Mittwoch , 28. Oktober 2020
Oft sind es die kleinen Hilfen wie ein Lebensmittelgutschein, mit denen das Team des Guten Nachbarn die Not der Menschen lindert. Foto: t&w

Die Fälle des Guten Nachbarn

Lüneburg. Das ganze Jahr über suchen Menschen Hilfe beim Guten Nachbarn. Jürgen Enke kümmert sich seit mehr als 25 Jahren als Sozialarbeiter bei der Arbeiterwohlfahrt (AWO) um die Verteilung der Spenden, hört sich an, was den Hilfesuchenden widerfahren ist und versucht die Mittel der Hilfsaktion von Wohlfahrtsverbänden und Landeszeitung so gerecht wie möglich zu verteilen. Um denen von der Not der Menschen zu berichten, die das Ganze mit ihren Spenden überhaupt erst ermöglich, dokumentiert er verschiedene Fälle. Drei Beispiele.

Beispiel 1:

„Eine Frau mittleren Alters leidet unter psychosozialen Schwierigkeiten und wird regelmäßig bei der AWO beraten. Durch den Übergang vom Jobcenter in die Rente kommt sie in eine Notlage. Sie kann Rechnungen nicht bezahlen und überzieht ihren Dispo-Kredit. Nun steht eine Pfändung an. Da sie den Dispo nicht ausgleichen kann, unterstützt sie der Gute Nachbar mit einem Lebensmittelgutschein, sodass sie genug zum Essen hat, bis der Übergang in die Rente erfolgt.“

Beispiel 2:

ksbjdv„Wer aufgrund psychischer oder gesundheitlicher Einschränkungen auf einen Nachmittagsbetreuungsplatz für sein Kind angewiesen ist, muss bei eigenem Einkommen meist einen Eigenanteil zahlen. In diesem konkreten Fall fiel das Einkommen aufgrund gesundheitlicher Probleme weg. Als es zum Krankengeldbezug kam, reichte das Einkommen nicht aus, die bisherigen Kosten zu decken. Trotz Änderungsantrag beim Beitrag für die nachschulische Betreuung, war es der alleinerziehenden Frau nicht möglich, die letzten sechs Monate zu finanzieren. Da sprang der Gute Nachbar ein und hat die Beiträge für den Zeitraum übernommen.“

Beispiel 3:

„Frau D. ist eine Rentnerin mit sehr kleiner Rente. Sie ist auf aufstockende Leistung vom Sozialamt (Grundsicherung) angewiesen. Sie hat eine Stromabrechnung bekommen, die sie nicht gleich bezahlen konnte. Der Stromanbieter drohte ihr daraufhin mit einer Stromsperre. Auf eine Ratenzahlung war das Unternehmen nur unter der Voraussetzung bereit einzugehen, dass Frau D. eine Einmalzahlung tätigt, die die Hälfte der Forderungssumme ausmacht. Die AWO überwies aus Mitteln des Guten Nachbarn den geforderten Betrag den Rest zahlte Frau D. dann selbst in kleinen Raten ab.“

Unterdessen geht es wirtschaftlich seit Jahren in Deutschland bergauf wenn auch nicht alle von dem Aufschwung profitieren. Die Entwicklung spiegelt sich auch in den Zahlen des Jobcenters Lüneburg wider. Gleichwohl sind es immer noch Tausende Menschen in Stadt und Landkreis, die auf staatliche Hilfe angewiesen sind, um ihren Alltag bewältigen zu können. So erhielten im November dieses Jahres 6632 beim Jobcenter gelistete Bedarfsgemeinschaften Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II (unter anderem Hartz IV). In diesen Bedarfsgemeinschaften lebten 8749 erwerbsfähige Leistungsberechtigte und 3382 nicht erwerbsfähige Leistungsberechtigte (in der Regel Kinder). Vor rund zehn Jahren lagen diese Zahlen deutlich höher: Im Mai 2006 lebten in 8898 Bedarfsgemeinschaften 11735 erwerbsfähige Leistungsberechtigte und 4711 nicht erwerbsfähige Leistungsberechtigte.

Deutlich gestiegen sind dagegen die Ausgaben des Landkreises Lüneburg für die Grundsicherung im Alter und Erwerbsminderung außerhalb von Einrichtungen. Zahlte der Kreis bis Ende 2011 in 592 Fällen rund 2,89 Millionen Euro jährlich, waren es Ende 2015 schon 4,49 Millionen Euro in 808 Fälle. In diese Statistik ist die Stadt Lüneburg noch nicht einmal eingerechnet. Und auch die Kosten der Unterkunft für Stadt und Kreis nähern sich langsam, aber sich der 30-Millionen-Euro-Marke. Im vergangenen Jahr zahlte der Kreis 29,48 Millionen Euro.

von Anna Sprockhoff und Malte Lühr