Sonntag , 25. Oktober 2020
Über Wohnformen diskutieren (v.l.) Cord Soehlke, Baubürgermeister Tübingens, Heike Grundermann, Stadtbaurätin Lüneburgs, und Moderatorin An-drea Beelri vom Forum Gemeinschaftliches Wohnen. Foto: tt

Alternative Formen des Wohnens nehmen zu

Lüneburg. „Dass wir heute viele Menschen sind, freut uns sehr und hätten wir nicht erwartet“, sagt eine strahlende Ine Pentz, Vorstandsmitglied des Vereins Mehr Leben. Rund 150 Gäste waren der Einladung des Vereins in die Leuphana-Aula im Roten Feld gefolgt. Wohnprojekte waren das Thema, der Tübinger Baubürgermeister Cord Soehlke und die Lüneburger Stadtbaurätin Heike Gundermann die Experten.

Mit 90000 Einwohnern sei Tübingen nur wenig größer als Lüneburg, sagte Soehlke, „allerdings ist unsere Universität um einiges größer und bietet viele Arbeitsplätze für die Stadt.“ Die Stadt sei durch verschiedene Faktoren schon seit 50 Jahren im Wachstum, was letztlich zu einer Platz-Knappheit geführt habe. „Trotzdem haben wir in den letzten 30 Jahren keine Entwicklung auf der grünen Wiese mehr gemacht, sondern nur noch Flächen entwickelt, die vorher Fa­brik- oder Kasernenareale waren“, beschreibt der Baudezernent. Denn neben der Überzeugung, als Stadt nicht unbegrenzt in die Umwelt wachsen zu wollen, stünden rund um Tübingen schlicht keine Bauflächen mehr zur Verfügung ein Problem, das auch in Lüneburg immer prägnanter wird.

Das Tübinger Modell

Als Lösung entwickelte man im Süden Deutschlands das sogenannte Tübinger Modell, das aus mehreren Bausteinen besteht: der Revitalisierung von Brachflächen, dem Grunderwerb durch die Stadt und einer kleinteiligen Bebauung alles mit dem Ziel, auf den alten Brachflächen urbane Quartiere einzurichten. „Ein ideales Werkzeug unserer Stadtentwicklung sind dabei Baugemeinschaften“, erzählt Soehlke. „In Baugemeinschaften finden sich mehrere private Bauwillige zu Gemeinschaften zusammen und führen ihr Vorhaben gemeinsam durch.“ Die Abwicklung sei, anders als beim Bauen mit großen Bauträgern, hauptsächlich in privater Hand.

Die Gründung solcher Baugemeinschaften laufe dabei in der Baden-Württemberger Universitätsstadt immer nach demselben Muster ab: „Am Anfang eines jeden Wohnprojekts steht die Idee für ein neues Gelände.“ Irgendwann lade die Kommune dann in eine große Turnhalle ein und beginne mit der Vermarktung eines neuen Areals. Potenzielle Gemeinschaften finden sich zusammen und Interessensgemeinschaften würden im Laufe der Zeit Planungsgemeinschaften. Diese erhielten dann eine Option auf den Kauf eines der Grundstücke. „Die Bauwilligen gehen schließlich in eine private Baugemeinschaft und errichten das Gebäude zusammen“, beschreibt der Tübinger Gast das Verfahren. Am Ende stehe in 95 Prozent der Fälle eine Bau-Eigentümer-Gemeinschaft. Je nach Quartier können so 20 bis 50 Baugemeinschaften zusammenkommen mit unterschiedlich vielen Eigentümern.

Bezahlbar und selbstgestaltet

Das Verfahren biete viele Vorteile: Zum einen sei es bezahlbar: „Meistens zahlen die Bauwilligen 15 bis 20 Prozent weniger als mit Bauträgern“, weiß der 47-Jährige. „Menschen können sich dadurch etwas leisten, die es sonst nicht könnten.“ Weiterhin seien die Quartiere selbstgestaltet, was eine hohe Identifikation zur Folge habe. Besonders hervorzuheben sei auch die Individualität und Vielfältigkeit innerhalb der Quartiere: „Es gibt Low-Budget-Häuser, Null-Energie-Häuser, Mehrfamilienhäuser, aber auch schmale Stadthäuser immer mit dem Versuch der Nutzungsmischung, also Gewerbe und Wohnen an einem Ort.“ Tübingen habe schon acht Quartiere entwickeln können, mit dem ersten Quartier habe man damals Neuland betreten, mittlerweile sei die Vergabe aber kein Experiment mehr, sondern die Regel.

Auch in Lüneburg passiere da schon Einiges, berichtete Stadtbaurätin Heike Gundermann. „Es gibt eine ganze Reihe von Projekten von unterschiedlicher Qualität.“ Neben dem Lena-Projekt am Brockwinkler Weg und dem Bauwagenplatz am Stadtrand in Richtung Vögelsen gebe es auch private Gruppen, die in der Altstadt Grundstücke gekauft und entwickelt haben teilweise auch von der Stadt wie das alte Naturmuseum. „Wir hatten aber in Lüneburg im Gegensatz zu Tübingen niemals die Not, nicht am Rand der Stadt wachsen zu können“, verdeutlichte Gundermann. „In diese Situation kommen wir jetzt erst langsam.“

Trend geht wieder zurück ins Zentrum

Auch der Trend, immer weiter an den Stadtrand zu wollen, kehre sich in Lüneburg langsam um: „Seit vier, fünf Jahren will man verstärkt wieder zurück in die Stadt“, hat die Stadtbaurätin festgestellt. Gleichzeitig würden am Stadtrand die Flächen knapp und es werde immer schwieriger, Ausgleichsflächen für die Baugebiete zu gewinnen. „Wir werden also in eine Situation kommen, wo Erfahrungen wie aus Tübingen wertvoll sind und wir unsere Stadtentwicklung in diese Richtung verändern und modifizieren müssen“, glaubt sie.

Von Tjark Thönßen