Montag , 26. Oktober 2020
Getanzt bis in den frühen Morgen haben Vicky, Karin und Karina (v.l.) in der Hasenburg. Fotos: be

Auf dem Stint nachts um halb eins

Lüneburg. Fast hätte man meinen können, Lüneburgs DJs hatten sich zu Silvester abgesprochen. Gleich zwei Mal erschallte der Tanzflächenfüller „September“ von Earth, Wind and Fire beim Eintreffen auf den Partys, einmal in der Hasenburg, gleich danach im Capitol. Dass sie damit einen guten Riecher für ihre tanzhungrige Kundschaft hatten, war an den vollen Tanzflächen zu erkennen, und das bereits weit vor Mitternacht. Stimmungsvoll und fröhlich ging es beim Jahreswechsel ohnehin in den meisten Szenekneipen der Hansestadt zu, krachend laut war es lediglich am Markt, als Hunderte Böller und Raketen das Glockenläuten der drei großen Innenstadtkirchen um Mitternacht im Keim erstickten.

Benita, Annika und Jeannette (v.l.) stimmen sich im September auf die Nacht ein.
Benita, Annika und Jeannette (v.l.) stimmen sich im September auf die Nacht ein.

Doch zurück zur Hasenburg. Es ist gerade 22 Uhr durch, die Stimmung bereits auf dem Höhepunkt. „Nicht ganz“, hält Wirt Harry Böttger dagegen, „richtig Schwung kommt erst mit der Polonaise.“ Er muss es wissen, seit Jahren schon bieten er und Frau Christiane die Silvesterfeier in ihren Räumen an der Soltauer Straße an. Dass sie nicht im Zentrum der Stadt liegen, scheint hier niemanden zu stören, schon gar nicht Vicky (48), Karin (45) und Karina (54), die mit ihren Partnern schon seit Jahren in die Hasenburg kommen.
„Die Atmosphäre ist klasse hier“, schwärmt Karin. Dafür sorgt DJ Stephan König. Sein Rezept für gute Stimmung: „Alles, was tanzbar ist.“ Damit Silvester auch am Stadtrand nicht spurlos vorüber geht, hat Wirt Harry für ein zünftiges Feuerwerk gesorgt, „das größte in Lüneburg“, wie er stolz verkündet. Allein 200 Raketen hat er in der Nacht in den Lüneburger Himmel geschossen, ganz zur Freude seiner Gäste, von denen rund die Hälfte bis morgens um fünf durchhielt.

„Richtig Schwung kommt erst mit der Polonaise.“
Harry Böttger, Wirt der Hasenburg

Er brachte das Publikum im „N.T.“ zum Mitsingen und Schunkeln: Karaoke-Sänger Marco Riccardo.
Er brachte das Publikum im „N.T.“ zum Mitsingen und Schunkeln: Karaoke-Sänger Marco Riccardo.

„September“-Stimmung auch im Capitol. Gut 120 Gäste haben Wolfgang und Birte Grimme für ihr Silvesterprogramm gewinnen können, „etwas weniger als erhofft“, wie Wirtin Birte Grimme sagt. Kurzerhand wurde die obere Etage geschlossen, so kam doch noch „Fülle“ in den großen Saal. Während einige sich noch am üppigen Buffet zu schaffen machten, hatte DJ Chrisp die übrigen Gäste schon aufs Tanzbein locken können. Auch er weiß: Wer die Leute mitziehen will, braucht einen guten Start. „Ich fange mit den 80ern an“, sagt der Bardowicker.

Auf der Tanzfläche sind auch schon Claus (46) und Christian (54), die mit ihrer besonderen Abendgarderobe ins Auge stechen: Während Claus sich für einen großkarierten, knallroten Zweiteiler mit gleichgemusterter Krawatte und roten Lackschuhen entschieden hat, glänzt Christian mit einem Anzug in Leoparden-Look und silbernen Turnschuhen. Eigentlich wohnen und leben beide in München, „aber zu Silvester sind wir gern hier oben“, sagt Claus, der in Lüneburg geboren ist.

In bester Partylaune waren Laura, Ronja, Ina und Alina auf der Silvesterfete im Vamos.
In bester Partylaune waren Laura, Ronja, Ina und Alina auf der Silvesterfete im Vamos.

Mit „September“ geht es weiter, dieses Mal aber nicht musikalisch, sondern in die gleichnamige Kneipe im Wasserviertel. Hier haben es sich Benita (18), Annika (18) und Jeannette (18) an dem kleinen Fensterplatz gemütlich gemacht und beobachten vergnügt bei leckeren Longdrinks die silvesterliche Szenerie drinnen und draußen. „Ist so gemütlich hier“, schwärmen sie. Noch bis zwölf wollen sie in der Innenstadt bleiben, „dann vielleicht ins Vamos“. Was sie sich fürs neue Jahr wünschen? „Dass wir das Abi schaffen, gesund bleiben und uns auf die schönen Dinge im Leben konzentrieren.“

Wenige Meter weiter im „N.T.“ hat Marco Riccardo den Laden mit „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ voll im Griff, obwohl es noch nicht einmal zwölf geschlagen hat. Wirt Heinzi Schulz ist rundum zufrieden, „meine Gäste sind es ja auch“. Es ist kaum ein Durchkommen, auch wieder raus gehts nur schwer die Tür lässt sich nur nach innen öffnen.

Zwei, mit besonderem Geschmack: Christian (l.) und Claus feierten im Capitol.
Zwei, mit besonderem Geschmack: Christian (l.) und Claus feierten im Capitol.

Inzwischen ist die Uhr auf kurz vor zwölf vorgerückt, am Markt haben sich ein paar Tausend Feierlustige zusammengefunden, viele schleppen ihre Silvesterraketen und Böller gleich tütenweise heran. Punkt zwölf dann bricht ohrenbetäubender Lärm los, Raketen fliegen um die Wette, manchmal auch in die gegenüberliegende Menge. Kein Platz zum Fröhlichsein.

Gegen ein Uhr morgens geht es dann im Vamos richtig los. „Das ist hier normal“, weiß Leiter Ulrich Zeplien. „Die Älteren gehen, die Jüngeren kommen.“ Viele stehen draußen Schlange und warten auf Einlass, einige werden abgetastet, man möchte keine Silvesterüberraschung im Innern haben, erklärt der Chef. DJ Sunset Project aus Lüneburg fährt die Bässe höher, es wummert, die Stimmung hält bis zum frühen Morgen. Die letzten Gäste finden ihren Weg nach Hause, als schon die Straßenreinigung dabei ist, in der Innenstadt aufzuräumen. Ob es die letzte Silvesterparty im Vamos war? „Ich will daran noch nicht glauben“, sagt Ulrich Zeplien. „Vielleicht gibt es ja doch noch eine Lösung.“

Von Ulf Stüwe