Dienstag , 11. August 2020
Lüneburger Integrationsprojekt: Im Technologiezentrum der Handwerkskammer prüft Ausbilder Mario Kaeber, ob eine Ausbildung zum Mechatroniker für Abdoulai Jallah das Richtige ist. Foto: t&w

„Wir können das“: Landkreistag stellt Integrationstudie in Berlin vor

Lüneburg. Wenn heute in Berlin die Studie „Integration von Flüchtlingen in ländlichen Räumen“ vorgestellt wird, kehrt im Leben von Matthias Bönsel wieder ein wenig Ruhe ein. Tausende Kilometer ist der Lüneburger in den vergangenen vier Monaten quer durch die Republik gereist, von Rügen im Nordosten bis zum Bodenseekreis im Südwesten, vom Rheinkreis Neuss im Westen bis zum Burgenlandkreis im Osten. 18 Landkreise und ihren Umgang mit Flüchtlingen haben der 46-Jährige und seine Mitarbeiter porträtiert, insgesamt 120 Interviews mit Landräten und anderen Entscheidungsträgern geführt. Als Geschäftführer des Beratungsunternehmens Viventure war Bönsel maßgeblich daran beteiligt, die Studie im Auftrag des Deutschen Landkreistages und des Bundesinnenmisteriums zu erstellen.

Mammutaufgabe Integrantion

Vier Monate lang war der Lüneburger Matthias Bönsel in ganz Deutschland unterwegs. Foto: phs
Vier Monate lang war der Lüneburger Matthias Bönsel in ganz Deutschland unterwegs. Foto: phs

In dem 206-seitigen Papier geht es weniger darum, die Landkreise in ihrem Handeln zu vergleichen, als vielmehr das Handeln und die Forderungen der Landkreise zu strategischen Leitlinien zusammenzufassen. Das zweite zentrale Ziel ist laut Bönsel, gelungene Beispiele für Integration zu analysieren und zu kommunizieren. Festgesetzt hat sich im Kopf des Lüneburgers nicht nur die Erkenntnis, dass auf Ebene der Landkreise das Flüchtlingsproblem am besten zu managen ist, sondern auch das Selbstverständnis, mit dem fast alle Landkreise die Mammutaufgabe „Integration“ anpacken. An die Stelle des viel zitierten Satzes der Kanzlerin „Wir schaffen das“, trete inzwischen das selbstbewussete Motto vieler Landräte „Wir können das“.

Gleichwohl seien die Landräte auch realistisch, so Bönsel. „Schnelle Erfolge wird es nicht geben.“ Oder wie ein Landrat es formuliert habe: „Den Sprint haben wir hinter uns. Jetzt kommt der Marathon.“ Unter die Lupe genommen haben die Autoren der Studie die für die Integration wichtigen Handlungsfelder Wohnen, Sprache, Arbeit und Ausbildung, Schule und Bildung, Ehrenamt sowie gesellschaftliches Zusammenleben. Die daraus resultierenden Praxisbeispiele sollen anderen Kommunen aufzeigen, wie die Aufgaben andernorts angepackt werden und damit Impulse für die eigene Arbeit liefern.

Wo ist Luft nach oben?

Aufgezeigt werden in den strategischen Leitlinien aber auch, wo die Landkreis sich effizientere Strukturen wünschen und welche Forderungen sich daraus ableiten lassen. Als ein zentrales Thema nennt Bönsel die Sprachkuse. „Über die Zulassung entscheidet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, und die Landräte fragen sich zu recht, warum? Die Kreise kennen Träger, Lehrer, Teilnehmer und Fördermittel, haben also den besten Überblick.“ Und so gebe es viele Beispiele dafür, dass die Landkreise die passenden Verwaltungsstrukturen für die Integration haben und gleichzeitig nah genug an den Menschen vor Ort sind. Daraus, so der 46-Jährige, leite sich die Forderung nach einer Aufgabenanalyse ab. Bund, Land oder Kreis: Wer entscheidet was wann?

Aus Sicht des 46-Jährigen kommen die Kreise dabei bislang zu kurz: „Viele Ministerien legen eigene Förderprogramme auf. Inzwischen gibt es so viele, dass kaum einer, der die Mittel beantragen muss, noch den Überblick hat.“ Stellvertretend für viele Landräte fragt der Lüneburger: „Warum also trauen Bund und Land den Kreisen nicht mehr zu und schaffen ein Integrations-Budget, über das jeder Kreis frei verfügen kann?“ Wohl auch deshalb hat Bönsel den strategischen Leitlinien der Studie vier zentrale Gedanken vorangestellt. Einer davon lautet: „Die Herausforderung der Integration von Flüchtlingen ist eine einmalige Chance, bürokratische Strukturen zu verändern.“

Das Beste geben, um Integration zu ermöglichen

Zunächst einmal dient die Studie jedoch der Vorbereitung der Integrationskonferenz des Deutschen Landkreistages und des Bundesinnenmisteriums am Freitag, 2. Dezember, in Berlin. Mit dabei sein wird auch Niedersachsens Sozialministerin Cornelia Rundt. Gedacht ist die Integrationskonferenz als ein erster Schritt. „Das Ziel für 2017 sind Regionalkonferenzen“, sagt Bönsel. Die wesentliche Frage sei letztlich: „Wie lässt sich das, was entwickelt wurde, auch umsetzen. Sonst bräuchten wir solche Studien nicht.“

Und das wiederum passt zu einem weiteren der vier zentralen Gedanken, die sich aus den Gesprächen mit den Landräten herauskristalisiert haben: „Es gibt keine Berechtigung, nicht sein Bestes zur Integration von Asylsuchenden zu geben.“

Von Malte Lühr