Sonntag , 1. November 2020
Im Eis gefangen, zum Glück aber nur eine Übung: Die Lüneburger DLRG-Helfer retten ihren Kollegen aus der Notlage. Foto: t&w

Zur Übung auf dünnes Eis

Lüneburg. Grelles Scheinwerferlicht, Rettungswagen, Einsatzkräfte mit Leitern und Seilen, laufende Generatoren. Mittwochabend, 19.30 Uhr: Die Schnelleinsatzgruppe der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) hat sich am Ufer des Regenrückhaltebeckens unterhalb der Friedrich-Ebert-Brücke aufgestellt. Gespannt schauen die herbeigerufenen Rettungsschwimmer auf das Geschehen, das sich wenige Meter vor ihnen auf dem zugefrorenen Gewässer abspielt. Ein Mann ist ins Eis eingebrochen, ruft um Hilfe. Die Aufgabe: Retten, so schnell es geht. Das Gute: Es ist eine Übung. Doch daraus könnte schnell ernst werden: Deshalb warnen Polizei, DLRG und Feuerwehr jetzt auch davor, die vielerorts noch zu dünnen Eisflächen zu betreten. Es bestehe Lebensgefahr.

Übung mit besonders hohem Realitätsgrad

„Wir üben das immer wieder, gerade jetzt, wo das Eis noch nicht trägt, sich aber immer wieder Menschen unvorsichtigerweise auf die scheinbar zugefrorenen Gewässer begeben“, sagt DLRG-Einsatzleiter Michael Düker. Er beobachtet aufmerksam, wie Malte Kirchgässler, einer der rund 30 an der Übung teilnehmenden Lebensretter, sich auf dem Hansa-Board, einem in Schweden entwickelten schwimmfähigen Schlitten für die Eisrettung, dem Eingebrochenen nähert. Mit kräftigem Schwung, den er sich mit Hilfe von Eispickeln in der Hand verschafft, gleitet er auf den Kufen des Schlittens dem Ertrinkenden entgegen, sichert ihn und zieht ihn an Bord. Dann lässt er sich von seinen Teamkameraden per Seil zurück ans Ufer ziehen, der Mann ist gerettet.
Anders als in vergangenen Jahren hatte die Übung dieses Mal einen besonders hohen Realitätsgrad. Statt eines Dummys hat Jan Franke die Rolle des zu Rettenden übernommen. Der DLRG-Strömungsretter war zuvor ins freigemachte Eisloch gestiegen, ausreichend durch einen kräftigen Neoprenüberzug geschützt. Der 22-jährige Adendorfer ist es auch, der im Ernstfall den Eingebrochenen aus dem Wasser gefischt hätte, dafür natürlich auch ins Wasser gestiegen wäre.

Wie kritisch solche Situationen trotz Anwesenheit von DLRG-Helfern dennoch werden können, macht Michael Düker deutlich: „Wenn der Ertrinkende unter das Eis gerät, wird es mitunter sehr schwer, ihn aufzufinden.“ Schlechte Sichtverhältnisse und das Risiko, sich dabei selbst in Gefahr bringen zu können, grenzten eine Rettung stark ein. „Nicht nur deshalb müssen wir schnell am Einsatzort sein.“

35 Mitglieder ist die SEG stark, sie setzt sich aus Rettungsschwimmern, Bootsführern, Strömungsrettern, Rettungstauchern und Rettungssanitätern der DLRG-Ortsgruppen Lüneburg, Adendorf-Scharnebeck, Bardowick, Amelinghausen und Dahlenburg zusammen. Ihr Einsatzgebiet umfasst den Landkreis Lüneburg und angrenzende Bereiche. Bei Alarm per Notruf 112 eilen sie herbei, zugleich werden aber immer auch Feuerwehr und Krankenwagen an die Unglücksstelle gerufen.
Kurz nach 21 Uhr war für Düker und sein Team die Übung zu Ende, dann hatten die meisten von ihnen den Ernstfall testen und sich auf eine mögliche Eisrettung vorbereiten können. „Dass es dazu nicht kommt, hoffen wir dennoch sehr“, sagt Düker.

Von Ulf Stüwe