Mittwoch , 21. Oktober 2020
Ein Stück Heimat haben die Soldaten auch im Einsatzland Mali dabei: Das Ortsschild der Hansestadt Lüneburg hängt hinter ihnen am Gebäude. Foto: nh

Mali: Lüneburger Aufklärer überwachen Krisengebiet

Lüneburg. Morgens um um sieben ist die Welt nicht mehr in Ordnung. Jedenfalls nicht in Mali, dem afrikanischen Land, in dem seit Oktober rund 170 Lüneburger Soldaten ihren Blauhelm-Dienst verrichten: „Die Lage ist ruhig, aber angespannt“, berichtet im Telefoninterview der Kommandeur der Lüneburger Aufklärer, Oberstleutnant Michael Hoppstädter. Vor Kurzem habe es einen Raketenbeschuss auf das deutsche Feldlager gegeben. „Das Geschoss ist in etwa 2000 Meter Entfernung vom Lager eingeschlagen“. Verletzt oder getötet wurde zum Glück niemand.

Kleintier-Vernichtungstrupp inspiziert Feldlager

Die Angriffe der Islamisten sind das eine die Soldaten führen aber auch einen Kampf gegen einen deutlich kleineren Feind, der allerdings klar in der Überzahl ist: Gegen giftige Spinnentiere und Reptilien wie Skorpione und Sandrasselottern. Wüstentiere, deren Stich oder Biss zwar nicht unbedingt tödlich enden muss, zumindest aber äußerst schmerzhaft ist. Deshalb geht viermal pro Woche der Kleintier-Vernichtungstrupp durch das deutsche Feldlager in Gao. Auf der Jagd nach Spinnen, Schlangen aber auch Mäusen und anderem Getier, das schnell zu einer ernsthaften Gefahr für die Gesundheit der Soldaten werden kann.

Mit Pinzette, Schlangenstock und UV-Lampe gehen die Spezialisten auf die etwa zwei Kilometer lange Camprunde, inspizieren dabei jede Ritze und jede Ecke. Entdecken sie beispielsweise einen Skorpion, wird der mit einer Pinzette geschnappt, in ein bruchsicheres Glas eingeschlossen und einige Tage später weit außerhalb des Camps wieder freigelassen. Für viele der Soldaten ist der Einsatz in Mali bereits der zweite, dritte oder gar der vierte im Ausland. Für Hauptfeldwebel M. ist es dagegen die Premiere. Angst habe er keine, sagt der 29-Jährige, der seinen vollen Namen aus Sicherheitsgründen nicht in der Zeitung lesen möchte. Noch nicht einmal ein mulmiges Gefühl, wenn er mit seinen gepanzerten Fahrzeugen in unbekanntem Terrain unterwegs ist? „Nein“, sagt der Familienvater. „Wir wissen, was wir tun“. Und Angst sei sowieso der denkbar schlechteste Ratgeber.

Der Hauptfeldwebel ist mit mehreren Fahrzeugen und einem Radarwagen unterwegs, oft mehrere Tage und Nächte. Auf Patrouille in einem Land, in dem es kaum Straßen gibt. Mali gehört zu den ärmsten Ländern in der Welt, und das wird den Soldaten bei ihren Erkundungsfahrten immer wieder deutlich. Wenn der Lüneburger Spähtrupp unterwegs ist, rollt er an Lehmhütten vorbei, in denen die Menschen leben. „Die Landschaft erinnert an eine Savanne“, berichtet der Hauptfeldwebel nur, dass die Natur vergleichsweise grün sei: „Dieses Jahr hat es viel geregnet.“ Bislang würde sich die Bevölkerung offen und friedlich gegenüber den Soldaten zeigen: „Wenn die Kinder uns sehen, klatschen sie begeistert in die Hände und rufen ,Mali, Mali“, berichtet der 29-Jährige.

Temperaturen am Tag von 45 auf 35 Grad gesunken

Dass Mali aber alles andere als ein friedliches Ausflugsland für abenteuerlustige Touristen ist, wird dem Hauptfeldwebel spätestens dann wieder bewusst, wenn er den Pick-Ups mit bewaffneten Männern auf den Ladeflächen begegnet.

„Anschläge sind in Mali überall und jederzeit möglich“ warnt auch das Auswärtige Amt, das darauf verweist, das für das ganze Land der Ausnahmezustand ausgerufen wurde. Die Lüneburger sind seit ihrer Ankunft bereits ein gutes Stück vorangekommen: „Anfang November konnten wir die Aufklärungsdrohne ,Heron zum ersten Mal einsetzen“, berichtet der Kommandeur. Mit der Heron können die Aufklärer derzeit 300 Kilometer weit fliegen. „Wenn wir das System komplett aufgebaut haben, sind es 900 Kilometer“, berichtet Hoppstädter und fügt hinzu: „Und damit lässt sich fast ganz Mali abdecken.“ Das „fliegende Auge“ dient auch dem Schutz der Soldaten. Die Aufklärungsergebnisse der Heron werden an die Auswertezentrale weitergegeben. Sollten die Ergebnisse eine unmittelbare Gefährdung für eigene Kräfte oder Partner ergeben, werden diese Erkenntnisse sofort allen beteiligten Nationen zur Verfügung gestellt. Fast 100 Flugstunden haben die Aufklärer inzwischen durchgeführt.

Seit sie im Land sind, haben die Aufklärer zumindest eine spürbare Verbesserung festgestellt: „Die Temperaturen sind erträglicher geworden“ berichtet Oberstleutnant Hoppstädter, „statt 45 Grad tagsüber sind es jetzt nur noch 35 Grad und um die 18 Grad in der Nacht.“

Von Klaus Reschke

Gefährliche Sicherheitslage

In Mali sind verschiedene islamistische Terrorgruppen aktiv. Seit Monaten spitzt sich die Sicherheitslage für Soldaten dort zu. Im ersten Halbjahr 2016 wurden bereits 24 Uno-Soldaten bei Angriffen getötet. Im Juli wurden erstmals deutsche Soldaten bei einer Erkundungsfahrt beschossen, kamen aber unverletzt davon.

Im Januar dieses Jahres hatte der Bundestag die Erweiterung der Beteiligung an der UN-Mission MINUSMA (United Nations Multidimensional Integrated Stabilization Mission in Mali) beschlossen. Aufgabe der Soldaten im Rahmen der UN-Mission ist es, die Vereinbarungen zur Waffenruhe und die vertrauensbildenden Maßnahmen zwischen den Konfliktparteien sowie die Umsetzung des Friedensabkommens zu unterstützen. lz