Freitag , 30. Oktober 2020
Tierschutz geht vor: Die Geflügelpest breitet sich weiter aus, doch der Kreis verzichtet auf flächendeckende Stallpflicht. Foto: A/t&w

Geflügelpest: Keine flächendeckende Stallpflicht im Landkreis

Lüneburg. Die Geflügelpest breitet sich in Niedersachsen aus, immer mehr Landkreise reagieren und ordnen eine flächendeckende Stallpflicht an. Der Landkreis Lüneburg mit 960 gemeldeten Geflügelhaltungen mit weniger als 1000 und neun Betrieben mit mehr als 1000 Tieren hält indes an seiner Linie fest und belässt es bei einer Aufstallpflicht nur für Geflügelhalter im Risikogebiet entlang der Elbe. Warum und wie die Experten das Risiko bewerten, darüber spricht im Interview Wolfram Kallweit, Fachbereichsleiter Ordnung und Umwelt.

Interview

Der Landkreis Uelzen hat die flächendeckende Stallpflicht für Geflügel angeordnet, genauso der Landkreis Harburg und das gesamte westliche Niedersachsen. Warum gilt sie in Lüneburg bisher nicht?

Wolfram Kallweit: In Niedersachsen liegt die Entscheidung über eine Stallpflicht derzeit bei den Landkreisen. Nach den bisherigen Empfehlungen des Friedrich-Löffler-Instituts haben wir uns wie bei Vogelgrippe-Ausbrüchen in der Vergangenheit zunächst auf den Bereich der Elbe beschränkt. In dem Vogelzuggebiet ist das Risiko besonders hoch, dass es zu Kontakten zwischen Wildgeflügel und Hausgeflügel kommt. Entscheidend ist zudem, wo bisher Fälle von Vogelgrippe bei Haus- und Wildgeflügel nachgewiesen wurden. Bei der Abwägung spielt für uns auch der Tierschutz eine wesentliche Rolle. Bekanntlich ist die Stallhaltung für viele Geflügelarten nicht gerade angenehm. Auch das Land hat eine flächendeckende Aufstallpflicht bis jetzt nicht für erforderlich gehalten. Die Entscheidungen der Kreise fallen sehr unterschiedlich aus von einer flächendeckenden Aufstallungspflicht bis zu keinerlei Maßnahmen.

Sollte eine flächendeckende Stallpflicht gelten, wie kontrollieren Sie die Auflage?

Der Landkreis kontrolliert verstärkt, allerdings im Rahmen seiner Möglichkeiten. Alles kann man nicht überwachen. Wer die Aufstallungspflicht nicht beachtet und dabei erwischt wird, muss nach dem Tiergesundheitsgesetz aber mit einem Bußgeld von bis zu 30000 Euro rechnen.

Der jüngste Verdachtsfall betrifft einen Putenmast-Betrieb in Cloppenburg. Die Infektion erfolgte, obwohl dort schon seit dem 11. November die Stallpflicht galt. Macht die Anordnung dann überhaupt Sinn?
Die Wege der Infektion können sehr vielfältig sein. Details zum Verdachtsfall im Kreis Cloppenburg sind mir nicht bekannt. Die Aufstallpflicht ist bei Ausbruch einer Seuche und um eine solche handelt es sich bei der Geflügelpest eine von mehreren notwendigen und sinnvollen Maßnahmen, um zu Beginn einer Seuche der weiteren und schnelleren Ausbreitung entgegenzuwirken. Ein wesentlicher Zweck der Aufstallpflicht besteht darin, einen direkten Kontakt zu Wildtieren zu unterbinden.

Der landwirtschaftspolitische Sprecher der CDU im Landtag, Helmut Dammann-Tamke, kritisiert, dass die Aufstallung allein den Landkreisen überlassen und nicht wie etwa in Schleswig-Holstein landesweit verfügt wird. Fühlen Sie sich allein gelassen?

Die Zuständigkeiten in Niedersachsen sind klar geregelt. Sicherlich wäre es für alle Landkreise und auch für alle Geflügelhalter einfacher, wenn eine einheitliche landes- oder bundesweite Regelung bestünde. Dabei ist aber auch zu berücksichtigen, dass insbesondere im westlichen Niedersachsen die Geflügelhaltungsdichte eine ganz andere Dimension hat als zum Beispiel im Landkreis Lüneburg.

von Anna Sprockhoff