Mittwoch , 21. Oktober 2020
Präsident Sascha Spoun im Gespräch mit dem Geschäftsführenden Redakteur Hans-Herbert Jenckel in seinem Büro auf dem Campus. Foto: t&w

Uni Lüneburg wird benachteiligt

Lüneburg. Sascha Spoun meint es gut mit dem Thermostat, Besucher wähnen sich in seinem Büro im Präsidenten-Flügel oben in Gebäude 10 auf dem Campus schon mal in der Sauna. Und wenn er dann ins Schwärmen gerät, kommen Gäste ins Schwitzen. Zum Beispiel, wenn der Präsident über Forschungsprojekte redet, da trumpft er auf. Wenn es um die Fortschreibung des Hochschul-Paktes geht, da wagt er sogar einen kritischen Vorstoß gegen das Land, das den Nordosten Niedersachsens benachteilige. Nur wenn die Sprache auf die Finanzierung des voraussichtlich mehr als hundert Millionen Euro teuren Libeskind-Baus kommt, bleibt der Präsident präsidial vielsagend im LZ-Interview mit Anna Paarmann und Hans-Herbert Jenckel.

Interview

Herr Präsident, der Hochschulentwicklungsvertrag mit Zielvereinbarung läuft noch bis 2018, wo steht die Leuphana bei den Zielen und den Studentenzahlen heute?
Sascha Spoun: Wir sind in den vergangenen fünf Jahren von 7300 auf heute 9700 Studenten gewachsen. Was genauso wichtig ist, die Leuphana hat unter den Hochschulen auf verschiedenen Feldern die Themenführerschaft übernommen, früh Forschung zum Beispiel bei der Digitalisierung angestoßen, Drittmittel eingeworben. Wir haben heute fast 600 Doktoranden, mehr als tausend Studenten in der Weiterbildung und besetzen das Thema lebenslanges Lernen. Das ist eine Kernaufgabe im strukturschwachen Nordostniedersachsen.

Ein Ziel ist für Sie immer die Internationalisierung der Leuphana.
Da können wir noch wachsen. Heute studieren an der Leuphana weniger als zehn Prozent junge Menschen aus anderen Ländern, das wollen wir in den nächsten Jahren auf zwanzig Prozent steigern. Rund 300 Leuphana-Studenten gehen jährlich für ein Semester ins Ausland. Wir haben weltweit mehr als hundert Kooperationen. Und was auffällt, bei unseren Angeboten in englischer Sprache haben wir die meisten Bewerbungen im Verhältnis zu den Studienplätzen.

„Das heißt für Niedersachsen, dass Lüneburg,die einzige Hochschule im alten Regierungsbezirk mit mehr als 1,7 Millionen Einwohnern, strukturell weiter benachteiligt wird im Vergleich zu Oldenburg oder Osnabrück.“

Was glauben Sie: Wird es auf Basis des nächsten Paktes mit dem Land mehr oder weniger Geld für die Hochschulen in Niedersachsen geben?
Meine Hoffnung wäre ein Wachstum, dass sich die Landesregierung an vorbildlichen Ländern wie Baden-Württemberg orientiert. Mein Realitätssinn sagt mir aber, dass es eher eine Fortschreibung des Programms wird. Was allerdings, bundesweit gesehen, auch bedeutet, dass die Schere zwischen Nord und Süd weiter auseinandergeht. Die Fortschreibung bedeutet für die Leuphana rund 55 Millionen Euro Landeszuschuss im Jahr. Das heißt für Niedersachsen, dass Lüneburg, die einzige Hochschule im alten Regierungsbezirk mit mehr als 1,7 Millionen Einwohnern, strukturell weiter benachteiligt wird im Vergleich zu Oldenburg (heute 100 Millionen) oder Osnabrück (80 Millionen Landeszuschuss).

