Donnerstag , 22. Oktober 2020
Ein großer Haufen Müll ist von Freiwilligen auf dem Kalkberg zusammengetragen worden. Es sind die Hinterlassenschaften von Besuchern während der Silvesternacht. Foto: be

Silvester in Lüneburg: Partyvolk nimmt wenig Rücksicht auf die Natur

Lüneburg. Herumliegende Sektflaschen, leere Bierpullen, Gläser und jede Menge Müll von den Überresten abgeschossener Silvesterraketen und Böller. Am Morgen nach dem Jahreswechsel glich die Kuppe des Kalkbergs mehr einer Müllhalde als einem Naturschutzgebiet. Obwohl das Abfeuern von Silvesterartikeln auf dem Areal rund um den Berg verboten ist, tut sich die Stadt schwer, das Verbot auch durchzusetzen. Stille Helfer haben sich am Neujahrstag zumindest des Müllproblems angenommen.

Weiträumige Absperrungensind kaum möglich

„Wir machen das jedes Jahr, aber dieses Mal war‘s besonders schlimm“, sagt der Lüneburger, der seinen Namen in der Zeitung nicht genannt wissen möchte. Zusammen mit seinem achtjährigen Sohn ist er am 1. Januar wie gewohnt auf den Kalkberg gestiegen, beide hatten Tüten mitgenommen und eingesammelt, was Feiernde unachtsam hinterlassen hatten. „Das ist jedes Mal ein trauriger Anblick“, sagt der Vater. Ihn bekümmert weniger, dass Menschen auf den Kalkberg gehen und ihren Müll dort liegenlassen. „Das kann man wieder einsammeln. Uns tun viel mehr die Tiere leid, die von dem Lärm aufgeschreckt werden.“

„Der Krach schreckt vor allem die Fledermäuse auf, die in den Höhlen und Nischen des Kalkbergs Winterschlaf halten.“
Sibylle Wickbold, Kalkberg-Beauftragte des BUND

Diese Sorge treibt auch Sibylle Wickbold um. Als Kalkberg-Beauftragte des Bundesverbands Umwelt und Naturschutz (BUND) Lüneburg bemüht sie sich seit Jahren um Pflege und Erhalt des Naturschutzgebiets inmitten der Stadt und möglichst geräusch- und hinterlassenschaftsfreie Besuche des Areals an Silvester. Vor allem beklagt sie den in diesem Jahr besonders starken Einsatz von Knallkörpern, ganze Böller-Batterien seien abgeschossen worden. „Der Krach schreckt vor allem die Fledermäuse auf, die in den Höhlen und Nischen des Kalkbergs Winterschlaf halten“, sagt die BUND-Beauftragte – Störungen, die für die artgeschützten Tiere ernsthafte Folgen haben können. Denn während der Aufwachphase verbrauchen sie kostbare Energie, die sie zum Überwintern dringend benötigen.

Kalkberg an Silvester sprerren?

Überlegungen, den Kalkberg an Silvester komplett abzusperren, habe man wieder aufgegeben, „das ist viel zu aufwendig, außerdem gibt es immer Schlupflöcher“, sagt Sibylle Wickbold. In den vergangenen Jahren habe man sich deshalb auch mit anderen Engagierten am Haupteingang postiert und die Besucher aufgeklärt und um Rücksicht gebeten. Selbst große Schilder seien aufgestellt worden, außerdem informiere man bei angebotenen Kalkberg-Führungen. Eine echte Handhabe gegen Störer habe man aber nicht, „hier ist das Ordnungsamt der Stadt gefordert“.
Die Stadt selbst konnte gestern keine Auskunft geben, wie der Kalkberg künftig besser geschützt werden kann. „Wir wollen uns dazu noch mit der Unteren Naturschutzbehörde und dem Nabu austauschen“, sagte Pressesprecher Daniel Gritz. „Seien Sie aber versichert, dass uns das Thema am Herzen liegt.“

Die beiden fleißigen Lüneburger hoffen unterdessen auf künftig mehr Einsicht und Verständnis bei den Feiernden für die schutzbedürftigen Tiere und auf weniger lärmende Besucher. Dass beide aber schon im kommenden Jahr nicht mehr aufräumen müssen, davon gehen sie allerdings nicht aus. Groll kommt bei ihnen dennoch nicht auf: „Wir mögen und schätzen unsere Stadt, für uns ist es eine Selbstverständlichkeit.“

Von Ulf Stüwe