Freitag , 30. Oktober 2020
Wer in Lüneburg als Neupatient einen Arzttermin möchte, sollte Geduld haben. Montage: t&w

Wehe, man braucht einen Arzttermin in Lüneburg

Von Manuela Gaedicke

Lüneburg. Eigentlich wollte ich mir nur einen Arzttermin in Lüneburg holen. Drei Google-Suchen und vier Warteschleifen weiter weiß ich schon, dass das nicht so leicht wird wie gedacht. Ein Thema für einen Artikel. Ich starte mit der Suche nach einem Augenarzt. „Wir nehmen keine neuen Patienten“, heißt es gleich in der ersten Praxis. Ein Satz, den ich in den nächsten Tagen noch häufiger hören werde. Egal, ob es um eine Vorsorge beim Hautarzt, eine Routineuntersuchung bei einem Gynäkologen oder die sogenannte U-Untersuchung beim Kinderarzt geht.

Frust durch ständiges Besetzt-Zeichen

Ärzte dieser Fachrichtungen sind in Lüneburg rar, das ist kein Geheimnis. Dabei sagt die Statistik etwas anderes: Die Region ist laut einer Tabelle der Kassenärztlichen Vereinigung in einigen Bereich sogar mit Fachärzten überversorgt. Besonders bei den Frauenärzten habe ich diesen Eindruck nicht. „Sag mir sofort Bescheid, wenn Du irgendwo einen freien Termin findest“, ruft meine Kollegin. Und ich überlege kurz, ob es vielleicht eine gute Geschäftsidee wäre, für andere Termine zu vereinbarn und ihnen den Frust zu ersparen, ständig ein „Besetzt-Zeichen“ zu hören. Obwohl das Ganze für mich nur ein Test ist, spüre ich so etwas wie Enttäuschung in mir aufsteigen, weil ich einfach nicht zum Ziel komme: Vier Vorsorgetermine bei vier verschiedenen Fachärzten in Lüneburg. Das kann doch nicht so schwer sein.

Insgesamt elf Mal sagt man mir, die Praxis habe gerade Aufnahmestopp. Einmal ermutigt mich die Arzthelferin, persönlich vorbeizukommen und mich mit meiner Versicherungskarte „vorzustellen“. Dass ein Logo der „Techniker Krankenkasse“ nur bedingt gut ankommen wird, kann ich mir ausmalen. Auch wenn ich bei der gesamten Recherche nur einmal nach meinem Versicherungsstatus gefragt werde. Die Antwort führt tatsächlich dazu, dass leider noch gar kein Kalender für 2017 da sei.

Kommt es auf die Strategie an?

Beim nächsten Augenarzt ändere ich meine Strategie. Welche Beschwerden ich denn habe? „Schmerzen. Verschwommenes Sehen“, sage ich. Und überlege, ob ich nicht etwas dick auftrage. Muss ich jetzt lügen, um schneller einen Termin zu bekommen? Offenbar ja. Die Sprechstundenhilfe bietet mir einen Termin in zweieinhalb Wochen an. Allerdings mit Wartezeit.

„Wir bemühen uns wirklich, akute Patienten dazwischen zu schieben, aber für uns ist es auch nicht leicht.“ Die Mitarbeiterin in der nächsten Praxis wird redselig, als ich ihr von meinem Test für die Landeszeitung erzähle. Ich solle nicht so einen reißerischen Artikel schreiben, am Tag danach seien die Patienten immer besonders sauer, wenn sie anrufen. „Wir sitzen hier auf einem Feuerstuhl, das können sie sich gar nicht vorstellen.“ Auch eine Ärztin ruft mich irgendwann zurück und bittet eine Sache zu bedenken: Ein Drittel aller Termine werde von den Patienten einfach nicht wahrgenommen. Ohne Absage. Die Kassenärztliche Vereinigung spricht von fast einem Fünftel (siehe Infobox).

Viele Termine werden von den Patienten nicht wahrgenommen

Das Thema bewegt. Jeden, den ich anrufe. Ich merke, dass die meisten Praxen sich sehr bemühen. Aber auch verlangen, dass ich flexibel bin und Wartezeit mitbringe. Einmal bekomme ich für zweieinhalb Wochen später eine Einladung zu einer Offenen Sprechstunde. „Um 14.30 Uhr machen wir die Tür auf“, heißt es. Und lässt mich erahnen, welchen Ansturm die Praxis an diesem Tag erleben wird. Geht es hier wirklich um einen Besuch beim Arzt oder um ein ausverkauftes Konzert? Und wären zwei bis drei Wochen nicht immer noch lang, wenn ich Schmerzen hätte?

Ob ich unter diesen Umständen noch die Nerven hätte, auf jede Absage verständnisvoll zu reagieren und einfach hartnäckig weiterzutelefonieren — ich weiß es nicht. Es dauert ein paar Tage, bis ich bei jedem Facharzt tatsächlich einen Termin bekommen habe. Eine große Auswahl habe ich allerdings nicht. Den richtigen Arzt zu finden, das scheint in Lüneburg ein größeres Projekt zu sein.

 

Das hat der Test ergeben

  • Kinderärzte (6 Praxen), dreimal Aufnahmestopp. Schnellster Vorsorge-Termin: in zweieinhalb Monaten
  • Frauenärzte (11 Praxen), sechsmal Aufnahmestopp. Schnellster Vorsorge-Termin: in einem Monat
  • Augenärzte (4 Praxen), zweimal Aufnahmestopp. Schnellster Vorsorge-Termin: in dreieinhalb Monaten
  • Hautärzte (4 Praxen), zweimal Wartezeiten von sechs Monaten. Schnellster Vorsorge-Termin: in anderthalb Monaten
Servicestelle

Seit dem 25. Januar 2016 gibt es zur schnelleren Vermittlung von Facharztterminen die sogenannte Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung (KVN). Sie ist montags bis freitags von 8 bis 18 Uhr unter der Telefonnummer (0511) 56 99 97 93 erreichbar. Das Ziel: Patienten sollen binnen vier Wochen einen Termin bekommen.

In dieser Woche hat die Vertreterversammlung der KVN schon wieder die Abschaffung gefordert. Die Begründung: Viele Patienten würden die Termine gar nicht wahrnehmen. Die Servicestelle nennt Zahlen: Von 7493 vermittelten Terminen in den Monaten April bis Juni seien 1413 Patienten nicht am vereinbarten tag erschienen. Das seien knapp 19 Prozent.