Der Libeskindbau und der Forscherfrühling

Die Uni hat eine Vielzahl von Forschungsprojekten, wie viel Geld wurde dafür eingeworben?
Im vergangenen Jahr rund 18 Millionen Euro an Drittmitteln, dazu kamen noch einmal 16 Millionen an Sonderzuweisungen vor zehn Jahren gab es nur Drittmittel von rund 5 Millionen. Von den zusätzlichen Mitteln profitieren auch Stadt und Region. Zum Beispiel sind für das Projekt „Promovieren im Museum“ 1,3 Millionen eingeworben worden für Doktoranden, die teils bei uns und teils in einem Museum wirken. Zum Netzwerk gehören sechs Museen, in Lüneburg das Ostpreußische Landesmuseum. Ein ähnliches Netzwerk bauen wir gerade mit Wirtschaftsprüfern aus der Metropolregion auf.

Welches würden Sie als das wichtigste Forschungsprojekt einstufen, bitte wirklich nur eines als Pars pro Toto?
Das Graduiertenkolleg „Kulturen der Kritik“. Das Projekt widmet sich markanten Fällen aus den Bereichen Kunst-, Medien- und Sozialkritik und wird mit 3,5 Millionen Euro von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert. Es ist ein interdisziplinäres Projekt und richtet sich auf eines der wichtigsten Felder der Zeit. Wie etwa verändert Kritik unsere Wahrnehmung der Welt? Das ist gerade auch für Zeitungen vor dem Hintergrund der Vertrauenskrise in Medien, der Diskussion über Fake-Nachrichten und Hassposts hochaktuell.

Ein zentrales Thema war auch 2016 die Baufinanzierung des Zentralgebäudes von Daniel Libeskind. Die Kosten sind von anfangs 57 auf heute, wenn die Risiken eintreten, mehr als 100 Millionen Euro gestiegen. Das Land will über die gerade zusätzlich bewilligten Mittel nicht hinausgehen. Wer zahlt die restlichen Millionen?
Die gute Nachricht ist doch, wir stehen kurz vor der Eröffnung. Das Land hat den Nachtragsetat der Leuphana, Stand Frühjahr 2016, bewilligt, damit sind 92,5 Millionen Euro finanziert. Aktuell liegen wir bei diesen Kosten. Es hat auch im vergangenen halben Jahr eine Dynamik bei den Kosten gegeben, das ist so. Es gibt weitere Risiken. Wir werden mit allen Beteiligten darüber im nächsten Jahr reden, um eine gemeinsame Linie zu finden, das gelingt, da bin ich sicher.

Und es bleibt bei der Aussage, dass auch die Mehrkosten nicht zu Lasten von Forschung und Lehre gehen?
Ja.

Aber wer zahlt, wenn das Land Nein sagt, die Uni?
Wir werden im nächsten Jahr eine Lösung finden.

Das heißt, es wird auch nicht zu Lasten des Personals gehen?
Es wird keine Reduktion beim Personal geben.

Ganz unterschiedliche Signale gibt es auf dem Campus zum Forschungszentrum im Libeskind-Bau: Die einen sagen, weil nur mit Drittmitteln finanzierte Projekte dort forschen können, sei es unterbelegt, andere behaupten, es gebe viel zu wenig Platz. Was ist nun richtig?
Ich habe mal in einer Runde in Lüneburg gesagt, wir hätten eigentlich größer planen müssen. Da bin ich ausgelacht worden. Tatsächlich sind die Arbeitsplätze im siebenstöckigen Forscherturm im Zentralgebäude schon jetzt komplett verplant.

Vita

  • Prof. Dr. (HSG) Sascha Spoun
  • geb. 1969 in München
  • Wirtschaftswissenschaftler
  • Promotion Uni St. Gallen
  • Dozent für Betriebswirtschaftslehre
  • Leuphana-Präsident seit 2006
  • Gewählt bis 2020
  • Gastprofessor an der Uni St. Gallen