Montag , 28. September 2020
Auch ein Spind kann von Dieben geknackt werden: Einem Lüneburger wurden sämtliche Papiere aus dem abgeschlossenen Schrank gestohlen. Foto: t&w

Strafanzeige wird zur Geduldsprobe

Lüneburg. Mit einem kleinen Schloss verschließt Michael Meyer* stets seinen Spind in einem Lüneburger Fitnessstudio. Als er neulich in die Umkleidekabine zurückkehrt, steht sein Schrank offen. Schnell wird dem 58-Jährigen klar: Sämtliche Papiere sind weg. Aus Angst vor einem Identitätsklau meldet er den Diebstahl noch am selben Tag der Polizei, informiert außerdem das Studio. Doch vier Wochen lang sei nichts passiert, moniert er. „Keinerlei Ermittlungen der Polizei.“ Hinweise auf den Täter hat in der Zwischenzeit das Fitnesscenter selbst liefern können. Die Polizei verweist auf Krankheitstage und die Priorisierung von Fällen.

Sachbearbeiter telefonisch nicht erreichbar

Am Anfang ist die Hoffnung groß, den Dieb zeitnah zu stellen, um Führerschein, Personalausweis, Kfz-Schein und Krankenkassenkarte möglichst noch wiederzubekommen. Doch mit jedem Versuch der Kontaktaufnahme, schwindet die Hoffnung. All das hat Meyer fein säuberlich protokolliert, die Diebstähle bestätigt auch das Lüneburger Sportcenter auf LZ-Nachfrage.
Am 13. November soll sich die Tat ereignet haben. Nur eine Stunde später stellt Meyer bei der Polizei Lüneburg Strafanzeige. Zwei Tage später hakt er nach, erfährt, dass der Fall weitergeleitet wurde. Der jetzt zuständige Beamte im Fachkommissariat 2 hat keine Zeit. „Ich sollte später nochmal anrufen, dann war der Mitarbeiter aber nicht am Platz.“ Meyer wartet zehn Tage lang ab keinAnruf, kein Beamter im Fitnessstudio.

„Wir müssen Schwerpunkte in unseren Ermittlungen setzen.“
Antje Freudenberg, Pressesprecherin Polizei

Derweil erfährt er von einem Mitarbeiter seines Sportcenters, dass noch zwei weitere Kunden bestohlen wurden. Einer soll ebenfalls Anzeige erstattet haben. Ein 20-jähriger Gast wird verdächtigt, ein Zeuge will ihn beim „Rumlungern“ in der Kabine beobachtet haben. Es ist der 29. November, zwei Wochen nach der Tat. Er wird zur Rede gestellt, reagiert aggressiv. Das Studio kündigt ihm die Mitgliedschaft, Meyer gibt diese Informationen „sofort“ an die Polizei weiter. „Aber der zuständige Polizeibeamte war telefonisch nicht erreichbar.“ Anfrage bei der Wache, auch von dort ist keine Verbindung möglich. Eine E-Mail-Adresse kann ihm ebenfalls keiner geben. Also schreibt er einen Brief an das Fachkommissariat keine Antwort.

Die Geduld ist überstrapaziert

Drei Tage später, am 2. Dezember, versucht er sein Glück erneut. Endlich, der zuständige Beamte nimmt ab. „Ich habe nachgefragt, warum bislang nicht ermittelt wurde, man sagte mir nur, dass man den Fall an einen Mitarbeiter weitergeleitet hätte.“ Dieser hätte sich eigentlich melden sollen. Wieder abwarten.

Am 6. Dezember ruft Meyer erneut im Fachkommissariat 2 an, denn er konnte Name und Adresse des vermeintlichen Täters selbst herausfinden. Besetzt, er kommt nicht durch. Wieder versucht er schriftlich sein Glück, jetzt mit einer „leichten Unmutsäußerung“. Meyer erzählt: „Ich habe erneut nachgefragt, wieso keinerlei Aktivitäten stattfinden“, die Tat sei nun fast einen Monat her. Am 8. Dezember hat er das erste Mal Kontakt mit dem ermittelnden Beamten. Die Nachforschungen laufen nun.

Doch die Geduld Meyers ist längst überstrapaziert. „Fehlanzeige auf ganzer Linie“, schimpft er. Sein Fazit: fehlende Ermittlungsarbeit, keine Kontaktmöglichkeiten, Kommunikationswege aus der Steinzeit, keine Kapazitäten für Strafverfolgung. Zurück bleibe das Gefühl, dass es der Bürger selbst in die Hand nehmen müsse, wenn er zeitnah und effektiv etwas erreichen wolle. „Man wird ja schon fast zur Selbstjustiz aufgefordert, wenn gar nicht oder zu spät ermittelt wird.“ Außerdem sei fraglich, was ein Geschädigter überhaupt von der Polizei erwarten könne, wenn er Strafanzeige stellt.

Polizei kann keine besondere Not sehen

Polizeipressesprecherin Antje Freudenberg hat auf LZ-Nachfrage mit dem ermittelnden Kollegen gesprochen. „Er war tatsächlich zwischendurch einige Tage krank“, sagt sie. Außerdem seien in diesem Fall anfangs keinerlei Ermittlungsansätze vorhanden gewesen. „Wir haben da keine besondere Not oder Erfolg versprechende Hinweise gesehen, ansonsten hätten wir sofort etwas unternommen.“ Hilfreich seien in solchen Fällen beispielsweise Bildhinweise von Überwachungsvideos, Zeugen oder auch Verbindungsnachweise, führt sie an. Zum Zeitpunkt der Anzeige hätte es solche aber nicht gegeben. „Auch wir müssen Schwerpunkte in unseren Ermittlungen setzen und bestimmte Fälle priorisieren.“ Wenn dann ein Kollege auch noch krank sei, könne es durchaus mal passieren, „dass etwas auf dem Schreibtisch liegen bleibt.“

Als Hinweise aus dem Studio kamen, habe man diese „natürlich verfolgt. Die Ermittlungen sind ja auch noch nicht abgeschlossen.“ Gefragt nach einem möglichen Personalmangel sagt Freudenberg: „Sicherlich haben wir alle viel zu tun, wenn in einem Fachkommissariat aber drei von 20 Leuten krank werden, dann haben wir nicht gleich einen Personalmangel.“ Außerdem sei eine solche Ermittlung „keine Sache von ein paar Tagen“.

Dabei drängt die Zeit auch bei vermeintlichen Kleinigkeiten. Denn ein Verfahren wird im Regelfall nach drei Monaten eingestellt, wenn kein Täter ermittelt werden kann. Antje Freudenberg stellt aber klar: „Das heißt nicht, dass ein Verfahren dann verschwunden ist. Wenn Hinweise auftauchen, kann es natürlich wieder aufgerollt werden.“ Eine Anzeige sei also immer empfehlenswert. Und manchmal auch eine gehörige Portion Geduld.

*Name geändert

Von Anna Paarmann