Freitag , 23. Oktober 2020
Monatelang fürchteten Jens Timmermann und Marika Reichel, die Milchpreiskrise nicht zu überstehen. Sie hätten mit Haus, Stall und Kühen alles verloren, doch seit kurzem haben sie wieder neue Hoffnung: Die Preise steigen. Foto: t&w

Milchpreis: Ein Bauer schöpft neue Hoffnung

Ahndorf. Jens Timmermann lehnt mit dem Rücken an der Bürowand, die Hände vergraben in den Taschen der grauen Arbeitsweste. Er sieht müde aus, während er durch das verstaubte Plexiglasfenster die Kühe im Stall beobachtet und über die härteste Krise spricht, die er als Milchbauer je erlebt hat (LZ berichtete). Mehr als ein Jahr lang war das Preisniveau desaströs, im Sommer stand der Landwirt aus Ahndorf bei einem Milchpreis von 17 Cent pro Liter so dicht vor der Pleite wie nie zuvor. Inzwischen ist draußen der erste Schnee gefallen und Timmermann spricht wieder über Zukunft. Die Molkerei hat ihm für Dezember Preise von mehr als 30 Cent pro Liter Milch angekündigt. Eine Trendwende. „Und unsere Rettung“, hofft er.

Tatsächlich scheint die große Krise zumindest vorläufig gebannt, überall im Land sind die Milchpreise wieder im Aufwind. Ob das reicht, um die Folgen der jüngsten Krise zu bewältigen, weiß Timmermann nicht. Er kann weder vorhersagen, wie stark die Milchpreise steigen werden, noch wie lange es dauert, bis sie erneut einbrechen. Der Ahndorfer gibt sich zufrieden, wenn die Preise nicht wieder unter 30 Cent pro Liter fallen. „Dann machen wir wenigstens nicht noch mehr Schulden.“

Weltmärkte, Molkereien und Einzelhandel bestimmen Milchpreis

Irgendwann in den vergangenen Monaten hat Timmermann akzeptiert, dass er die Dinge so nehmen muss, wie sie kommen. Dass Weltmärkte, Molkereien und Einzelhandel den Preis für sein Produkt bestimmen nicht er. Als ihm vor einem Jahr das Ausmaß der jüngsten Krise bewusst geworden war, versuchte er noch, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, prüfte die Umstellung auf Bio und spielte mit dem Gedanken, eine Milchtankstelle einzurichten. Beides scheiterte, weil die Rahmenbedingungen nicht stimmten, er weder genug Land hatte noch in dem kleinen Dorf bei Dahlenburg Chancen sah, seine Milch loszuwerden. Die einzige Option, die ihm aus seiner Sicht blieb, war so lange wie möglich weiterzumachen. „Wir hatten uns eingelassen auf das System“, sagt er, „das war eine der Konsequenzen.“

Für Jens Timmermann und seine Lebensgefährtin Marika ist ein Zurück nahezu unmöglich. Sie gehören zu den Landwirten, die sich in den vergangenen Jahren entscheiden mussten zwischen Neubauen oder Aussteigen. „Der alte Stall war am Ende, die Melktechnik kaputt“, sagt Timmermann, „tierschutzrechtlich und wirtschaftlich eine Katastrophe.“ Gemeinsam beschlossen sie, mehr als eine Million Euro in die Hand zu nehmen und einen neuen Stall für 280 Kühe zu bauen. Als es 2013 losging, zahlte die Molkerei gerade rund 40 Cent pro Liter Milch, und das Ende der Milchquotenregelung stand bevor. Timmermann war überzeugt, das Richtige zu tun. Er glaubte an große Zeiten.

Unbezahlte Rechnungen türmen sich

Mit dem Stallbau erfüllte der Landwirt sich und seiner Freundin einen Traum. Dass sie dafür oft mehr als zwölf Stunden täglich arbeiten müssen, die Preise schwanken und sie über Jahrzehnte verschuldet sein werden, „das wussten wir“. Was sie nicht ahnten, war, wie hart die nächste Milchkrise zuschlägt, wie dicht sie vor der Pleite stehen werden. Nun hoffen sie, ab Dezember wieder Geld zu verdienen und zwar genug, „um zumindest die Schulden der letzten Monate zu bezahlen“, sagt Marika Reichel.

Die unbezahlten Rechnungen türmen sich mittlerweile, die Anrufe von Firmen, die auf ihr Geld warten, häufen sich. Bezahlen konnten die Milchbauern irgendwann nur noch das Nötigste wie Diesel, Wasser, Strom und das Kraftfutter für die Kühe, alles andere blieb liegen. „Zum Glück zeigten sich viele Firmen in der Krise kulant“, sagt Marika Reichel. Trotzdem ist das nicht die Zukunft, die sie sich erträumt hat. „Es gab Tage, da habe ich mich gefragt, ob es noch Sinn macht, den Rasen zu mähen, wenn ohnehin bald alles weg ist“, erzählt sie, „und Jens schlich jede Nacht allein durchs Haus, weil er vor lauter Sorgen nicht schlafen konnte.“

Das erste Mal seit Monaten eine Nacht durchgeschlafen

Und nun? Nun warten doch noch die erhofften großen Zeiten auf die Milchbauern? „Wohl kaum“, sagt Timmermann, „aber es wird besser.“ Die Milchbauern haben angefangen, ihre Schulden zurückzuzahlen, vor kurzem hat Timmermann das erste Mal seit Monaten wieder eine Nacht durchgeschlafen, auch die Zuchtrinderpreise steigen wieder und die Freude an der Arbeit ist zurückgekommen. Sie machen sich nichts mehr vor seit dem letzten Preisabsturz, wissen sehr genau, dass die nächste Milchkrise vermutlich nicht allzu lange auf sich warten lässt. „Doch was sollen wir machen?“, sagt Timmermann, „man muss wohl die guten Zeiten genießen und hoffen, die schlechten zu überstehen.“ Dieses Mal hatten sie Glück die Trendwende kam gerade noch rechtzeitig.

von Anna Sprockhoff