Sonntag , 25. Oktober 2020
Ulrich Mädge beim Empfang zum Hansetag im Fürstensaal des Lüneburger Rathauses mit (v.l.) Sabine Danicker Oberbürgermeisterin Salzwedel, Michael Boyer Rattenfänger von Hameln, und Matthias Naumann aus Stendal. Foto: A/t&w

Der ewige Oberbürgermeister

Lüneburg. Ulrich Mädge bricht Rekorde, nicht nur im Lüneburger Rathaus. Als Oberbürgermeister ist er 25 Jahre im Amt. Das ist einzig, seit das Amt 1846 eingerichtet wurde. Und seit 20 Jahren ist er zudem Chef der Verwaltung oder auch „HVB“, wie Verwaltungsprofis den Posten der Hauptverwaltungsbeamten an der Spitze von Stadt oder Kreis abkürzen. Am 3. Dezember 1996 vereidigte ihn der Rats-Ältesten und Alt-Oberbürgermeister Heinz Schlawatzky.

Lüneburg Oberbürgermeister Ulrich Mädge nach seiner Wahl 199. Foto: be
Lüneburg Oberbürgermeister Ulrich Mädge nach seiner Wahl 199. Foto: be

Mädge, der vorher SPD-Fraktionschef im Rat war, prägt seit drei Jahrzehnten Lüneburg an den Hebeln der Politik. Damit hat er sich nicht nur Freunde gemacht, auch die Liste seiner Kritiker ist beachtlich. Doch egal, wer gegen ihn antrat, etwa Bernd Althusmann, jetzt CDU-Spitzenkandidat in Niedersachsen, oder Eckhard Pols, CDU-Bundestagsabgeordneter, in seinem Revier Lüneburg behauptete sich stets Mädge.

Stelljes ist schon in Reichweite

„Schon eine ungewöhnlich lange Zeit“, sagt Heiger Scholz, Geschäftsführer des Niedersächsischen Städtetages. Von jenen Bürgermeistern, die 1996 ins Amt kamen, sei eher niemand mehr auf dem Posten, erst recht nicht in einer Stadt vergleichbarer Größenordnung. In Lüneburg selbst war nur einer noch etwas länger Hauptverwaltungsbeamter als Mädge: der ehemalige Oberstadtdirektor Hans Heinrich Stelljes, der es auf 21 Jahre Amtszeit (1963-1984) brachte. Und da Mädge noch bis 2022 gewählt ist, kann er sich eigentlich nur selber aufhalten.

Als Mädge in die Politik einstieg, waren Wohnungsnot oder der Studenten-Andrang große Themen. Die Universität zog mit dem Studiengang Angewandte Kulturwissenschaften Scharen von Studenten nach Lüneburg, die 10 000.-Marke wurde genackt. In der Landeszeitung vom 8. Oktober 1991 hießen die wichtigsten Ziele, mehr Kindergartenplätze, mehr Wohnungen, Verkehrsberuhigung, Ausbau zum modernen Handels- und Dienstleistungszen­trum. Im Grund die Herausforderungen auch heute.

Mit dem Motto „Handeln in meiner Zeit“ angetreten

Tag der Niedersachsen in Lüneburg, 2001. Foto: be
Tag der Niedersachsen in Lüneburg, 2001. Foto: be

Schon als ehrenamtlicher Oberbürgermeister verstand sich Mädge nicht als Grüßaugust. Der Historiker Elmar Peter schrieb in seinem Buch über „Die Lüneburger Bürgermeister, Oberbürgermeister und Oberstadtdirektoren“: Mädge „wollte ein (…) gestaltender Oberbürgermeister sein“. Sein Motto: „Handeln in meiner Zeit.“ Spätestens seit 1996, mit Einführung der Eingleisigkeit in Niedersachsen, durfte er das dann auch offiziell als Repräsentant und Verwaltungschef. In der Folge konnten die Lüneburger 1996 erstmals direkt über ihren Oberbürgermeister abstimmen und sie entschieden sich zuletzt stets für Ulrich Mädge. lz

Fehler sollen andere beurteilen

Was hat sich im Vergleich von heute zu Ihrer Anfangszeit in der Lokalpolitik verändert?
Ulrich Mädge: Mit den gesellschaftlichen Umständen verändern sich auch die Menschen. Der öffentliche Druck und die Schnelllebigkeit, Hand in Hand mit neuen Medien, bewirken auch in Lüneburg, dass sich die Gesellschaft weiter zergliedert. Die Menschen gucken vermehrt auf sich und die, die ähnlich denken. Einzelinteressen stehen mehr und mehr im Vordergrund. Dies geht in der Lokalpolitik meines Erachtens auf Kosten des Zusammenhalts und der Verlässlichkeit. Die Bereitschaft, ernsthaft und gemeinsam zum Wohle der Stadt zu arbeiten, Verantwortung zu übernehmen, auch über den Moment hinaus, geht dabei manchmal verloren.

Unangemeldeter NPD-Aufmarsch Naziaufmarsch - Neonazis ziehen grölend durch die Straßen.  Oberbürgermeister Ulrich Mädge stellt sich anfangs allein mit dem Polizeichef von Lüneburg dem Mob entgegen.
Unangemeldeter NPD-Aufmarsch: Neonazis ziehen grölend durch die Straßen. Oberbürgermeister Ulrich Mädge stellt sich anfangs allein mit dem Polizeichef von Lüneburg dem Mob entgegen.

Nachgefragt

Was betrachten Sie als größten Verdienst Ihrer Amtszeit?
Ulrich Mädge: Die Umwandlung Lüneburgs von der Garnisons- zur Universitäts- und Kulturstadt. Die gelungene Konversion von drei Kasernen.

Ulrich Mädge, wäre nicht Ulrich Mädge, wenn er nicht auch noch die autoarme Innenstadt, Stärkung von Rad und ÖPNV, Ausbau Bahnhofs, HVV, Krippen, Schulen, und, und und erwähnte. Ein Hauptziel war schon immer zu wenig.

Was würden Sie im Nachhinein heute anders machen?
Ulrich Mädge: Ach, wissen Sie – jeden Tag, an dem man aus dem Rathaus kommt, ist man klüger, das gilt auch für mich, auch nach vielen Jahren noch. Insofern versuche ich laufend, an mir zu arbeiten, Fehler zu minimieren und Entscheidungen auch mal zu korrigieren. Ansonsten überlasse ich das Urteil, was ich hätte anders machen sollen, gern den anderen.