Montag , 28. September 2020
Das Bullenkalb ist erst wenige Wochen alt, doch ein Blick in sein Genom offenbart schon jetzt sein Potenzial als Zuchtbulle. Foto: t&w

Revolution in der Rinderzucht? Wie Züchter die Zukunft lesen

Echem. Das Bullenkalb hat noch keinen Namen, doch sein Züchter Tim-Philipp Junge weiß bereits: Das Neugeborene, das vor ihm im Stroh steht und nach Milch giert, wird einmal ein Star. Kurz nach der Geburt hat der 31 Jahre alte Rinderhalter aus Echem eine Gewebeprobe des Kälbchens ins Labor geschickt, bald darauf steckte mit dem Ergebnis der Gen-Analyse ein Versprechen im Briefkasten: Wenn alles nach Plan läuft, liegt vor dem Kalb eine Zukunft als gefragter Zuchtbulle und vor Junge ein weiterer großer Erfolg als Züchter.

Der Blick in die Zukunft gelingt in dieser Form bisher bei keinem anderen Tier, die „genomische Zuchtwertanalyse“ gilt als Revolution der Rinderzucht. Anfang der 2000er-Jahre gelang den Wissenschaftlern der Durchbruch, heute gehört der „Blick ins Genom“ für immer mehr Züchter zum Alltag. Zuchtverbände und Landwirte preisen das Verfahren als Chance für mehr Tierschutz. Und selbst Dr. Leif Koch, Leiter der Politischen Kommunikation der Welttierschutzgesellschaft, glaubt, „dass die genomische Zuchtwertanalyse bei korrekter Anwendung durchaus Potenzial bietet, die Gesundheit der Kühe zu stärken“.

Doch wie gelingt es der Wissenschaft, in den Genen der Kälber deren Zukunft zu lesen? „Um dafür ein Verfahren zu entwickeln, brauchte die Wissenschaft zunächst einmal eine möglichst objektive und umfassende Datendokumention“, sagt der Genetik-Experte des größten deutschen Rinderzuchtverbands Masterrind, Rolf Oorlog. „Und genau die bot die Rinderzucht.“

Für die Branche birgt es Chance und Risiko zugleich

Über Jahrzehnte sind für Tausende Tiere verschiedene Leistungsmerkmale erfasst worden, zum Beispiel, wie viel Milch ein Rind gibt, wie gut sein Körperbau ist oder wie gesund es ist. „Daraus hat man in Kombination mit den Leistungsmerkmalen verwandter Tieren sogenannte Zuchtwerte ermittelt und konnte anhand dessen ablesen, ob ein Tier ein Merkmal bei seinen Nachfahren eher verstärkt oder abschwächt“, sagt Oorlog. Das gelang bei erwachsenen Tieren recht zuverlässig, bei einem Kalb konnte man die Zuchtwerte lediglich schätzen. Sicherheit: rund 35 Prozent.
„Für die Entwicklung der genomischen Zuchtwertanalyse hat man dann eine Gruppe Bullen herangezogen, für die Genmuster und konventionelle Zuchtwerte vorlagen“, sagt Oorlog, „das hat man sehr vereinfacht ausgedrückt miteinander abgeglichen und daraus eine Formel zur Errechnung genomischer Zuchtwerte abgeleitet.“ Die Formel wird seitdem ständig angepasst, „denn je mehr Daten vorliegen, desto genauer wird das Verfahren.“ Aktuell liegt die Gewissheit für ein Kalb zwischen 65 bis 70 Prozent. „Tendenz steigend“, sagt Oorlog.

„Ich kann Dinge schneller verändern. Und zwar für die Kuh zum Besseren.“
Tim-Philipp Junge, Rinderzüchter

Tim-Philipp Junge setzt die genomische Zuchtwertanalyse inzwischen bei jedem seiner Kälber ein. Kosten: 49 Euro. Aus seiner Sicht gut investiertes Geld, „denn so wissen wir schon kurz nach der Geburt des Kalbes, welche Merkmale es wie vererben wird“. Anders als Vater Peter Junge muss der 31-Jährige nicht mehr abwarten, bis ein Rind sich entwickelt und die ersten Kälber bekommen hat, er kann seine Tiere mit der Auswahl des richtigen Bullen sehr viel schneller und gezielter verändern als seine Vorfahren es konnten. Für die Branche birgt das Chance und Risiko zugleich. Je nachdem, in welche Richtung es geht.

Jahrzehntelang hatte die Rinderzucht vor allem ein Ziel: die Steigerung der Milchleistung. „Das gelang auch“, sagt der Zuchtexperte der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, Dr. Ludwig Diekmann, „nur leider war dabei die Gesundheit der Tiere aus dem Blick geraten.“ Die Folge: Die Kühe gaben zwar immer mehr Milch, wurden aber auch anfälliger, waren häufiger krank, litten unter Klauen- und Gelenkserkrankungen. Eine Fehlentwicklung, beteuern mittlerweile auch die Zuchtorganisationen und setzen statt auf Milchleistung vermehrt auf Langlebigkeit und Gesundheit.

Kühe gesünder züchten

Auch Tim-Philipp Junge nutzt die Gen-Analyse, um seine Kühe gesünder zu züchten, um Fehlentwicklungen der Vergangenheit zu korrigieren. Mit Erfolg, wie er betont: „Schwergeburten zum Beispiel sind deutlich zurückgegangen, weil keine Bullen mehr mit genetischer Neigung zu Schwergeburten in den Besamungseinsatz kommen“, sagt er. „Und auch insgesamt kann man bereits merken, dass die genetische Selektion auf Langlebigkeit und Gesundheit funktioniert.“ Ethische Bedenken hat er nicht. „Wir verändern ja keine Gene, bringen kein Kalb zum Schlachter, nur weil die Zuchtwerte nicht besonders gut sind“ sagt er. Für ihn unterscheidet sich seine Zucht nicht von der Zucht seiner Vorfahren. „Nur, dass ich Dinge schneller verändern kann. Und zwar für die Kuh zum Besseren.“

Genauso schnell könnte das Verfahren allerdings auch ins Gegenteil verkehrt werden. „Deswegen werden wir als Welttierschutzgesellschaft ganz genau hinsehen“, sagt Dr. Leif Koch. Jahrzehntelang habe die Branche mit der Zucht auf Turbokühe und unnatürlich hohe Milchleistungen die Kühe krank gemacht. „Das hat Vertrauen verspielt.“
Und der kleine Bulle ohne Namen? Der weiß nichts von seinen vielversprechenden Genen, hat mit ihnen aber schon sein Schicksal besiegelt. Der Zucht­organisation genügte ein einziger Blick in die Analyse-Ergebnisse, um das Neugeborene schon heute auszuwählen als einen der internationalen Zuchtbullen von morgen.

von Anna Sprockhoff