Mittwoch , 21. Oktober 2020
Bei der Konferenz geht es um die sogenannte Trimodalität: Eine Rolle spielen dabei die Hafenbahn, das Schiffshebewerk und der Straßenverkehr wie auf der Ostumgehung. Fotos: A/t&w

Mit Drohnen gegen den Verkehrsinfarkt

Lüneburg. Die Logistik-Initiative Hamburg lädt ein zur „4. MetroLog 2016“ der Metropolregion Hamburg am Donnerstag, 17. November, in der Ritterakademie in Lüneburg. In diesem Jahr stehen unter anderem die „Trimodalität am Standort Lüneburg“, also die Erreichbarkeit des Hafens per Binnenschiff, Eisenbahn und Lkw, sowie „Industrie 4.0 als Chance für die Logistik-Region Hamburg“ als Themen im Mittelpunkt der Konferenz. Im Vorfeld sprach die LZ mit Dr. Jürgen Glaser, Prokurist der Süderelbe AG, über Stärken, Schwächen und Chancen der Region.

Interview

Dr. Jürgen Glaser von der Süderelbe AG. Foto: nh
Dr. Jürgen Glaser von der Süderelbe AG. Foto: nh

Welche Rolle spielt Logistik für die Region im Süden Hamburgs?
Dr. Jürgen Glaser: Logistik ist ein wichtiger Standort- und Entwicklungsfaktor. Sie ist essentiell für die Entwicklung jeder anderen Branche. Eine leistungsfähige Infrastruktur, vielfältige Umschlagmöglichkeiten, ein breites Spektrum an logistischen Dienstleistungsangeboten, vor allem aber die Vielzahl innovativer Betriebe heben die Region im nationalen und internationalen Vergleich hervor. Der Anteil der direkt in der Logistik Beschäftigten an der Gesamtbeschäftigung ist im Hamburger Süden mit 9,4 Prozent auffallend hoch. Er ist sogar etwas höher als in Hamburg mit 9,1 Prozent. In kaum einer Branche wurden in den vergangenen Jahren so viele Arbeitsplätze neu geschaffen.

Welche Rolle spielt sie für den Landkreis Lüneburg?
Auch für den Kreis Lüneburg nimmt die Logistik eine wichtige Rolle ein. Die gute Verkehrsanbindung über die A39, die Schiene und den Elbe-Seitenkanal bietet nahezu ideale Standortbedingungen für den Handel, für produzierende sowie für logistische Betriebe. Im produzierenden Bereich prägen die Lebensmittelindustrie und der Maschinenbau die Wirtschaftsstruktur des Landkreises. Mit dem Ausbau der A39 wird die Bedeutung der Logistik noch weiter zunehmen. Mehr als 1100 Unternehmen sind im Landkreis Lüneburg in der Logistik aktiv, darunter bekannte Unternehmen wie die Spedition Hiller, Bockelmann-Holz oder Jungheinrich. Im Landkreis sind rund 4000 Personen direkt in der Logistik beschäftigt. Der Anteil der direkt in der Logistik Beschäftigten an den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten insgesamt beträgt im Landkreis rund 7,5 Prozent.

„In kaum einer Branche wurden in den vergangenen Jahren so viele Arbeitsplätze neu geschaffen.“
Dr. Jürgen Glaser, Süderelbe AG

Sehen Sie die Möglichkeit, Schiene, Straße und Kanal in Lüneburg für ein Umschlagszentrum zu verbinden?
Der Hafen Lüneburg verbindet schon heute die verschiedenen Verkehrsträger. Mit seiner guten infrastrukturellen Ausstattung, sowohl an der Wasserseite mit seinen rund 940 Metern Liegeplatzlänge als auch mit der Hafenbahn, übernimmt er die Funktion eines überregional ausgerichteten Umschlagzentrums, derzeit vor allem für Massengüter. Aber auch der Umschlag von Stückgütern, Fertigprodukten und Containern ist in Lüneburg sowohl im Binnenhafen als auch über die Hafen- und Goseburgbahn möglich. Der 1976 in Betrieb genommene Hafen, inklusive der Hafenbahn, ist für ein Umschlagsvolumen von rund 1,2 Millionen Tonnen pro Jahr infrastrukturell ausgelegt. Die derzeitige Auslastung beträgt rund ein Viertel der vorhandenen infrastrukturellen Kapazität. Ansiedlungs- und Erweiterungsflächen direkt im Hafen stehen nur noch im begrenzten Umfang zur Verfügung. Unabhängig davon besteht aber Wachstumspotenzial für den überregionalen Güterumschlag am Standort Lüneburg, ohne dass umfänglich in die öffentliche Infrastruktur investiert werden muss. Aktuell laufen am Standort Lüneburg jedoch noch nicht die Gütermengen und entsprechenden Güterarten zusammen, die den Aufbau weiterer Umschlagzentren wie ein Güterverkehrszentrum rechtfertigen würden. Der Umschlag im Hafen Lüneburg hat in den vergangenen Jahren kontinuierlich zugenommen. Diese Entwicklung gilt es zu nutzen: Die Weiterentwicklung des Hafens zum wie es so schön heißt „trimodalen Logistikstandort“ bietet einen geeigneten Ansatz zur Stärkung Lüneburgs als Umschlagzentrum.

