Dienstag , 20. Oktober 2020
Dieses ostfriesische Milchschaf hat den Angriff des Wolfes überlebt, im Gegensatz zu drei seiner Artgenossen. Außerdem wurden in derselben Nacht noch zwei Kamerun-Schafe gerissen. Foto: kre

Wolf reißt fünf Schafe in Kirchgellersen

Kirchgellersen. Und wieder hat ein Wolf zugeschlagen und Schafe gerissen: Dieses Mal am Ortsrand von Kirchgellersen. Ein Anwohner hatte mehrere tote Tiere am ersten Weihnachtsfeiertag morgens beim Spaziergang mit seinem Hund auf der eingezäunten Weide am Putenser Weg entdeckt. Für den Mann, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, keine wirkliche Überraschung. „Das musste früher oder später ja so kommen!“, sagte er gegenüber der LZ. Dass die Landesregierung den Wolf nach wie vor unter strengen Schutz stellt, kann der Mann nicht nachvollziehen. Tierhalter Ole Seelenmeyer will den Schutz seiner Anlagen nun verbessern.

Auf wenig Sympathie stößt der Wolf auch bei Kirchgellersens Bürgermeister Jürgen Hövermann (CDU), im Hauptberuf Landwirt. Er fordert: „Der Wolf muss ins Jagdrecht aufgenommen werden!“ Hövermann kann die Politik in der Wolfsfrage ohnehin nur schwer verstehen: „Einerseits fördert die Politik Maßnahmen, damit wieder mehr Nutztiere auf die Weide kommen, auf der andern Seite aber unternimmt sie nichts gegen den Wolf.“ Im Gegenteil: „Der Wolf genießt alle Rechte!“

Abschuss bedeutet Verstoß gegen geltendes Recht

Tatsächlich ist der Wolf eine international und national streng geschützte Tierart, der Abschuss wäre also ein Verstoß gegen geltendes Recht. „Eine Aufnahme ins Jagdrecht ist auch theoretisch wahrscheinlich nicht möglich, da dies einem Gutachten des Bundesamtes für Naturschutz zufolge einen Verstoß gegen die Verfassungsmäßigkeit darstellt“, heißt es aus dem Umweltministerium in Hannover. Auch die Aufnahme des Wolfs ins Länderjagdrecht würde an dem strengen Schutzstatus des Tieres nichts ändern, eine Bejagung wäre laut Einschätzung von Juristen auch dann rechtlich nicht möglich. Im April hatte der niedersächsische Landtag einen entsprechenden Vorstoß der FDP abgelehnt, zumal sich zuvor in einer Landtagsanhörung weder Landesjägerschaft noch Landvolk oder Schafzüchter für eine Aufnahme des Räubers ins Jagdrecht ausgesprochen hatten (LZ berichtete).

„Auch wirals Land sind aber gebundenan einen überkandidelten Artenschutz.“ Stephan Weil, Ministerpräsident

Risse nehmen zu

Doch in den vergangenen Wochen und Monaten nehmen die Meldungen über Wolfsrisse in der Lüneburger Region zu und inzwischen mehren sich Stimmen, die fordern, den Wolf zum Abschuss freizugegeben. Die Sorgen der Bevölkerung sind spätestens Ende vergangener Woche auch bei Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) angekommen: Der hatte sich zum Gedankenaustausch mit Uelzens Landrat Dr. Heiko Blume getroffen. Ein Thema: die Rückkehr des Wolfes.

Die allseits gewollte Weidetierhaltung sei zunehmend erschwert, erklärte Blume. Kinder würden nach Einbruch der Dunkelheit mancherorts nicht mehr allein auf die Straße gelassen und teilweise würden in Kindergärten keine Waldtage mehr durchgeführt. Dies, so der Landrat wörtlich, sei „nicht hinnehmbar“.
Stephan Weil äußerte Verständnis für die Ängste. „Das Thema Wolf ist bei mir angekommen“, versicherte der Ministerpräsident den Teilnehmern der Gesprächsrunde und setzte nach: Das Problembewusstsein sei auch im Umweltministerium sehr ausgeprägt.

Land will Situation verbessern

Um die Situation sowohl für die Weidetierhalter in der Region als auch für die Gesamtbevölkerung zu verbessern, werde das Land alle Spielräume nutzen, die sich trotz der strengen rechtlichen Vorgaben böten. „Eine Regulierung des Bestandes war auch mein erster Gedanke!“, gestand Weil, schränkte dann aber ein: „Auch wir als Land sind aber gebunden an einen überkandidelten Artenschutz“. Er könne daher keine Versprechungen abgeben, die nicht umsetzbar seien.

Den gerissenen Schafen von Ole Seelenmeyer in Kirchgellersen insgesamt fünf an der Zahl würde das sowieso nicht mehr helfen. Gestern war ein Freund des Schafhalters dabei, mit Pflöcken den Zaun weiter zu sichern. Außerdem haben Seelenmeyer und sein Bekannter ein Gatter im Gatter gebaut, das jetzt auch mit einem Stromzaun gesichert werden soll. Als Nächstes will Seelenmeyer zudem noch sein gesamtes Areal mit Spezialdraht mit Untergrabungsschutz sichern eine „Heidenarbeit“, schwant es Seelenmeyer schon jetzt. Doch dem Verleger einer Musikzeitung bleibt nichts anderes übrig, weil er nicht auch die letzten Tiere an den Wolf verlieren möchte. Denn bereits im Februar und im Jahr davor hatte Seelenmeyer schon Wolfs-Besuche im Gatter. „Es reicht!“, sagt Seelenmeyer.

Von Klaus Reschke