Freitag , 30. Oktober 2020
Eine prominente Geflüchtete in der englischsprachigen Welt: Hamsa Alhalabieh und ihr Mann Iyad Alsabouni leben zusammen mit ihren Kindern in Schnega. Dort hat die US-amerikanische Filmemacherin Caroline Spearpoint zehn Tage lang für die Filmdokumentation gedreht. Foto: bp

Film über ein Leben auf der Flucht

Schnega. Dass ein Filmteam aus New York zehn Tage in Schnega verbringt, gehört dort nicht zum Alltag. Wenig bis nichts gibt es in der deutschen Provinz, das eine Filmemacherin aus den Vereinigten Staaten veranlassen könnte, dorthin zu reisen, um Filmaufnahmen zu machen. Kürzlich hat sich diese gewöhnliche Sicht auf die Dinge verändert. Denn in Schnega lebt seit einiger Zeit die aus Syrien geflüchtete Hamsa Alhalabieh. Die 44-Jährige ist in der englischsprachigen Welt so etwas wie eine der prominentesten Flüchtlingsfrauen überhaupt.

Jahrelang dauerte die Flucht der Familie mit den drei Kindern. In ihrer völlig zerstörten Heimatstadt Homs einer Hochburg der Rebellen und deshalb Ziel heftiger Angriffe der syrischen Armee konnte sie nicht bleiben. Zerstörte Häuser, Angst um die Kinder. „Da war kein Hauch mehr von Frieden“, erinnert sich die Englischlehrerin, „nur noch Angst.“ Vor fünf Jahren zog die Familie nach Damaskus, blieb dort eineinhalb Jahre. Eigentlich hatte Hamsa ihr Heimatland nicht verlassen wollen, doch auch in der Hauptstadt spitzte sich die Situation zu: „Wir waren so müde vom Krieg.“ Durch den Libanon, mit einem Lastwagen kurz vor dem Ersticken mit 150 anderen im Laderaum durch die Berge, von Izmir aus mit dem Schlauchboot das mit Wasser volllief und dem Ertrinken nahe auf eine griechische Insel, zu Fuß weiter in die Balkanstaaten, ein Stück mit dem Zug, wieder zu Fuß.

„Da war kein Hauch Frieden mehr, nur noch Angst.“ Hamsa Alhalabieh, Englischlehrerin aus Syrien

Reporter in Ungarn kennengelernt

Hamsa weint, wenn sie sich erinnert, an die Todesangst, die Angst um die Kinder, weint, wenn sie daran denkt, dass sie ihren Eltern vorab nichts von der Flucht erzählt hatte. Auch in Deutschland ist es nicht vorbei mit der Angst. Da sind die Erinnerungen, die Traumata, die Angst um ihre Eltern, die kein Leben haben in Syrien, sondern höchstens einen Nicht-Tod. „Warten auf den Tod, das ist das Leben in Syrien“, sagt Hamsa, die trotz allem nicht verbittert wirkt, die sich die Tränen aus dem Gesicht wischt.

In Ungarn, wo die Flüchtlinge von der Polizei festgehalten wurden, lernte Hamsa den britischen BBC-Reporter Matthew Price kennen. Er hatte nach einem Flüchtling gesucht, der gut Englisch spricht und war auf Hamsa gestoßen, die in ihrem flüssigen Englisch bereits dem arabischen Nachrichtensender Al Jazeera und dem französischen France24 Interviews gegeben hatte. So kam es, dass der Reporter Hamsa und ihre Familie auf der Flucht begleitete und sie auf dem Rest der Strecke nach Deutschland mehrfach interviewte, in Österreich etwa und später in der Lüchower Notunterkunft. Ein Millionenpublikum begleitete Hamsa vor dem Bildschirm auf der Flucht.

60 Stunden Filmmaterial

Die Interviews fielen der amerikanischen Filmemacherin Caroline Spearpoint auf. Sie entschloss sich, eine Dokumentation über Hamsa, ihre Flucht und ihr Leben in Deutschland zu drehen. Aus den zehn Tagen in Schnega und 60 Stunden Filmmaterial entstanden schließlich 20 Minuten Film, die im Internet auf www.hamsathedocumentary.com zu sehen sind. Ein beeindruckender Film über eine Frau, die alles verloren hat, um ihre Kinder und ihr Leben zu retten, die in einer fremden Umgebung das Beste aus ihrem Leben machen will, die dankbar ist für jede Hilfe und die sich nichts mehr wünscht, als in Deutschland nur ein Gast zu bleiben und zurückzukehren in ihre Heimat.

Das Schlimmste für Hamsa ist die fehlende Arbeit. „Ich bin es nicht gewohnt, zu Hause zu sitzen“, sagt sie. Deshalb will sie demnächst mit ihrer Familie nach Osnabrück ziehen, wo der Bruder ihres Mannes lebt. Das Wichtigste ist Hamsa, der Frau, die alles verloren hat, den Deutschen zu versichern, dass sie ihnen nichts wegnehmen will, dass sie nicht mehr sein will als ein nach ein bisschen Sicherheit suchender Gast.

Inzwischen ist sogar ein englischsprachiges Bilderbuch der Autorin Pauline Spearpoint, der Mutter der Filmemacherin, erschienen, das die Geschichte des „Flüchtlingshasen“ Rafi erzählt angelehnt an Hamsas Fluchtgeschichte. „Für Hamsa, ihre Familie und alle anderen Leute, die nach einem neuen Zuhause suchen“, lautet die Widmung. Und am Ende der Doku geht ein Dank der Filmemacherin auch an die Leute in Schnega: „Thanks to the people of Schnega“.

Von Benjamin Piel