Dienstag , 27. Oktober 2020
Umstrittenes Objekt der Begierde: Die große Wiese an der Vögelser Straße in Ochtmissen möchte der BUND unter Schutz stellen lassen, die Stadt braucht sie als Ausgleichsfläche, Ochtmissen als Raum für die Ortsentwicklung. Foto: t&w

Ochtmissen: Gerangel um die Wiese

Lüneburg. Gräser, Magerrasen, vereinzelt Kiefern die rund zwölf Hektar große Fläche an der Vögelser Straße in Ochtmissen wirkt wenig spektakulär. Doch die Wiese hat das Zeug für einen handfesten Streit. Die Stadt hat sie in ihren Ökoflächen-Pool aufgenommen, um gesetzlich vorgeschriebene Ausgleichsflächen bei Bauaktivitäten nachweisen zu können. Dazu aber muss die Fläche aufgewertet werden. Das bringt den Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) auf den Plan, er hält die Aktion für widersinnig.

Beeindruckende Arten- und Ökosystemvielfalt

„Wir haben dort eine intakte Wiese, die wir schützen sollten“, sagt Franziska Hapke vom BUND Regionalverband Elbe-Heide. Man habe deshalb beim Landkreis als zuständiger Unterer Naturschutzbehörde die Unterschutzstellung der Wiese beantragt. In der Begründung weist sie auf die „beeindruckende Arten- und Ökosystemvielfalt“ hin, führt Beispiele von bedrohten Pflanzenarten wie das Acker-Filzkraut, die Sand-Strohblume oder die Breitblättrige Turgenie auf.

Die Stadt wiederum hat für die Fläche ein „Aufwertungspotenzial“ erkannt, wie Sprecher Daniel Gritz erklärt. Doch genau dagegen wendet sich der BUND. Aus seiner Sicht ergebe es keinen Sinn, in einen als wertvoll erkannten Naturraum einzugreifen, um ihn durch den Eingriff selbst wiederum aufwerten zu wollen. Genau das aber wäre die Folge, wenn die Stadt die Wiese als Ausgleichsfläche für einen Eingriff in die Natur an anderer Stelle ausweisen möchte, wie es das Bundesnaturschutzgesetz vorschreibt. Danach ist eine Beeinträchtigung nämlich auszugleichen durch Wiederherstellung oder Neugestaltung.

BUND lehnt jeglichen Eingriff ab

Ob die Wiese unter Schutz gestellt wird oder doch als Ausgleichsfläche genutzt werden kann, liegt nun in den Händen des Landkreises. Der sieht in einer Ausgleichsfläche eher Vorteile für die Natur. Pressesprecherin Katrin Holzmann: „Der Status als Ausgleichsfläche bietet auch für die Natur Vorteile gegenüber einem Schutzstatus, wie ihn zum Beispiel ein Landschaftsschutzgebiet hat.“ In Letzterem sei lediglich der „Status quo“ geschützt, bei einer Ausgleichsfläche gebe es dagegen die Möglichkeit, die Fläche weiterzuentwickeln und so „attraktiven Lebensraum für eine größere Artenvielfalt“ zu schaffen. Zudem gebe es für eine Ausgleichsfläche üblicherweise ein Konzept, das die Pflege der Fläche und deren Finanzierung für mehrere Jahre sicherstelle. „Auch das ist im Sinne von Naturschutz und Artenvielfalt von Vorteil, gerade bei einer solchen Magerwiese“, erläutert Katrin Holzmann.

Den BUND überzeugt das nicht. „Wir lehnen jeglichen Eingriff mit Ausnahme von pflegerischen Maßnahmen ab“, sagt Franziska Hapke. Sie hat aber noch eine weitere Sorge: Weil die Stadt ein Regenrückhaltebecken für das Baugebiet im Hanseviertel auf einer dortigen Ausgleichsfläche errichten will, muss diese Fläche umgewidmet und die dort angesiedelte besonders geschützte Rentierflechte umgesiedelt werden. Hapke vermutet, dass hierfür die Ochtmisser Wiese genutzt werden soll. Von der Stadt heißt es dazu nur: „Die Fläche westlich der Ochtmisser Sportanlagen ist Bestandteil des Geltungsbereichs, der aus mehreren Teilflächen besteht.“

Sorge um Entwicklungspotenzial

Auf die „Ochtmisser Wiese“ hat auch Ochtmissen selbst einen Blick geworfen. „Wir brauchen sie oder zumindest einen Teil davon als Entwicklungspotenzial für unseren wachsenden Ort“, sagt Ortsbürgermeister Jens-Peter Schultz. Er sieht dort vor allem die Ansiedlung weiterer Sport- oder Freizeitangebote.

Im Übrigen habe man sich im Ortsrat gegen die Pläne der Stadt ausgesprochen, die Wiese als Ausgleichsfläche auszuweisen. „Allein in Ochtmissen liegen fünf der neun Ausgleichsflächen, die für den Pool vorgesehen sind“, sagt Schultz. Den anderen in Ochtmissen vorgesehenen Flächen habe der Ortsrat zugestimmt.