Dienstag , 27. Oktober 2020
Die Milch der Kühe wird in Deutschland zu Spottpreisen angeboten, ganz zum Ärger der Bauern im Lüneburger Land. Doch es gibt auch Hoffnung auf bessere Zeiten.

Landwirtschaft und Milchpreis: Der Rebell fordert ein Krisenprogramm

Lüneburg. Er gilt als Revoluzzer der Landwirtschaft und gibt dem Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) seit der Gründung 1998 ein Gesicht: Romuald Schaber. Seit Jahren kämpft der Bayer an der Spitze des Milchbauernverbandes für faire Preise, nun hofft er nach der jüngsten Milchmarktkrise zumindest einen Teilerfolg erzielt zu haben. Bei der jüngsten Regionalversammlung der hiesigen Kreisverbände des BDM in Dorfmark machte Schaber auch den Lüneburger Milchbauern Mut. Im LZ-Interview spricht er über den Anlass für neue Hoffnung und das notwendige Maß Skepsis.

Interview

Herr Schaber, Sie kämpfen seit Jahren für eine gezielte Mengensteuerung auf dem Milchmarkt. Nun haben Bund und EU in der jüngsten Milchpreiskrise nachgegeben und entschädigen Bauern, die weniger Milch produzieren, um den Markt zu entlasten. Ziel erreicht?

Bauernrebell Romuald Schaber
Bauernrebell Romuald Schaber

Romuald Schaber: Zum Teil. Natürlich ist es aus unserer Sicht ein Erfolg, dass die europäische Politik mit Unterstützung Deutschlands endlich ein Anreizprogramm zur Mengenreduzierung beschlossen hat. Das war vor kurzem noch undenkbar. Doch damit das Ganze auch nachhaltig funktioniert, muss dieses Instrumentarium fest installiert werden. Nur so kann man in Krisenzeiten künftig schnell und ohne lange Diskussionen reagieren, das heißt, die Milchmenge notfalls reduzieren. Grundsätzlich sind wir allerdings einen großen Schritt weiter. Traurig nur, dass es erst eine so existenzielle Krise geben musste, bis sich endlich etwas bewegt hat.

Wäre die Krise denn zu verhindern gewesen?

Ja. Wenn die Verantwortlichen in der Politik, den Verbänden und der Molkereiwirtschaft weitsichtiger und weniger marktgläubig gewesen wären. Dort dachten alle, der Markt wird es schon richten, es müssten nur ein paar Betriebe aufgeben und schon erholt sich der Preis. Dass die Krise so lange dauert und die Preise so tief sinken, hat letztlich niemand erwartet.
Seit einigen Wochen steigen die Preise. Wie lange wird der Aufwärtstrend anhalten?

Ich hoffe, bis zum Frühjahr. Aber wir dürfen uns nichts vormachen: Damit ist das Problem nicht gelöst. Während der Krise sind große Mengen Milchpulver vom Markt genommen und eingelagert worden. Eine Interventionsmaßnahme, damit der Markt nicht völlig zusammenbricht.

Doch diese Mengen müssen auch wieder abgesetzt werden. Hinzu kommt, dass viele Kollegen bei den steigenden Preisen auch wieder mehr Milch produzieren. Und ich kann jeden verstehen, der das tut, die Löcher müssen irgendwie gestopft werden. Und weil wir auf den Preis als solchen bisher keinen Einfluss haben, bleibt nur die Menge, um das Einkommen zu verbessern. Doch wenn wir das einfach so laufen lassen, ist der nächste Preisabsturz programmiert.

Was hält der BDM dagegen?

Wir brauchen das Instrumentarium, um rechtzeitig die Notbremse ziehen zu können. Das heißt, die Mengensteigerung muss gestoppt werden. Dafür benötigen wir finanzielle Anreize für diejenigen, die weniger Milch produzieren. Aber es braucht auch die Möglichkeit, Sanktionen über diejenigen zu verhängen, die trotz einer Krisensituation ungehemmt weiter produzieren. Dass alle Bauern in der großen Solidaritätswelle geschlossen und freiwillig weniger Milch produzieren, ist unrealistisch. Deswegen brauchen wir die entsprechenden politischen Beschlüsse, um endlich ein funktionierendes Kriseninterventionsprogramm umsetzen zu können.

Wird es Ihnen gelingen?

Wir sind zuversichtlich. Und es ist ein Muss, sonst geht bald alles kaputt. Die meisten Betriebe sind so ausgezehrt, dass sie eine weitere schwere Krise nicht überstehen werden.

Das mag jetzt hart klingen, aber würde sich der Markt damit nicht gesundschrumpfen?

Mit dem Ausscheiden von Betrieben wird nichts gelöst. Dass dies die Situation verbessert, ist eine Illusion. Fakt ist doch, dass nur diejenigen überleben würden, die besonders effizient sind. Und genau die würden dann aufgrund ihrer Effizienz noch mehr Milch produzieren.

Ihre Forderungen beziehen sich ausschließlich auf den europäischen Milchmarkt. Was ist mit den Entwicklungen auf dem Weltmarkt?

Ohne Frage, wir sind abhängig vom Weltmarkt, müssen inzwischen 15 Prozent unserer Milchprodukte exportieren. Vor einigen Jahren waren es sieben Prozent. Das allein zeigt schon: Das Problem auf dem Weltmarkt sind nicht die Neuseeländer oder Kanadier, das sind wir Europäer. Weil bei uns die Nachfrage stockt, müssen wir jedes Kilogramm Milch, das mehr erzeugt wird, auf dem Weltmarkt absetzen. Und damit haben wir die Weltmarktpreise in den vergangenen Jahren nach unten gedrückt. Wenn wir das so weiterlaufen lassen, können wir alles kaputt machen und zwar auf der ganzen Welt. Wenn wir Europäer aber endlich eine angepasste Milchproduktion fahren würden, könnte das die ganze Welt entlasten.

Was treibt Sie an, Jahr für Jahr weiterzukämpfen in dem so harten und zähen Geschäft der Milchmarktpolitik?

Ich hänge an diesem Beruf. Und ich habe tolle Kollegen, die mir immer wieder Mut machen. Außerdem glaube ich daran, etwas verändern zu können. Und zwar zum Besseren. Dabei geht es mir gar nicht nur um die Frage, ob wir in Zukunft noch immer 70000 Milchbauern oder nur noch 30000 haben. Doch mit jedem Bauern, der aufgibt, geht auch ein Stück Kultur verloren, damit wird so viel kaputt gemacht. Unnötig, denn die Bevölkerung profitiert ja gar nicht von den niedrigen Milchpreisen.
Tatsächlich sind es einige große Konzerne, die da die Hände aufhalten. Und das kann nicht sein.

Von Anna Sprockhoff

Zur Person

Romuald Schaber (*1957) ist Gründer und derzeitiger Vorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter (BDM). Er bewirtschaftet mit seinem Sohn im Allgäu einen eigenen Milchviehbetrieb. Er gründete 1998 den BDM, weil die Interessen der Milchbauern vom Deutschen Bauernverband aus seiner Sicht nicht vertreten werden.

Schaber initiierte den bundesweiten Milchlieferstreik 2008, veröffentlichte 2010 sein Buch „Blutmilch“.