäftigungsverhältnisse zu stabilisieren und die Qualität der arbeitsmarktlichen Förderung zu verbessern. Am 1. Mai 2016 begann diese Maßnahme unter der Bezeichnung TAF (Teilhabe am Arbeitsmarkt für Flüchtlinge).

Die VHS wird 2017 in den Sprach- und Integrationskursen mit rund 1600 Flüchtlingen arbeiten, die in insgesamt 32 000 Unterrichtsstunden Deutsch lernen und Prüfungen ablegen können. Die einzelnen Kurse laufen über sechs bis neun Monate. Dabei sind rund 60 Lehrer im Einsatz.