Freitag , 30. Oktober 2020
Die hiesigen Postboten hatten große Hoffnungen auf die Neubemessung ihrer Zustellbezirke gesetzt. Doch in Lüneburg soll sich nichts ändern, die Bezirke hätten sich nur marginal verändert, heißt es von der Post-Pressestelle. Foto: A/be

Postzustellerin packt aus: „Prellbock für die Missstände“

Von Anna Paarmann
Lüneburg. Der Ärger über die Deutsche Post ist groß, trifft aber die Falschen. Denn Postboten wie Susanne Sudermann* geben täglich ihr Bestes. Nur scheint das längst nicht mehr genug. Der Arbeitsdruck werde von Jahr zu Jahr größer, erzählt sie, die Paketmengen steigen, die körperliche Anstrengung auch, die Zustellbezirke wachsen. „Man wird zum Prellbock für die Missstände.“
Wie berichtet, häufen sich seit Monaten die Klagen über die mangelhafte Zustellung der Deutschen Post in Lüneburg. Viele warten Tage oder gar Wochen auf wichtige Schreiben. Während die Pressestelle der Post zuletzt gegenüber der LZ gesagt hatte, es gebe keine akute Personalprobleme und versicherte, dass alle Touren besetzt seien, schildert nun eine Lüneburger Zustellerin ihre Sicht und ihren Alltag.

Stimmung bei den Zustellern ist umgeschlagen

Dass die Post manchmal tagelang nicht im Briefkasten landet, bestätigt sie. Und dafür ernte sie den Ärger der Kunden. „Ach, kommt die Post auch noch?“, bekomme sie oft zu hören. „Wir können immer nur um Entschuldigung bitten, müssen die Spitzen aber ertragen.“ Seit zwei, drei Jahren sei nicht nur die Stimmung der Kunden umgeschlagen, sondern auch der Druck deutlich gewachsen, die Arbeit seitdem nur schwer zu stemmen.

Jeder Postbote ist in einem Zustellbezirk tätig, beliefert also täglich dieselben Haushalte ob zu Fuß, mit dem Rad oder einem VW Caddy. Springer gleichen Urlaubszeiten, freie oder Krankheitstage aus. Doch das Kon­strukt funktioniere schon längst nicht mehr, es gebe von allen Kräften zu wenige. Der Arbeitstag eines Postboten hat acht Stunden, dann muss er sich ausstempeln, die Tour abbrechen, sofern er sie nicht beendet hat. „Dort fängt man dann am nächsten Tag wieder an. Benachteiligt wird also der, der am Ende einer Tour wohnt.“ Jede Tätigkeit, also jedes Paket und jeder Brief, habe einen festgelegten Zeitansatz. „Diese Bemessungswerte werden immer mehr angezogen, wir müssen also in kürzerer Zeit mehr Sendungen zustellen.“ Die Folge: Immer weniger Postboten schaffen es noch, ihre Bezirke komplett zu beliefern, weiß Sudermann aus eigener Erfahrung und von Kollegen. So seien vor vielen Jahren mal 500 Haushalte pro Tag für jeden Briefträger die Maßgabe gewesen, heute sind es bis zu 900.

„Die meisten Postboten machen ihren Job wirklich gern, aber die Situation ist nicht mehr tragbar.“  Susanne Sudermann, Briefträgerin

Überstunden seien nicht gern gesehen. Würden sie zur Regel, komme die Abmahnung. Also bleibe bei den meisten Zustellern täglich ein Teil der Arbeit liegen. „Da kommt man nicht mehr raus, das ist eine Endlosschleife.“ Die Vorgabe sei auch, alles bis zum Wochenende „wegzuschaffen“, doch das sei selten machbar. Die einzige Hoffnung ist der Montag ein Tag, an dem kaum noch Post zu verteilen ist, nur genug für vier bis fünf Stunden Arbeit. Dass der Montag so ruhig ist, liege daran, dass die Sortiermaschinen in Hamburg am Wochenende nicht laufen. Jene Maschinen liefern die Post sortiert in der richtigen Gangfolge, also so wie ein Briefträger seinen Bezirk abläuft oder -fährt, nach Lüneburg zur Post an der Sülztorstraße.

