Mittwoch , 21. Oktober 2020
Der Zebrastreifen, der offiziell gar keiner mehr ist: In der Bardowicker Straße fehlen die Schilder, die Streifen sind verblasst. Foto: gae

Ist der Zebrastreifen ein Auslaufmodell?

Lüneburg. Weiße Balken verfehlen selten ihre Wirkung. Der blaue Golf hält an und lässt den Fußgänger über den Zebrastreifen huschen. Dass es sich bei den ausgeblichenen, weißen Markierungen in der Bardowicker Straße gar nicht mehr offiziell um eine Überquerungshilfe für Fußgänger handelt, wissen nicht alle Lüneburger. „Als Fußgängerüberweg gilt ein Zebrastreifen nur, wenn auch die blauen Hinweisschilder vorhanden sind“, erklärt Antje Freudenberg von der Polizeiinspektion Lüneburg.

Unfallgefahr herrscht an der Ecke Uelzener Straße/Munstermannskamp: Um Radler zu bremsen, wurden Bodenschwellen aufgebracht. Foto: gae
Unfallgefahr herrscht an der Ecke Uelzener Straße/Munstermannskamp: Um Radler zu bremsen, wurden Bodenschwellen aufgebracht. Foto: gae

Der Fußgängerüberweg in der Bardowicker Straße zwischen Landgericht und Buchhandlung am Markt ist dagegen ein Relikt aus vergangener Zeit. Einer Zeit, in der Farbe und Pinsel ausreichend waren, um einen Zebrastreifen anzulegen. Seit 15 Jahren macht eine Verordnung des Bundes die „Streifen“ zu ausgeklügelten Systemen: Schilder über der Fahrbahn gehören genauso dazu wie ausreichende Beleuchtung, ein abgesenkter Bürgersteig für Rollstuhlfahrer und eine Mindeststreifen-Breite von drei Metern.

Die unter dem Namen ­“R-FGÜ“ bekannte Verordnung wird aber erst jetzt von vielen Kommunen umgesetzt, auch Lüneburg müsse an einigen Stellen noch nachrüsten, gesteht Stadtpressesprecher Daniel Gritz. „Man benötigt 5000 Euro für die entsprechende Beleuchtung.“ Solche „normalen Investitionen“ kalkuliere die Stadt aber ein.

Landkreis Ammerland hat alle Zebrastreifen verbannt

Noch ganz jung: Gleich zwei Zebrastreifen mit einem Abstand von wenigen Metern gibt es an der Kreuzung Auf der Höhe/Ringstraße. Foto: be
Noch ganz jung: Gleich zwei Zebrastreifen mit einem Abstand von wenigen Metern gibt es an der Kreuzung Auf der Höhe/Ringstraße. Foto: be

Andere Kommunen tun sich dagegen schwer mit solchen Summen. Mit dem Ammerland im Nordwesten von Niedersachsen hat sich ein ganzer Landkreis von den Zebrastreifen verabschiedet. Zu teuer, zu unsicher, heißt es dort. Laut Angaben des Niedersächsischen Städte- und Gemeindebundes ist Ammerland „noch ein Einzelfall“, entscheiden darf aber jede Kommune selbst.

Auch Lüneburg setzt die ­Zebrastreifen nicht mehr überall ein. „An Stellen, an denen Fußgängerüberwege entfernt wurden und stattdessen Fahrbahnteiler mit Querungshilfen installiert wurden, sind die Unfallzahlen rückläufig bis nicht mehr vorhanden“, sagt Daniel Gritz und nennt als Beispiel die Überquerungshilfe beim Hotel Seminaris an der Soltauer Straße. Die Entfernung hatte vor Jahren für heftige Proteste gesorgt. Doch für die Stadt hat sich die Maßnahme bewährt. Seitdem der Fußgängerüberweg dort ersetzt wurde, gebe es kein nennenswertes Unfallgeschehen mehr.

Weniger Unfälle gibt es an der Soltauer Straße am SaLü, seitdem der Zebrastreifen durch eine Überquerungshilfe ersetzt wurde. Foto. gae
Weniger Unfälle gibt es an der Soltauer Straße am SaLü, seitdem der Zebrastreifen durch eine Überquerungshilfe ersetzt wurde. Foto. gae

Probleme gibt es dagegen immer wieder im Bereich Uelzener Straße/Munstermannskamp. Hier sei es schon mehrfach zu Unfällen gekommen, weil Radfahrer in vollem Tempo über den Zebrastreifen gefahren sind. „Die Stadt versucht, mit baulichen Mitteln auf die Gefährlichkeit hinzuweisen“, sagt Gritz. Auch der Polizei ist genau dieser Fußgängerüberweg ein Dorn im Auge. „Eigentlich sind die Zebrastreifen sehr sicher. Aber problematisch wird es immer dann, wenn Radfahrer mal eben rüberhuschen.“ So sei es im vergangenen Jahr an Lüneburger Zebrastreifen zu insgesamt 17 Unfällen gekommen, bis Ende September 2016 waren es schon 14.

Der Sicherheit an Zebrastreifen hat der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) eine ganze Studie gewidmet. „Nichts ist schlimmer, als Scheinsicherheit zu vermitteln“, findet Siegfried Brockmann vom GDV. Richtig geplante ­Zebrastreifen seien dagegen so sicher wie Ampeln.

Und der verblichene Zebrastreifen in der Bardowicker Straße? „Wir planen an der Stelle mittelfristig sowieso einen Umbau, auch was die Bushaltestelle dort angeht. Dann werden wir uns auch um den Zebrastreifen kümmern“, sagt Gritz Kollegin Suzanne Moenck. Zu Unfällen ist es hier laut Polizei bislang nicht gekommen. Höchstens zu Verwirrung, weil weiße Streifen eben selten ihre Wirkung verfehlen.

Von Manuela Gaedicke

Die Regeln

Wer als Kraftfahrer an einem Fußgängerüberweg nicht anhält, kann mit einem Bußgeld von 80 bis 120 Euro rechnen, je nachdem, ob dadurch andere Verkehrsteilnehmer gefährdet wurden oder tatsächlich ein Unfall passiert ist. Außerdem gibt es einen Punkt in Flensburg.

Auch das Halten und Parken ist auf und bis zu fünf Meter vor einem Fußgängerüberweg nicht erlaubt.