Freitag , 30. Oktober 2020
GfA-Mitarbeiter Tobias Richter arbeitet an der Sammelstelle für Polystyrol-Kunststoffe, zu denen auch Styropor gehört. Sind die Polystyrole mit dem Flammschutzmittel HBCD behandelt, wird die Entsorgung teuer. Foto: t&w

Dämmplatten sind Sondermüll

Bardowick. Die Energiewende steht ganz oben auf der Agenda der Bundesregierung. Bis 2050 sollen alle Gebäude nahezu klimaneutral sein. Viele Immobilienbesitzer setzen dazu auf den Dämmstoff Polystyrol, der bis Ende 2014 mit dem Flammschutzmittel HBCD ausgerüstet wurde. Doch die Verwendung dieses Baustoffs kann für Bauherren teuer werden spätestens dann, wenn sie nicht verbaute Platten und Schnittreste ordnungsgemäß zur Entsorgung bringen wollen. „Da kostet der Kubikmeter jetzt schnell 500 bis 600 Euro“, rechnet Erich Tegtmeyer von dem kommunalen Entsorger GfA in Bardowick vor.

Viele Müllverbrennungsanlagen verweigern Dämmstoffe

Der horrende Preis werde nicht von der GfA bestimmt, sondern sei darin begründet, dass zahlreiche Müllverbrennungsanlagen die Annahme dieser Dämmstoffe verweigern würden. Der Grund war eine Änderung der Abfallverordnung, die der Bundesrat beschlossen hatte. Seit dem 30. September werden Abfälle mit dem Flammschutzmittel HBCD als gefährlicher Abfall eingestuft. Mit anderen Worten: Dämmstoffe, die HBCD enthalten, dürfen nur in Verbrennungsanlagen mit einer entsprechenden Zulassung verbrannt werden. Und dazu benötigen sie eine spezielle und vor allem aufwändige Genehmigung.

Die Folge: Den Bauunternehmen droht der Entsorgungsnotstand, denn die Verunsicherung in der Branche ist groß: „Bis zum 30. September war die Annahme dieser Dämmstoffe überhaupt kein Thema bei uns, das lief ganz normal“, sagt Tegtmeyer, nach der Änderung der Abfallverordnung galt aber auch auf der GfA-Deponie in Bardowick für etwa zwei Wochen absoluter Annahmestopp. „Jetzt nehmen wir nur noch Kleinstmengen an“, sagt Tegtmeyer: „Ich kann den Kunden daher nur raten, dass sie uns anrufen und einen Termin vereinbaren, bevor sie ihr Auto vollpacken und mit den Dämmplatten zu uns kommen“, rät der GfA-Experte.

Scheitert Energiewende an Häuserdämmung?

Dass die Energiewende ausgerechnet bei der Häuserdämmung Gefahr läuft, zu scheitern, hat inzwischen offenbar auch das Land Niedersachsen erkannt, „und flankierende Regelungen getroffen, die es Hauseigentümern und Firmen erleichtern soll, ihren Abfall ordnungsgemäß zu entsorgen“, teilt die Klimaschutz- und Energieagentur Niedersachsen jetzt mit. Demnach dürfen Bauabfallgemische, deren Anteil ­HBCD-haltiger Dämmstoffabfälle weniger als 20 Volumenprozent beträgt, doch wieder als „nicht gefährliche Abfälle“ in Abfallverbrennungsanlagen entsorgt werden.

Doch viele private Müllverbrennungsbetriebe zeigen nach der Erfahrung derzeit wenig Interesse daran, die problematischen Dämmplatten in ihren Öfen zu verfeuern. „Und zwingen kann man sie nicht“, sagt Tegtmeyer. Den Ärger der Kunden müssen zur Not der GfA-Experte und seine Kollegen auf der Deponie aushalten: Wenn sie Kunden erklären müssen, warum es erstens so teuer ist die ausgedienten Dämmplattenreste zu entsorgen und zweitens, warum sie große Mengen gar nicht mehr annehmen dürfen. Denn dazu fehle der GfA ein Zwischenlager.

Von Klaus Reschke

Gefahr für die Fortpflanzung

Hexabromcyclododecan (HBCD) soll im Brandfall verhindern, dass sich ein Feuer an der Fassade schnell ausbreitet. Doch HBCD gilt laut Europäischer Chemikalienagentur als „besonders besorgniserregend“: Es reichert sich in der Natur und in Organismen an, steht im Verdacht, die Fortpflanzung zu schädigen. Im Brandfall stehen HBCD-belastete Dämmplatten zudem unter Verdacht, die Entstehung von hochgiftigen Dioxinen und Furanen zu ermöglichen.

Ersatzmittel gefunden

Seit Ende 2014 werden nach Angaben des Indus­trieverbandes Hartschaum nur noch Dämmstoffe mit dem Flammschutzmittel Polymer-FR produziert, das als unbedenklich gilt. Nach Angaben des Umweltbundesamtes müssen sich aber auch die Bewohner in Häusern, die noch mit den „alten“ Platten gedämmt wurden, keine Sorge machen: „Bei fachgerechtem Einbau sind keine negativen Auswirkungen auf die Gesundheit zu befürchten“, betont die Behörde. lz