Vollbezahlte Briefe haben Vorrang

Dabei haben voll bezahlte Sendungen wie Briefe oder Pakete Vorrang. Es gilt die Regel: Einlieferung plus einen Tag. Ein Tag, nachdem die Post in der Filiale eintrifft, sollte sie beim Adressaten liegen. „Unsere Quote liegt bei etwa 90 Prozent.“ Und das, obwohl das Paketvolumen in den vergangenen Jahren enorm zugenommen habe. Besonders anstrengend seien die Monate November, Dezember und Januar. „Die Menschen lassen sich heutzutage alles nach Hause liefern.“ So seien Pakete mit einem Gewicht von bis zu 20 Kilo mittlerweile die Regel. Ob Katzenstreu, Hundefutter, Wein, Kaminholz oder gar Blumenerde all das müssten die Postboten aus dem Auto heben und zur Tür des Empfängers befördern. „Für uns Frauen ist das richtiger Stress.“

Neben Briefen und Paketen gibt es die Werbung. „Das macht eigentlich den größten Teil unserer Arbeit aus“, sagt Sudermann. Vorrang hat das eingeschweißte Heft mit Angeboten aus hiesigen Geschäften, bekannt als „Einkauf aktuell“. „Das soll bestenfalls freitags und sonnabends zugestellt werden.“ Aber auch das bleibt jetzt häufiger liegen, sagt die Briefträgerin.

Hohes Sendungsaufkommen und Personalmangel sorgen für Stress

Zu schaffen mache ihr und ihren Kollegen nicht nur das wachsende Sendungsaufkommen und die immer größer werdenden Bezirke, auch der Personalmangel sorgt für zusätzlichen Stress. Eine Zahl kann Susanne Sudermann nicht nennen, die Lage nur subjektiv einschätzen. „Uns fehlt der Nachwuchs.“ In den nächsten Jahren gehen zudem noch einige Beamte in den Ruhestand. „Ausfälle können schon längst nicht mehr ausgeglichen werden.“ Denn wenn ein Kollege erkrankt, wird seine Tour unter den anderen aufgeteilt. „Die Zeitvorgabe bleibt, wir müssen dann einfach die doppelte Menge zustellen“, sagt sie. In diesem Jahr seien überdurchschnittlich viele Mitarbeiter krank.

Laut Sudermann sind darunter auch Kollegen, die der psychischen Belastung nicht mehr standhalten können. „Eigentlich ist das der gesündeste Job, weil wir uns täglich körperlich ausarbeiten können, aber es gibt viele Kollegen, die überfordert sind und auch mal am Rad drehen.“ Denn der Arbeitsdruck in Lüneburg habe eben zugenommen.
Der hohe Stressfaktor sorge auch für eine hohe Abbrecherquote. „Viele neue Mitarbeiter schnuppern zwei bis drei Wochen in den Job rein und stellen dann fest, dass es ihnen zu anstrengend ist.“ Wenig attraktiv sei auch die Tatsache, dass vielen nur ein befristeter Vertrag vorgelegt werde. „Das schreckt ab“, denn nach zwei Verlängerungen werde man erstmal wieder zurück in die Arbeitslosigkeit geschickt. „Eine Familien- und Lebensplanung ist unter solchen Umständen nicht möglich.“

Im Januar kommen die vielen Rücksendungen

Zusteller würden händeringend gesucht. Nach der „heißen Weihnachtsphase“ kämen im Januar die Rücksendungen. „Die Post macht zurzeit massiv Werbung“, weiß Sudermann, die zurzeit neben der normalen Post viele Handzettel mit Jobangeboten in den Postkästen zurücklässt. „Der Rücklauf ist nicht allzu groß.“
Auf einer Betriebsversammlung habe der Betriebsrat jetzt eine Verbesserung der Gesamtsituation gefordert, personell wie organisatorisch. „Uns wurden bislang keine Ergebnisse mitgeteilt.“ Die Hoffnung, dass sich endlich etwas ändert, besteht seit Jahren. Sudermann weiß, der größte Wunsch der Kollegen ist eine Verkleinerung der Zustellbezirke. Das würde etwas Entlastung schaffen. „Die meisten Postboten machen ihren Job wirklich gern, zurzeit ist die Situation aber nicht mehr tragbar für uns.“*Name geändert