Samstag , 26. September 2020
Wie sie im Alter für ihre Pflege aufkommen sollen, belastet viele Menschen. Das überraschende Ergebnis einer Studie: In Lüneburg reicht das durchschnittliche Haushaltseinkommen der über 80-Jährigen für die Finanzierung aus. Foto: nh

Wenn professionelle Pflege finanziell belastet

Lüneburg. Im neuen Jahr können viele Pflegebedürftige und deren Angehörige auf mehr Unterstützung hoffen. Die Reform der Pflegeversicherung ist zum 1. Januar in Kraft getreten, das hat auch Konsequenzen für viele ältere Menschen in Lüneburg, die bislang noch kein Geld bekommen haben, weiß Mariken Hell vom Paritätischen Wohlfahrtsverband. „Der Einstieg ist niedriger als er bisher war. Man bekommt früher Unterstützung, zum Beispiel für eine Entlastung im Haushalt“, erklärt die Stellvertretende Pflegedienstleitung. Auch Demenzkranke, die bislang aufgrund ihrer körperlichen Gesundheit nicht als pflegebedürftig galten, profitieren von der Reform.

Region schneidet besser ab als der Durchschnitt

Positive Nachrichten zum neuen Jahr, die nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Kosten für die Pflege im Alter für viele Menschen ein großes Problem darstellen. In fast zwei Dritteln aller deutschen Städte und Landkreise können sich Senioren professionelle Pflege nicht ohne Weiteres leisten, weil sie das Geld für die erforderlichen privaten Zuzahlungen nicht aufbringen können, besagt eine Studie der Bertelsmann Stiftung. Die Überraschung bei dieser Untersuchung: Das gilt nicht für den Landkreis Lüneburg. „Wir haben das durchschnittliche Haushaltseinkommen der über 80-Jährigen in der Region verglichen mit den durchschnittlichen Pflegekosten“, erklärt Stefan Etgeton das Vorgehen.

Lüneburg steht gemeinsam mit rund 30 weiteren Landkreisen im Nordosten Deutschlands überdurchschnittlich gut da, während die professionelle Pflege für die meisten Senioren im Südwesten der Republik unerschwinglich ist. Ein Grund dafür könnten allerdings auch die Kosten für die Pflege sein, die in Lüneburg etwas niedriger sind als im Bundesdurchschnitt. „In Niedersachsen und auch in Schleswig-Holstein werden vergleichsweise niedrige Löhne gezahlt“, weiß Etgeton.

Private Pflegeversicherungen werden selten abgeschlossen

Nicht miteingeflossen in diese Studie ist allerdings das Vermögen von Angehörigen, die nicht mit im Haushalt leben. „Das ist ein belastendes Thema für viele ältere Menschen“, weiß Hartmut Erdmann, Leiter der VDK-Geschäftsstelle in Lüneburg. „Viele haben Angst, dass ihre Kinder für ihre Pflege aufkommen müssen“, weiß der Jurist aus der täglichen Beratung. Er bekomme häufiger mit, dass Menschen auf ihr Erspartes zurückgreifen müssen, das sie eigentlich für ihre Beerdigung zurückgelegt hatten. „Dass private Pflegeversicherungen abgeschlossen wurden, kommt äußerst selten vor“, erzählt Erdmann. Viele zögerten deshalb, tatsächlich in ein Heim zu gehen, obwohl sie Hilfe brauchen.
Das ist auch ein Ergebnis der Studie der Bertelsmann Stiftung, die einen Zusammenhang zwischen der Kaufkraft der Senioren und der Art der Betreuung festgestellt hat. „Neben den persönlichen Präferenzen, dass natürlich viele Senioren in ihrem Zuhause bleiben möchten, scheinen es häufig auch finanzielle Gründe zu sein, warum einige Menschen möglichst lange zu Hause bleiben“, erklärt Etgeton.

Entlastung auch für Angehörige

Auch in diesem Punkt zeigen die Daten ein überraschendes Ergebnis für den Kreis Lüneburg: Hier werden überdurchschnittlich viele Senioren stationär betreut. Eine Tatsache, die normalerweise irgendwann zu einer Fachkräftelücke führt. „Die ist aber in Lüneburg laut unseren Erhebungen geringer als in vielen anderen Regionen. Das mag an der Nähe zu Hamburg liegen“, vermutet Etgeton.

Für Mariken Hell vom Paritätischen Wohlfahrtsverband sind die Reformen ein guter Schritt. Die Entlastung, die nun auch Familienmitglieder bekommen, sei wichtig. „Nicht alle können ins Heim. Ein Großteil der Pflege in Deutschland wird von Angehörigen gemacht. Es ist wichtig, dass wir das als Gesellschaft auffangen.“

Von Manuela Gaedicke

Das ist anders

Die bisherigen drei Pflegestufen werden durch fünf Pflegegrade ersetzt. Bei der Einordnung wird darauf geachtet, inwiefern sich der Pflegebedürftige noch selbst versorgen kann und wie mobil er ist. Während Demenzkranke bislang bei der Pflegeversicherung durchs Raster fielen, wird ihnen nun Anspruch auf die gleichen Leistungen eingeräumt wie Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen.

Menschen, die ein Familienmitglied pflegen, sollen unter anderem bei Sozialbeiträgen bessergestellt werden. Arbeitnehmer werden diese Reform ab Januar auf ihrem Gehaltszettel zu spüren bekommen: Der Beitrag in der Pflegeversicherung wird erneut um 0,2 Prozentpunkte angehoben.