Mittwoch , 30. September 2020
Gitarren ohne Tropenholz finden sich im Handel nur wenige. Meist bestehen die Griffbretter aus Palisander, das nun unter das Artenschutzabkommen Cites fällt. Foto: t&w

Artenschutzabkommen sorgt bei Gitarren-Besitzern für Verunsicherung

Von Manuela Gaedicke
Lüneburg. So ein turbulentes Weihnachtsgeschäft haben die Lüneburger Musikgeschäfte wahrscheinlich noch nie erlebt. Es war der 15. Dezember, als Oliver Schweers, Inhaber von All 4Music an der Apothekenstraße, plötzlich eine E-Mail aus Hannover bekam. „Wir hatten bis Ende Dezember Zeit, alle Gitarren im Bestand zu erfassen und bei der Behörde zu melden. Innerhalb von zwei Wochen, kurz vor Weihnachten. Das war natürlich der Kracher“, erzählt Schweers. Wie viele Musiker und Händler wurde er von dieser neuen Regelung überrascht.

Palisander steht unter Artenschutz

Grund ist eine Veränderung im Artenschutzabkommen „Cites“, die zum 1. Januar in Kraft getreten ist und nun bei Gitarren-Liebhabern für Verunsicherung sorgt. Weitere Sorten des Palisander-Holzes, das bei den Zupfinstrumenten so häufig verwendet wird, fallen nämlich seitdem unter Artenschutz und dürfen nur noch gehandelt werden, wenn der Verkäufer einen entsprechenden Nachweis erbringt, wo die Materialien herkommen. „Viele Kunden wissen noch gar nichts davon und sind natürlich verunsichert, wenn sie das erste Mal davon hören“, erzählt Aaron Martin, Verkäufer bei Pro Music am St. Lambertiplatz.

Neben Gitarren ist Palisander auch in einigen Geigen, Klarinetten, Flöten oder Xylofonen zu finden. Bei Musikinstrumenten macht diese Holzart allerdings nur einen vergleichsweise geringen Anteil aus. Vielmehr gefragt sind die neuerdings geschützten Tropen-Hölzer für den Möbel- und Innenausbau in China.

Martin und seine Kollegen müssen jetzt auf jeder Rechnung vermerken, wo das Holz herkommt. Eine Umstellung, die am Anfang chaotisch war. „Auch die großen Hersteller haben teilweise noch gar keine offiziellen Listen, deshalb mussten wir in den ersten Wochen improvisieren“, erzählt der Einzelhandelskaufmann, der sich mittlerweile bestens mit dem Thema auskennt.

Händler und Behörden von dem Thema überrollt

Sogar die zuständigen Behörden wie der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) räumen ein, dass sie von dem Thema regelrecht überrollt wurden. Allein das NLWKN habe mehr als 500 E-Mails von verunsicherten Gitarrenbesitzern bekommen, zuständig ist aber in diesem Fall die Naturschutzbehörde des Landkreises Lüneburg. Hier halten sich die Anfragen laut Angaben von Landkreis-Sprecherin Katrin Holzmann noch in Grenzen. Weil das Thema noch so neu ist, sei man aber momentan „in sehr enger Abstimmung mit dem NLWKN“.

Einer, der das alles gelassen sieht, ist der Gitarrenbauer Thomas Thämlitz. „Ich finde das Artenschutzabkommen grundsätzlich gut. Ich hoffe, dass dadurch mehr Gitarrenbauer auf einheimische Hölzer ausweichen“, erzählt der 34-Jährige, der sich in einem Hinterhof an der Heiligengeiststraße seine eigene kleine Werkstatt eingerichtet hat. Auch in seinen Regalen findet sich viel Palisander, da er für seine Gitarren immer das Material verwendet, welches der Musiker gerne haben möchte. „Palisander wird natürlich ein besonderer Klang nachgesagt und es wirkt auch edler. Aber grundsätzlich funktioneren genauso gut einheimische Hölzer“, ist Thämlitz überzeugt, der sogar eine Gitarre aus dem Holz im abgebrannten Lösecke-Haus gebaut hat. „Warum also unbedingt eine geschützte Holzart nehmen, wenns auch anders geht“, findet der gelernte Einzelhandelskaufmann.

In Lüneburger Musikläden gehören Gitarren, deren Griffbretter nicht aus Palisander-Holz sind, zu den Ausnahmen. „Einige Hersteller bauen ihre Instrumente ohne Tropenholz, aber die meisten Kunden haben sich natürlich an den Klang von Palisander gewöhnt“, weiß Aaron Martin von Pro Music. Gewöhnen müssen sich nun wohl viele Kunden und Gitarrenbesitzer an die neuen Regeln. „Die meisten haben aber Verständnis und finden das auch grundsätzlich richtig, seltene Hölzer zu schützen.“ Nur die Verunsicherung, die sei halt sehr groß. Immer noch.

Instrumente registrieren lassen?

Unter Gitarrenbesitzern machten in den vergangenen Wochen Gerüchte die Runde, jeder müsse sein Instrument bei der Behörde melden. „Eine gesetzliche Pflicht zur Registrierung von Musikinstrumenten besteht nicht“, betont jedoch Renata Kluge vom NLWKN. Der legale Vorerwerb könne zum Beispiel auch durch Rechnungen, Lieferscheine oder Seriennummern nachgewiesen werden. Nur wer Musikinstrumente aus geschützten Holzarten in ein Drittland außerhalb der EU verkaufen will, muss Bescheinigungen beim NLWKN beantragen.

Die Konsequenzen des veränderten Artenschutzabkommens bekommt vor allem der Handel zu spüren, der nun über den An- und Verkauf Buch führen muss. „Es wird Kontrollen geben, hier stehen aber nicht Privatpersonen im Fokus, die ihr Instrument verkaufen wollen, sondern vielmehr der kommerzielle Handel, Großhändler und große Hersteller“, betont Kluge. lz