250 Millionen Vio-Flaschen hat Coca-Cola im vergangenen Jahr in Lüneburg abgefüllt. Weil das Geschäft mit dem Lüneburger Grundwasser brummt, soll ein dritter Brunnen errichtet werden. Foto: t&w

Coca-Cola: Bürger kritisieren dritten Grundwasserbrunnen

Lüneburg. Eigentlich wollte Dieter Reckermann schon viel weiter sein, die Erkundungsphase längst abgeschlossen haben. Seit Monaten ist der Projektleiter von Coca-Cola in Lüneburg und Umgebung unterwegs, seit hier die Erkundungsarbeiten für einen dritten Grundwasserbrunnen laufen. Immer neue Bohrstellen werden in Angriff genommen, doch offenbar liefern die Ergebnisse aus den Messstellen noch immer nicht das, was das Unternehmen dringend benötigt: belastbare Fakten für die Genehmigung zum Bau des neuen Brunnens. Ein Projekt, das in der Bevölkerung immer wieder auf Kritik stößt.

Sorge um die Ressource Trinkwasser treibt viele um

"Ich finde es unglaublich, wie hier ein Konzern überall Grundwasser abpumpen darf, um damit Profit zu machen. Grundwasser sollte ein öffentliches Gut sein", kritisiert Yvonne Gleditzsch aus Mechtersen das Ansinnen des Unternehmens, in Lüneburg jetzt noch einen weiteren Brunnen in Betrieb nehmen zu wollen. Überall auf der Welt gebe es Probleme mit der Wasserknappheit, Coca-Cola sei weltweit dabei, Grundwasser zu fördern und zu verkaufen, "oft zu Preisen, die sich die heimische Bevölkerung nicht leisten kann, und auch bei uns nehmen die Dürrezeiten im Sommer zu", äußerte die Mechterserin in einem LZ-Leserbrief. Vor allem die Sorge um die Ressourcen des heimischen Trinkwassers, das denselben Grundwasserschichten entnommen wird, treibt viele um. Dass dieses lebenswichtige Element genutzt wird, um damit Unternehmens-Gewinne zu erzielen, ist nicht wenigen ein Dorn im Auge.

„Ich finde es unglaublich, wie hier ein Konzern überall Grundwasser abpumpen darf, um damit Profit zu machen.“
Yvonne Gleditzsch, Bürgerin aus Mechtersen

Dieter Reckermann nennt diese Vorhaltungen "verständlich", sagt aber auch, dass die Kritik auf fehlender Information beruhe. "Wir müssen nachweisen, dass unsere Entnahmen die Grundwasserneubildung nicht übersteigen", erläutert er die Aktivitäten seines Unternehmens. Monatlich müsse das Unternehmen der Unteren Wasserbehörde in Lüneburg über aktuelle Fördermengen berichten, um ein "Langzeitmonitoring" sicherstellen zu können. Dazu dienten auch die 36 Messstellen, die Coca-Cola im Raum Lüneburg bereits eingerichtet hat, 24 weitere sollen folgen, sollte der dritte Brunnen kommen. Außerdem stehe man im Austausch mit anderen Grundwasser fördernden Unternehmen wie Purena, die ebenfalls Messstellen unterhielten.

Mit den Zielen seines Unternehmens hält er dennoch nicht hinterm Berg. "Wir wollen mit Vio weiter wachsen. Deshalb müssen wir rechtzeitig darüber nachdenken, wie wir an weitere Kapazitäten kommen." 250 Millionen Flaschen Vio hat Coca-Cola im vergangenen Jahr in Lüneburg produziert, Tendenz steigend. Seit das Mineralwasser auch mit fruchtigen Geschmacksnoten am Markt ist, brummt das Geschäft noch mehr. Vier "Produktionslinien" sind mit der Abfüllung des Mineralwassers und Limonaden wie Coca-Cola zu hundert Prozent ausgelastet, eine fünfte zu fünfzig Prozent. Sobald auch die voll ausgelastet ist, soll im Drei-Schicht-Betrieb produziert werden. Zu den derzeit 197 Mitarbeitern sollen demnächst weitere 20 hinzukommen. Aktuell wird auf dem neu erworbenen Nachbargrundstück Platz für ein größeres Produktionsmateriallager geschaffen.

„Wir müssen nachweisen, dass unsere Entnahmen die Neubildung von Grundwasser nicht übersteigen.“
Dieter Reckermann, Projektleiter Coca-Cola

Damit die Produktion mit der steigenden Nachfrage Schritt hält, komme man um einen weiteren Brunnen nicht herum, erklärt Reckermann immer wieder. Zwar dürfe man 350000 Kubikmeter Grundwasser pro Jahr fördern, ob die Menge beim derzeitigen Wachstumstempo ausreicht, sei fraglich. Deshalb jetzt die Vorarbeiten für einen dritten Brunnen, "saubere Vorplanung im Rahmen der Langfristplanung" nennt er das.

An acht Standorten hat Reckermann in den letzten Monaten bohren lassen, zuletzt am Böhmsholzer Weg in Reppenstedt. Ein neunter Standort werde mit Sicherheit noch benötigt, vielleicht noch weitere, "das hängt von den Ergebnissen ab". Doch ob und wo ein weiterer Brunnen errichtet wird, sei nach wie vor offen. "Aktuell errichten wir mit den laufenden Bohrungen lediglich Messstellen, um Aufschluss über das Schichtenverzeichnis zu bekommen." Pa­rallel fänden geophysikalische Untersuchungen statt, Ultraschall und Resonanzmessungen sollen für einen klärenden Blick über die Beschaffenheiten der Tiefe sorgen.

Es gibt kein Wasserrecht auf Vorrat

Jede dieser Messstellen werde beim Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie angemeldet, Eigentümer um Genehmigung zur Durchführung der Arbeiten auf ihren Grundstücken gebeten, örtliche Behörden laufend informiert, "freiwillig", wie Reckermann betont. Pro Messstelle werden drei Bohrungen ausgebracht, "die bislang tiefste reicht 293 Meter hinunter, mehr, als wir ursprünglich geplant haben". Das mache sich auch beim zusätzlichen Zeitaufwand bemerkbar. Eigentlich wollte Reckermann schon im August Klarheit haben.

Erst im vergangenen Jahr hatte Coca-Cola seinen zweiten Brunnen in Betrieb genommen, als "Ausfallsicherheit", wie es damals hieß. Dass nur ein Jahr später ein weiterer Brunnen in Angriff genommen wird, erklärt der Projektleiter damit, dass es "kein Wasserrecht auf Vorrat" gebe. Man dürfe immer nur so viele Brunnen errichten, wie für die laufende Produktion benötigt werden. Dass auch der dritte Brunnen genehmigt wird, davon geht Reckermann fest aus, "die bisherigen Messungen sprechen dafür". Und wenn nicht? "Gute Frage."
So wird weiter für Messdaten gebohrt, schließlich braucht das Unternehmen Wasser, damit das Geschäft mit Vio weiter sprudeln kann und die wasserrechtliche Genehmigung der Stadt für den Betrieb eines dritten Brunnens.