Mittwoch , 30. September 2020
"Brotbaum oder Problembaum? Die umstrittene Fichte war jahrzehntelang auch der beliebteste Weihnachtsbaum der Deutschen. Foto: nh

Die Fichte — vom Brotbaum zum Notbaum

Göhrde/Sellhorn. Manche sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht: Fichten-Monokulturen sind der Tod des natürlichen Waldes, klagen Kritiker. Damit haben sie recht – und auch wieder nicht: „Denn die Fichte nun auf alle Zeiten zu verdammen, wäre genauso falsch, wie sie als ‚Brotbaum der deutschen Forstwirtschaft‘ zu glorifizieren“, mahnt Reiner Baumgart, regionaler Pressesprecher der niedersächsischen Landesforsten. Sich mit der Biologie und der Geschichte der Fichte näher zu befassen lohnt trotzdem. Schon deshalb, weil der Nadelbaum „Zum Baum des Jahres 2017“ ausgerufen wurde.

Es ist vor allem die weltweite Klimaveränderung, die der Fichte zussetzt. Schließlich gilt die Fichte als diejenige Baumart, die das schlechteste Anpassungspotenzial an die kommenden klimatischen Veränderungen unter den Waldbäumen hat. „Fichten gedeihen zwar auch auf ärmeren Böden, vertragen aber keine Trockenheit und sind besonders anfällig für Sturmwurf und Borkenkäferbefall“, listet Baumgart auf. Im Forstamt Göhrde beträgt ihr Anteil am Gesamtbestand 7,1 Prozent, im Forstamt Sellhorn 16,8 Prozent.

„Fichten (…) vertragen keine Trockenheit und sind besonders anfällig für Sturmwurf und Borkenkäfer.“
Reiner Baumgart, Pressesprecher Landesforsten

Viele Fichten wurden nach dem Krieg auch von den sogenannten „Kulturfrauen“ gepflanzt. Sie brachten in mühevoller Handarbeit Millionen kleiner Setzlinge in die Erde und forsteten so riesige Kahlflächen auf, die bis etwa 1950 durch Raubbau an den Wäldern entstanden waren (LZ berichtete). „Die Fichte ist zum Symbolbaum für die gelungene Wiederbewaldung in Deutschland geworden“, stellt denn auch das Kuratorium „Baum des Jahres“ fest.

Doch jetzt droht die Fichte vom Brotbaum zum Notbaum der deutschen Forstwirtschaft zu werden. Und zum Klimaflüchtling, der es selbst in seinem ursprünglichen Lebensraum nicht mehr aushält. Regionale Prognosen gehen davon aus, dass bei steigender Durchschnittstemperatur im Jahr 2050 in Baden-Württemberg nur noch etwa fünf Prozent der Fichtenbestände auf einigermaßen geeigneten Standorten stehen werden. Und selbst in den Hochlagen des Schwarzwaldes, also dort, wo die Fichte von Natur aus zu Hause ist, wird sie es künftig schwer haben.
In den Niedersächsischen Landesforsten ist man deshalb seit Jahrzehnten dabei, den Wald „umzubauen“: „Wir setzen auf stabile und artenreiche Wälder, die den zukünftigen Herausforderungen des Klimawandels gewachsen sind“, erklärt Baumgart und verweist dabei auf das sogenannte „LÖWE“-Programm: Die Abkürzung steht für „Langfristige ökologische Waldentwicklung.“

„Die Nadelbäume und somit auch die Fichte, werden weniger, im Gegenzug steigt der Anteil der Laubbäume, insbesondere der Buche, in unseren Wäldern“, erklärt Pressesprecher Baumgart. Dass die Fichte irgendwann einmal ganz aus den heimischen Wäldern verschwinden wird, glaubt der Forstexperte allerdings nicht: „Die Fichte wird auf geeigneten Standorten und in der Mischung mit anderen Baum­arten auch zukünftig eine wichtige Rolle in unseren Wäldern spielen“, ist Reiner Baumgart überzeugt. „Und das ist auch gut so!“, fügt er abschließend hinzu.

Von Klaus Reschke

Die Fichte – besser als ihr Ruf

Die Fichte kann bis zu 40 Meter hoch und mehr als 400 Jahre alt werden. Die älteste in Deutschland dokumentierte Fichte stand im Bayerischen Wald und war 455 Jahre, als sie 1997 gefällt wurde. Im benachbarten tschechischen Böhmerwald wurde 1867 sogar eine 585-jährige Fichte umgesägt. Fichtenholz ist gut geeignet als Bau- und Konstruktionsholz, als Möbelholz und als Rohstoff in der Papierindustrie.

Früher wurde das Harz der Fichte beispielsweise zur Herstellung von Lacken oder Terpentin genutzt. Besonders gut eignete es sich für die Produktion von sogenanntem Brauerpech. Damit wurden Bierfässer von innen vollständig versiegelt, damit das Bier nicht durch das Eichenholz geschmacklich beeinträchtigt wurde. Die Nadeln der Fichte enthalten ätherische Öle, die bakterizid wirken. Zahlreiche Insektenarten, wie Käfer, Schmeetterlinge und Waldameisen sind von der Fichte als Nahrungsquelle abhängig.

Viele Vögel, wie beispielsweise Fichtenkreuzschnabel und Sperlingskauz, sind zur Nahrungssuche, zum Brutgeschäft oder zur Jungenaufzucht auf die immergrüne und gute Deckung der Fichten angewiesen. lz