Wie wichtig sind dafür die A39 und ein größeres Hebewerk in Scharnebeck?
Für die Weiterentwicklung sind die A39 und die neue Schleuse von herausragender Bedeutung. Mit dem Lückenschluss der A39 wird die Erreichbarkeit Lüneburgs weiter verbessert, die regionale Wirtschaft gestärkt, das Wertschöpfungspotenzial der Logistik für Lüneburg und den Hafen, aber auch entlang der A39, kann genutzt werden. Gutachten im Auftrag der IHK Lüneburg-Wolfsburg haben dies bestätigt. Schon heute gilt Scharnebeck als Flaschenhals für die Binnenschifffahrt. Die Schleuse kann nur von Europaschiffen mit einer Länge von 85 Metern und von Schubleichtern passiert werden. Die weit verbreiteten und deutlich wirtschaftlicheren Großmotorgüterschiffe von 110 Metern Länge und die Übergroßmotorschiffe mit 135 Metern Länge, die künftig die Europaschiffe ersetzen werden, können nicht passieren. Um die Kapazitätsreserven des Elbe-Seitenkanals zu nutzen und die umweltverträgliche Binnenschifffahrt zu stärken, sollte der Neubau der Schleuse mit einer Troglänge von 225 Metern bis spätestens 2025 fertig sein. Hierfür setzen sich zum Beispiel die Süderelbe AG, die Logistik-Initiative Hamburg, vor allem aber das bei der IHK Lüneburg-Wolfsburg angesiedelte Bündnis Elbe-Seitenkanal bereits seit Längerem ein. Kommt der Schleusenneubau zügig und rechtzeitig, hat die Binnenschifffahrt künftig eine realistische Chance, als Alternative zu Schiene und Straße an Bedeutung zu gewinnen. Letztlich ist das auch notwendig. Nur wenn alle Verkehrsträger fit gemacht werden, können die Herausforderungen, die mit den Gütermengenzuwächsen in den kommenden Jahren verbunden sind, bewältigt werden und Entwicklungsimpulse in der Region entstehen.

Schon heute leiden Anwohner unter Straßenverkehr. Welche Möglichkeiten sehen Sie für andere Transportmittel in der Region?
Die Stadt Lüneburg ist wie andere Städte in der Europäischen Union gezwungen, bestimmte Grenzwerte bei der Luftqualität einzuhalten. EU-Richtlinien legen strenge Obergrenzen für Stickstoffoxide, Schwefeldioxid oder Feinstaub fest. Sie tragen dazu bei, die Umwelt- und die Lebensqualität der Bewohner zu erhalten und zu verbessen. Das ist ein sinnvoller Weg, jedoch nur eine Möglichkeit, den vom Straßenverkehr ausgehenden Problemen Herr zu werden. Es gibt vielfältige Lösungsansätze.

Modellversuch mit Lastenfahrrädern

Die in der Metropolregion Hamburg aktive Logistik-Initiative sieht zum Beispiel in der intelligenten Belieferung auf der sogenannten „letzten Meile“ Ansätze zur nachhaltigen und effizienten Abwicklung von Lieferverkehren. Unter dem Titel SMILE das steht für „Smart Last Mile Logistics“ sollen verschiedene Ansätze in Hamburg zusammengeführt und modellhaft umgesetzt werden, und zwar

  • innovative Zustellprozesse mit Mikrodepots, Kofferraumbelieferung, Paketbriefkästen oder dem Einsatz von Lastenfahrrädern;
  • alternative Antriebe mit Elektrofahrzeugen oder LNG betriebenen Lkw;
    intelligentes Verkehrsmanagement mit verkehrsträgerübergreifender Steuerung oder digitale Zustellhilfen über Smartphone;
  • alternative Transportsysteme mit autonomen Fahrzeugen, Robotern oder vielleicht sogar Drohnen.

In der Stadt Lüneburg, in der auch die E-Commerce-Belieferung zunimmt, würden solche Strategien sicherlich auch zur Verkehrsentlastung beitragen. Das Thema Belieferung mit Elektrofahrzeugen oder der Einsatz von Lastenfahrrädern wären praktische Beispiele, mit denen sich eine Verkehrsentlastung im Innenstadtbereich herbeiführen ließe.